DUBLIN. Wahlkampf findet für Niamh Gallagher dieser Tage jederzeit und an jedem Ort in Irland statt, selbst nachts um halb elf Uhr im Taxi. Kürzlich hat ihr ein Taxifahrer erklärt, warum er den Lissabonner EU-Vertrag ablehnt. Im Radio nämlich, so erzählte der Chauffeur seiner hinter ihm sitzenden Kundin, habe ein Redner vor einer europäischen Armee gewarnt: Wenn der EU-Vertrag erst abgesegnet sei, würden die Iren in ein fremdes Heer eingezogen. Mit diesem Märchen war er an die Richtige geraten: "Falsch!", rief Niamh Gallagher, "das ist eine komplette Lüge." Der Fahrer könne den EU-Vertrag am Freitag selbstverständlich ablehnen - "aber bitte nicht aus diesem Grund". Dann zog sie ein Redemanuskript aus der Tasche und händigte es ihm aus, zusammen mit Prospekten: "Würde mich freuen", sagte sie beim Aussteigen, "wenn Sie das vorher noch lesen." Die 28-Jährige findet das Referendum am Freitag so wichtig, dass sie gemeinsam mit einer Bekannten die pro-europäische Organisation Women for Europe ins Leben gerufen hat.Die Taxi-Szene spielte sich nach einer öffentlichen Diskussionsrunde zur neuen EU-Verfassung ab. So wie im Auto, von Bürger zu Bürger, findet Niamh Gallagher, müsse die Debatte über den irischen Volksentscheid über den EU-Vertrag am 2. Oktober verlaufen. "Wir können den Wahlkampf nicht noch einmal den Politikern überlassen", erklärt sie, "das hat uns letztes Mal ein katastrophales Ergebnis beschert."Die Iren sind die einzige europäische Nation, die über den Lissabon-Vertrag abstimmen, weil ihre Verfassung das erfordert. Beim ersten Votum im Juni 2008 schmetterten sie das 500-Seiten-EU-Werk mit 53 Prozent Nein-Stimmen ab. Als abzusehen war, dass es ein zweites Referendum geben würde, schwor Niamh Gallagher, die für einen Kinderschutzbund arbeitet, sich mehr zu engagieren.Wie kleine Pilze im irischen Moos sind in den vergangenen Monaten Bürgergruppen emporgeschossen, die sich für ein Ja-Votum engagieren: Ireland for Europe, heißt die größte Kampagne, die namhafte Unterstützer hat: Literatur-Nobelpreisträger Seamus Heaney und der Gitarrist The Edge der Rockband U2 sind unter ihnen. Angeführt wird Ireland for Europe von Pat Cox, dem früheren irischen EU-Parlamentspräsidenten. An die jungen Leute wendet sich Generation Yes. Die Charter Group bemüht sich um Gewerkschaften, Business for Europe um die Wirtschaft. Es gibt Landwirte für Europa und Rechtsanwälte für Europa.Niamh Gallagher nahm sich der Frauen an, denn 2008 waren die irischen Frauen noch euroskeptischer als die Männer: Ihre Ablehnung machte 56 Prozent der Nein-Stimmen aus. Tatsächlich, so haben Analysen später ergeben, war es vor allem die irrationale, von der Nein-Kampagne geschürte Angst vor einer angeblichen europäischen Armee, die Frauen ihr Kreuzchen beim "Nein" setzen ließ: Sie wollten Söhne und Enkel vor der vermeintlichen Rekrutierung schützen.So wie das andere heikle Frauenthema, die Abtreibungsfrage, war Rekrutierung nie Teil des Vertrags - aber sie war in den Köpfen. Niamh Gallagher versucht also, Gespenster zu verscheuchen. Sie erklärt, wie grundlegend Irlands Eintritt in die EU 1973 das Leben irischer Frauen veränderte, weil er gerechten Lohn und Mutterschutz auf die Insel brachte. "Bis 1973", argumentiert sie, "mussten Frauen im öffentlichen Dienst hier noch ihre Stelle aufgeben, wenn sie verheiratet waren."Es ist ein Mythos, dass die Iren mit dem Nein-Votum 2008 Europa die kalte Schulter zeigen wollten, dass sie einen Partner, der ihnen ein gutes Leben finanziert hatte, undankbar zurückstießen wie einen alten Liebhaber, der keinen Vorteil mehr bringt. Auf den Straßen Dublins trifft man so gut wie keinen Iren, der ein dermaßen gestörtes Verhältnis zu Europa und zur EU hat wie etwa ein beachtlicher Teil der Briten. Im Gegenteil: Es wird allgemein anerkannt, wie sehr die Insel von ihrer Verbindung zum Kontinent profitierte. Die EU ist der größte Exportmarkt des Landes, Ziel für 65 Prozent der ausgelieferten Güter. 98 Prozent der Arbeitgeber gaben in einer Umfrage des Industrieverbandes Ibec an, dass Irlands Wirtschaft ihren Erfolg nur der EU verdankt.Dass die Iren den Vertrag von Lissabon 2008 dennoch scheitern ließen, hatte wenig mit dessen Inhalten zu tun, weit mehr mit einer Angst vor tiefgreifenden Veränderungen, wie sie im Globalisierungszeitalter überall zu beobachten ist. "Diese diffuse Furcht", sagt Pat Cox, der Ireland for Europe organisiert, "spielte den Vertragsgegnern in die Hände." Die EU hat inzwischen eine Reihe von Garantieerklärungen abgegeben, die künftig Gesetzeskraft haben: Das Land wird seinen EU-Kommissar behalten; erstmals wird seine militärische Neutralität in einen Vertrag aufgenommen.Ob das für eine Mehrheit der Ja-Stimmen reicht? In der jüngsten Umfrage der Sunday Business Post erklären 55 Prozent ihre Zustimmung zum Vertrag, 27 Prozent lehnten ihn ab, 18 Prozent waren unentschlossen. Bei einer Bürgerfragestunde im Dubliner Stadtteil Harold's Cross versammelten sich vorige Woche vierzig Männer und Frauen in einer Schulturnhalle; die meisten waren skeptisch: Viele äußerten ihre Befürchtung, dass ihnen die Eigenverantwortung für ihr Leben aus den Händen gleitet, etwa durch den Zuzug von Fremdarbeitern oder Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt. Oft wird dafür die Regulierungswut aus Brüssel verantwortlich gemacht. Die schwere Rezession, Wirtschaftsabschwung, Lohnkürzungen und Arbeitslosenzuwachs verstärken die Sorge. "Man kann gegen den Lissabon-Vertrag, und trotzdem eine gute Europäerin sein", sagt eine Arbeitnehmervertreterin resolut.Die guten Europäer finden sich überall, vor allem unter den jungen Iren. Auf dem Universitätscampus des Trinity College in Dublin hatten vor Semesterstart Dutzende von Studentenorganisationen ihre Stände eröffnet, um Neuzugänge für ihre Klubs zu werben, von Fechten bis Volkstanz. So auch die Europe Society, deren Ziel weniger der akademische Austausch ist als das Feiern des Oktoberfests - sowie eine Studienfahrt zum Kontinent. 88 Neumitglieder schrieben sich am ersten Tag ein, das war Rekord. Trotz dieser Europa-Begeisterung waren die jungen Iren 2008 kaum an die Wahlurnen zu bewegen. Die Zahl der Nichtwähler war unter jungen Leuten besonders hoch. Das ist die Gruppe, für die sich Generation Yes besonders interessiert: Louise O'Farrell, die ein Jahr Jura in Freiburg studierte, händigte auf dem Studentenjahrmarkt Infozettel aus, verwies auf die Face-Book-Seite von Generation Yes und warb für T-Shirts mit der Aufschrift: "Ich küsse nur Ja-Wähler." Von der Regierung und den Politikern genervt zu sein, sei kein Grund, am 2. Oktober nicht zur Abstimmung zu gehen.Alle politischen Parteien Irlands werben für den EU-Vertrag, die nationalistische Sinn Fein ausgenommen; Geschäftsleute wie Michael O'Leary, Chef der Fluglinie Ryan Air, engagieren sich mit hohen Summen: "Das Land ist pleite; nur die Europäische Zentralbank steht zwischen uns und dem Armenhaus", lautet sein eingängiger Werbespruch. Doch es sind vor allem die Iren selbst und die Bürgergruppen, die diesmal Debatten prägen.Viele, wie Women for Europe, sind spontan entstanden, weil Leute wie Niamh Gallagher und ihre Freundinnen möglichst viele Bekannte anschrieben und eine professionelle Spendensammlerin auftrieben. Andere Gruppen, sagt Pat Cox, wurden gezielt aufgebaut: "Alle sind von Regierung und EU unabhängig. Aber so eine Bürger-Kampagne ist geplant." Er selbst hat viele Bekannte angesprochen und um Unterstützung gebeten; Irland ist mit knapp sechs Millionen Einwohnern ein kleines Land.Und eines, das seine Zukunft selbst bestimmt. "Beim letzten Mal habe ich mit Nein gestimmt, weil ich die Regierungspolitik nicht mochte", gab eine Gewerkschafterin in der Dubliner Turnhalle zu. "Diesmal möchte ein kluges, begründetes Urteil abgeben."------------------------------Widerstand in PragBlockade: Von Tsche-chien ausgehend droht eine weitere Verzögerung des Ratifizierungsprozesses des Lissabon-Vertrages. Der als EU-kritisch bekannte Senatsabgeordnete Jiri Oberfalzer legte gestern mit 16 anderen Senatoren Verfassungsbeschwerde gegen die Unterzeichnung des Vertrages ein. Eine rasche Ratifizierung des Vertrags in Tschechien ist unwahrscheinlich.Das Ziel: Der Lissabon-Vertrag soll die erweiterte EU mit einer Strukturreform handlungsfähiger machen. Damit das Abkommen in Kraft treten kann, muss es von allen 27 Mitgliedstaaten ratifiziert werden.------------------------------"Europa ist zu wichtig, um es nur den Politikern zu überlassen." Niamh Gallagher, Women for EuropeFoto: Nein, nein und nochmals nein: Die irischen Gegner des Lissabon-Vertrages sehen Schlimmes voraus, falls die Wähler dem EU-Vertrag zustimmen.