Eigentlich würde Said Jibril Aris viel lieber wieder in seine Bibliothek gehen, als hier, im äußersten Nordosten Somalias, als Hafenmanager zu arbeiten. Daß Aris in der früheren UdSSR Literaturwissenschaft studiert hat, interessiert im Jahre sieben nach dem Zusammenbruch des somalischen Staates niemanden.Die Hauptstadt Mogadischu, wo die beiden selbsternannten "Präsidenten" Somalias, Ali Mahdi und Hussein Aidid, das Sagen haben, ist weit. Und so fügt sich Aris, der hochgewachsene Endvierziger mit dem langen weißen Bart weiter dem Wunsch seiner Clanführer und tut Dienst im Hafen von Boosaaso. "Ich hatte keine Ahnung von der Materie", sagt der Mann, der für solch einen Job, der in Somalia nach Korruption und Gewalt klingt, eigentlich zu sanftmütig wirkt.Der mit italienischer Hilfe gebaute Hafen mit seiner 500 Meter langen Mole ist das geschäftige Zentrum des ehemaligen Fischerdorfes, dessen Einwohnerzahl zu Beginn der neunziger Jahre innerhalb kurzer Zeit von 20 000 auf knapp 100 000 anwuchs. Hafenmanager Aris gebietet über 50 Angestellte und 150 Milizionäre, die mit geschulterten Kalaschnikow-Maschinenpistolen versuchen, Schmugglern und Zollprellern Respekt einzuflößen. Trotzdem fordern die Zöllner ihren Anteil aus den Einnahmen. Die Clans der drei Regionen, die den Hafen nutzen, wollen ebenfalls von den Erlösen profitieren. Und nicht zuletzt möchte die wichtigste politische Bewegung der Region, die Somalische Demokratische Rettungsfront (SSDF) 14 Prozent von den Einnahmen.Seitdem der autoritäre Staat Somalia 1990 mitsamt seinen Institutionen kollabiert ist, hat sich in vielen Regionen des Neun-Millionen-Einwohner-Landes ein Geflecht von Autoritäten entwickelt, das für Außenstehende immer undurchschaubarer wird. Alle diese Autoritäten erheben Anspruch auf einen Anteil an der Macht. ¤¿qSchablinski,Barbara^4#"Pþîp§ÿÿ¢uäDie Hoffnungen alter somalischer Patrioten, die immer noch auf einen wiederauferstehenden somalischen Nationalstaat hoffen, scheitern schon an einfachen Angelegenheiten, wie der Bewirtschaftung des Hafens von Boosaaso.Die SSDF stellt auch bei der Bewirtschaftung des Hafens von Boosaaso die oberste Autorität dar, außerdem "beraten" Ältestenräte und Sultane, die über schwer bewaffnete Milizen verfügen.SSDF, General Mohammed Abshir Musa, flüchtet sich in analytische Allgemeinplätze über seine Stadt. "lm somalischen Durchschnitt stehen wir in nicht schlecht da", sagt er. Abshir Mu sa war in den sechzigerJahren somalischer Generalstabschef, und er ist eine Autorität in der Stadt. Einer der alten Männer, die an die somalische Einheit glauben. Eine Einheit, die dem Mann auf der Straße in den Jah- ren des Krieges und der Zerstörung herzlich gleichgültig geworden ist. Von den Dächern der wenigen massiven Häuser in Boosaaso rechrend die Masse von der Hand in den Mund lebt, hat sich eine reiche Gegenwelt etabliert. Telefongespräche aus Boosaaso in alle Welt? Kein Problem, für drei US-Dollar pro Minute kann man von hier einfacher nach Ontario oder Johannesburg telefonieren als aus den meisten afrikanischen Hauptstädten.Somalier, die vor dem Krieg flohen, kommen zurück. Mit kanadischen oder US-amerikanischen Gesellschaften im Rüc mit UNO-Hilfe die Gebäude für die Hafenverwaltung fertiggestellt worden. Benutzt werden sie nicht, weil die vielen kleinen und großen Autoritäten sich nicht einigen können, wer in der Administration was zu sagen haben soll. ¤¡YSchablinski,Barbara^4.Çþîp§ÿÿ¢z(5Trotzdem, so hofft der Politologe Matt Bryden, daß vielleicht gerade im Zusammenbruch auch die Chance Somalias liegt. Der Kanadier berät die lokalen Autoritäten bei der Konfliktlösung. "Die Somalis haben die Infrastruktur zerstört, die sie von den italienischen Kolonialherren übernahmen. Wenn sie etwas wieder aufbauen wollen, dann müssen sie bei null anfangen." Aber der Traum vom nationalen Wiederaufbau wird meist nur von den Eliten geträumt. "Vielleicht sehen die Leute irgendwann ein, daß es so nicht weitergeht", hofft Hafenmanager Aris, "Inshallah ­ so Allah will".