HOHEN NEUENDORF. Wenn sie aus ihren Brutzellen schlüpfen, sind sie oft verkrüppelt, geschwächt und überleben meist nicht sehr lange. Die Jungbienen - und damit die Zukunft der Imkerei und auch der Landwirtschaft - sind nicht nur in Brandenburg bedroht. Denn es gibt gerade in Ostdeutschland nicht nur immer weniger Bienenvölker, sondern auch einen ernst zu nehmenden Feind der Honigbienen: Die Varrao-Milben. Zwar schädigen diese aus Asien stammenden Schädlinge bereits seit den 70er-Jahren auch in den heimischen Bienenstöcken die Bienenbrut. Doch inzwischen sind sie flächendeckend verbreitet und lassen ganze Völker sterben. Die Zahlen sind dramatisch. "Von den 900 000 Bienenvölkern in Deutschland überlebten 300 000 den Winter 2002/2003 nicht", sagt Alexander Müller, Staatssekretär im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernähung und Landwirtschaft.Arbeiterinnen riechen BefallNun soll ein zweijähriges Forschungsprogramm des Länderinstituts für Bienenkunde in Hohen Neuendorf (Oberhavel) die Rettung bringen. Dort sollen vor allem Tiere für die Züchtung gefunden werden, die die Milben selbst bekämpfen können. Dazu überbrachte Staatssekretär Müller dem Institut einen Bewilligungsbescheid über 253 000 Euro für das Programm. "Die Biene ist ein kostenloser und sehr wichtiger natürlicher Helfer in der Landwirtschaft", sagt er. Deshalb müssen die Landwirte auch so arbeiten, dass die Biene überlebt - mit möglichst wenig Chemie. "Das Institut sucht einen Weg zur chemiefreien, natürlichen Bekämpfung der Milbe", sagt Müller. Bisher wurde versucht, den Schädling durch Tiermedikamente zu bekämpfen: Doch manche Arznei musste in so hohen Dosierungen eingesetzt werden, dass auch Bienen geschädigt wurden. Oder die Milben wurden bei mehrmaligem Einsatz gegen das Mittel resistent und die Chemikalie lagerte sich auch noch im Bienenwachs ab. "Wir wollen aber, dass Honig ein reines Naturprodukt bleibt", sagt Müller."Die asiatische Biene lebt mit der Milbe und kann sie selbst bekämpfen", sagt Institutsleiter Kaspar Bienefeld. Die einheimische Biene kann dies jedoch nicht. Trotzdem sollen keine asiatischen Tiere importiert werden. Zum einen können sie nicht mit den heimischen Bienen gekreuzt werden, zum anderen würden sie im hiesigen Klima nicht überleben. "Wir suchen nun für die Zucht nach einheimischen Bienen, die die Milben selbst bekämpfen", sagt Bienefeld. Per Videoüberwachung wurde festgestellt, dass von 2 000 Tieren nur zehn bis 15 Bienen dazu in der Lage sind.Diese wenigen Arbeiterinnen würden durch die verschlossene Brutzelle riechen, ob diese von den Milben befallen sei, erklärt der Institutschef. Wenn das der Fall ist, öffnen sie den Deckel und schaffen die befallene Brut hinaus. "Die Milben können sich nur in den Zellen fortpflanzen", sagt Bienefeld. Wenn nicht gegen die Schädlinge vorgegangen werde, sei ein von ihnen befallenes Bienenvolk innerhalb von zwei Jahren ausgestorben. In Brandenburg gibt es derzeit etwa 2 400 Imker mit etwa 30 000 Bienenvölkern. Umweltminister Wolfgang Birthler (SPD) sagt: "Die Imkerei hat in Brandenburgs großen Heide- und Moorlandschaften eine jahrhundertelange Tradition und ist nach wie vor von großer ökologischer und wirtschaftlicher Bedeutung." Sie liefert einerseits das gesunde Naturprodukt Honig, doch noch wichtiger sei eine möglichst weit verbreitete Bienenhaltung für die Bestäubung der Kultur- und Naturpflanzen. "Es ist ganz einfach", sagt Birthler, "ohne Bienen keine Landwirtschaft."Prämien zu DDR-ZeitenFür Institutsleiter Bienefeld ist es wichtig, dass die Brandenburger die Biene wieder mehr respektieren und nicht - wie so oft - vor Gericht ziehen, wenn in der Nähe ihrer Häuser oder Gärten ein Bienenwagen aufgestellt wird und sie sich belästigt fühlen. "Die Bienen hier sind doch sehr sanftmütig", sagt Bienefeld, der selbst höchstens fünfmal im Jahr gestochen wird. Wichtig sei auch, dass Imker wieder stärker finanziell unterstützt würden und sich ihre Arbeit wieder lohne. Zu DDR-Zeiten gab es viel mehr Bienenzüchter, weil sie mit festen Bestäubungsprämien rechnen konnten. "Solche Prämien wird es wieder geben müssen", sagt der Institutsleiter. "Denn den Honig könnten wir zur Not auch importieren, aber die Bestäubungsleistung der Bienen nicht."Ein weiteres Problem ist, dass die Bienen mancherorts "hungern", weil es durch die monokulturelle Landwirtschaft nicht mehr den gesamten Frühling und Sommer blüht. Nun wird geplant, dass stillgelegte Flächen in der Landwirtschaft wenigsten für die Bienen von Nutzen sind: als Bienen-Weiden.------------------------------Weltmeister im Honig essen // Bundesrepublik: In Deutschland gibt es etwa 90 000 Imker mit etwa 900 000 Bienenvölkern. 89 Prozent betreiben die Imkerei als Hobby, da das Geschäft mit dem Honig nicht mehr lukrativ ist. Ostdeutschland: Der Osten Deutschlands gilt hinsichtlich seiner Bienendichte als Armenhaus Europas. Es gibt nur etwa 12 000 Imker und nur ein Bienenvolk je Quadratkilometer - zu DDR-Zeiten waren es vier, in Westdeutschland sind es heute 2,7 Völker. Bestäubung: In Mitteleuropa werden 80 Prozent der Blüten durch Insekten bestäubt - meist durch Honigbienen. Diese Arbeit kann nicht durch Hummeln oder andere Insekten übernommen werden. Ohne Bienenwagen an Rapsfeldern würde der Ernte-Ertrag beim Raps um 30 Prozent sinken.Leistung: Die Bestäubungsleistung für die Landwirtschaft wird auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Das macht die Biene nach Rind, Schwein und Huhn zum viertwichtigsten Nutztier.Honig: In Deutschland wird Honig für 200 Millionen Euro produziert. Doch 75 Prozent des hier zu Lande konsumierten Honigs kommt aus Südamerika, Russland und China.Verbrauch: Die Deutschen sind noch immer Weltmeister beim Honig essen. Jeder Deutsche isst pro Jahr 1,4 Kilo des gesunden und nährstoffreichen Naturproduktes.Institut: Das Hohen Neuendorfer Institut beschäftigt elf feste und 20 freie Mitarbeiter. Es wird von den Ländern Brandenburg, Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen getragen.------------------------------Foto: Eine Biene landet auf den Pollen einer Sonnenblume. In Deutschland gibt es immer weniger der fleißigen Tierchen, da sie durch Milben bedroht werden.