Ein wenig verloren wirkt sie schon, die Dame mit den üppigen Formen in dem grüngepunkteten Badeanzug. Mitten in Messehalle 9 steht sie, ganz allein, ganz stumm. Keiner kümmert sich um die knapp bekleidete Schönheit; man sollte zu ihr gehen und sie ansprechen.Die Badenixe ist eine Plastik von Ernst Leonhardt. Er gab ihr einen sarkastischen Titel: "Sonnenschutzfaktor". Sie gehört zu den 2 000 Arbeiten, die auf der 25. Freien Berliner Kunstausstellung (FBK) zu sehen sind. Die in ihrer Art einzigartige Werkschau zeigt auf 8 000 Quadratmeter Fläche so ziemlich alles, was Kunst ist, sein kann, sein will - Zeichnungen, Bilder, Raum-, Klang- und Videoinstallationen, Skulpturen, Collagen, Fotografie. Daneben gibt es eine Sonderschau mit Leihgaben der Berlinischen Galerie, Kunstbasar, Kinderatelier und diesen "Blickfang": An der Hallen-Außenfront sind 30 große, aktuelle Bildtafeln zu sehen.Der Gang durch die Mammutausstellung - mit 72 Künstlergruppen und Studenten beider Berliner Kunstakademien - wird zu einer Wanderung durch die Kunstgeschichte. Vielfalt reicht von Porträtmalerei und pittoresken Berliner Stadtansichten bis hin zum skurrilen Vexierkabinett, vom Naturalismus bis zum Futurismus, vom Impressionistischen bis zu schrill Abstraktem. Da sieht man naive Malerei neben greller Satire a la Grosz oder Dix, farbenfrohen Kitsch neben Experimentellem und politisch Ambitioniertem, kubistisch Angehauchtes neben Pop-Art-Adaptionen.Ein kunterbuntes Kaleidoskop eben. Man kann es verwirrend, überbordend, chaotisch finden, aber ebenso spannend. Alles ist möglich, und nicht eine Herangehensweise bestimmend. Es gibt keine Wahrheit, jeder darf Kunst verstehen und kreativ umsetzen, wie er will. Genau das ist die Idee der FBK seit ihrer Geburtsstunde vor 25 Jahren: "Künstler arbeiten, planen und organisieren für Künstler" - ohne Jury, ohne Bevormundung, ohne Zwang. Und sie haben die Möglichkeit, die Isolation ihres Ateliers zu verlassen, sich real oder gedanklich mit den Werken der Kollegen auseinanderzusetzen. Beinahe hätte es diese 25. FBK nicht gegeben: Geldmangel. Was es jedoch anderswo nicht gibt, die Künstler kennen es: Solidarität. Am 21. Mai gibt es eine Kunstauktion, auf der 1 000 von Berliner Künstlern gespendete Werke versteigert werden - zugunsten der Ausstellung.Übrigens: Wer die vollschlanke Badenixe mit nach Hause nehmen möchte, kann dies tun. Sie ist, wie (fast) alle Exponate, zu haben.Jürgen Otten Messehalle 9 a, b, c am Funkturm, bis 5. Juni, tgl. 10-19 Uhr, Auktion am 21. Mai, 12 Uhr, Telefon: 3 01 51 01. +++