Und dann am Abend nach Grinzing zum Heurigen. So steht es in jedem Wienführer als Programmvorschlag. Grinzing gilt als der wienerischste Teil Wiens. In Grinzing, da stehen auch die Nobelvillen, wer hier wohnt, der hat es geschafft und sei es durch Erbschaft. Wird man als Besucher bei der Endstation der Straßenbahnlinie 38 ausgespuckt, ist die Idylle, die hier herrscht, anfangs nur schwer auszuhalten. Die kleinen Häuschen sind allesamt so adrett, dass sie wie eine Filmkulisse wirken. Geht man ein Stück zu Fuß, dann ist man auch schon auf der Himmelstraße, die sich steil nach oben schraubt, so dass einem der Name der Straße sehr passend gewählt erscheint. Bei der Nummer 24, mit hoher Mauer umschlossen, ragt ein Haus in die Höhe, das so auch vielleicht in Tirol in den Bergen stehen könnte. Oben mit Holz verkleidet, klar und kantig, aber doch ein bisschen rustikal. Es passt ganz gut zu Paula Wessely, denkt man. An der Klingel findet sich bloß eine Andeutung. In ganz zarter Schrift stehen da die Initialen P.W.Hier hat die Schauspiellegende Paula Wessely, 1907 in Wien-Fünfhaus als Tochter eines gut situierten Metzgers geboren, gelebt. Ihre letzten Jahre, nach dem Tod ihres Mannes, des Schauspielers Attila Hörbiger, im Jahr 1987, verbrachte sie sehr zurückgezogen. Ihre drei Töchter, Elisabeth Orth, Christiane und Maresa Hörbiger, sind allesamt auch Schauspielerinnen geworden. Allein das wäre ein gelungener Stoff für eine Familien-Saga im Fernsehen. Die Geschichte einer Dynastie.Als Paula Wessely am 11. Mai im Alter von 93 Jahren gestorben ist, da konnte man schön beobachten, wie schwierig es ist, einen Nachruf über sie zu schreiben. Zu eng ist ihr Leben, ihre Laufbahn mit österreichischer Geschichte und vor allem Identität verbunden. Wie groß war ihre Mitschuld an der NS-Propagandamaschinerie wirklich? Die konservative Tageszeitung "Die Presse" hat frech verteidigend betont, man wisse ja wohl, dass es mit dem politischen Bewusstsein der Bühnenmenschen "nicht immer zu Besten steht". Die Wessely aber wäre wegen "eines einzigen" Propaganda-Films (gemeint ist der rassistische Hetzfilm "Heimkehr" von 1941) "bösartigen Attacken" ausgesetzt worden. Neuere Forschungen zum Film hingegen zeigen, dass Paula Wessely, die zu einem der bestbezahlten weiblichen Stars des Nationalsozialismus avancierte, bereits in austrofaschistischen Tendenzfilmen wie "Ernte" (1936) den Weg für NS-Gedankengut - naturverbunden, mütterlich und entsagend - ebnete. Und in den 50er-Jahren, als Wessely ihre eigene Filmproduktionsfirma hatte, engagierte sie ehemalige NS-Propagandisten wie Gustav Ucicky oder den "Jud Süß"-Regisseur Veit Harlan, mit dem sie 1957 das schwulenfeindliche Machwerk "Anders als du und ich" drehte. In ihrem ersten Film nach dem Krieg "Der Engel mit der Posaune" (1948) wird die Wessely in der Rolle einer Halbjüdin in den Freitod getrieben. So hat sich Österreich als Ganzes gerne gesehen - als erstes Opfer des Nationalsozialismus. Für Elfriede Jelinek ist die Wessely eine "Kriegsgewinnlerin", mit der im Nachkriegsösterreich "sehr glimpflich verfahren" wurde.Beim Begräbnis der Paula Wessely ist Kaiserwetter, wie der Wiener sagt. Durch und durch strahlender Sonnenschein. Die Feierlichkeit ist überraschend bescheiden, fast als wäre Paula Wessely ihre dubiose staatstragende Rolle und ihre Legendenhaftigkeit selbst ein wenig suspekt geworden. Manches hat sie sich verbeten, etwa das berühmte Burgtheaterzeremoniell, demzufolge die Tote auf der Feststiege des Theaters aufgebart steht, und dann der Sarg zum letzten großen Abschied um das Haus getragen wird. Mit der Feier in der kleinen Grinzinger Kirche war hingegen kein Staat zu machen. Sie fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Für einige hundert Leute, die vor der Kirche warteten, meist in betagtem Alter, wurden der Gottesdienst und die Ansprachen von Burg-Direktor Klaus Bachler und Burg-Doyen Michael Heltau per Lautsprecher nach außen auf die Straße übertragen. Friedhof und Kirche liegen nur wenige Schritte von Wesselys Wohnhaus entfernt. Bachler sagte: "Sie war die schlichteste und raffinierteste Schauspielerin zugleich", was sehr treffend einen Widerspruch beschreibt. Als schlicht und natürlich wurde ihr Spiel von Zeitgenossen gelobt, und zwar meist vereinnahmend als Abgrenzung gegen dekadent, großstädtisch und verführerisch. Heute, aus der Distanz, sieht man aber deutlich, wie raffiniert gemacht die Kunst der Wessely war, wie diszipliniert gesetzt jede noch so kleine Geste, jeder Tonfall im Raum steht. Wie sehr vom Kopf geleitet ihr Spiel ist. Ihr Stolz, ihre manchmal sogar arrogante Güte, ihre Art Kleinigkeiten nach vorne zu rücken, ihre fast androgyne Ausstrahlung in der Jugend, betrachtet man all das aus der Entfernung, dann wünscht man sich, die Wessely hätte ihr Talent an andere, modernere Rollen gebunden. Sieht sich das - Ehrenmitgliedern des Burgtheaters vorbehaltene - Trageritual durch Paula Wesselys Weigerung plötzlich hinterfragt, so warten andere österreichische Theatertraditionen auf ihre Weiterführung. Da wäre die Frage, an wen Wessely den Alma-Seidler-Ring weiterreichte? Er gilt als weibliches Pendant zum Iffland-Ring, und Wessely war ab 1979 seine erste Trägerin. Er geht an die "bedeutendste und würdigste Bühnenkünstlerin des deutschsprachigen Theaters auf Lebzeiten". Im vergangenen Winter hat Wessely den Namen geändert, mit der knappen Begründung "Die ist gestorben". Der neue Name wird erst nach der Theater-Sommerpause bekannt gegeben. Dann soll auch geklärt werden, wer Wessely als "Doyenne" des Burgtheaters folgt. Auch das ist eine sehr österreichische Sache. Es handelt sich um eine Ehrenauszeichnung, die mit einer Gage auf Lebenszeit verbunden ist. Der Doyen und die Doyenne sollen das Theater mit all ihrer Strahlkraft nach außen vertreten. Für beides muss man zuvor zur Kammerschauspielerin beziehungsweise zum Kammerschauspieler ernannt worden sein. Dies wiederum erfordert... - Der Tod der Wessely ruft diese Traditionen wieder ins Bewusstsein. Dass sie nicht gänzlich ausstrapaziert wurden, dass der gegenwärtige österreichische Trotz-Patriotismus das Begräbnis nicht zum Anlass nahm, sich aufzublasen, ihretwegen nicht nehmen konnte, das ist doch erleichternd.LEGENDE Die Wessely // Paula Wessely geboren am 20. Januar 1907 in Wien, gestorben ebenda am 11. Mai 2000. Am Mittwoch wurde sie am Grinzinger Friedhof, wo auch ihr Mann Attila Hörbiger und viele andere Berühmtheiten liegen, zu Grabe getragen.Theater spielte Paula Wessely von 1932 bis 1945 am Deutschen Theater Berlin, wo gleich ihr Debüt als "Rose Bernd" der Durchbruch war. Ihre ersten Engagements hatte sie in Wien und Prag, seit 1953 war sie festes Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Dort gab sie 1987 ihre Abschiedsvorstellung.Eine Nachfolgerin für Paula Wessely wird in ihrer Funktion als Burg-Doyenne gesucht, auch hat sie eine nächste Trägerin des Alma-Seidler-Rings bestimmt.KEYSTONE Paula Wessely war Shaws "Heilige Johanna", 1934 am Deutschen Theater Berlin und 1936 zur Olympiade.