Im Frühjahr 1940 trat Wolfgang Staudte in einer kleinen Nebenrolle des antisemitischen Propagandafilms "Jud Süß" auf. Er wusste, worauf er sich einließ. Nächtelang hatte er mit Freunden darüber diskutiert, ob es ihm möglich sei, sich zu verweigern, und war dann doch zum Schluss gekommen, der Aufforderung des Studios Folge zu leisten. Wäre er nicht ins Atelier gegangen, so sagte er später, "dann hätte ich eine Rolle gespielt an der Front irgendwo."Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, ja zu den meisten Deutschen überhaupt, schämte er sich seiner Haltung im Nazireich. Diese Scham trieb ihn um; schon Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann er aus Zorn und Verzweiflung ein Drehbuch zu verfassen, aus dem 1946 der erste deutsche Nachkriegsfilm wurde: "Die Mörder sind unter uns".Mentalität der UntertanenDas Verhalten der Deutschen in den zwölf Jahren der braunen Diktatur wurde zu Staudtes Lebensthema. Mit "Rotation" (1949) sezierte er die Mentalität des Kleinbürgers, der sich vom bescheidenen Wohlstand einschläfern ließ, den ihm die Nazis nach ihrem Machtantritt einräumten, und der die Gardinen vor seinem Fenster zuzog, als die jüdische Familie aus der Nachbarwohnung abtransportiert wurde. "Der Untertan" (1951) suchte nach Wurzeln für Militarismus und Faschismus in der deutschen Geschichte bis zurück in die Kaiserzeit. "Rosen für den Staatsanwalt" (1959) porträtierte einen Richter, der noch am Ende des Krieges Todesurteile verhängt hatte und nun, in der Bundesrepublik des Wirtschaftswunders, zu neuem Ansehen gekommen war. "Kirmes" (1960) beschrieb ein Dorf, das sich der Erinnerung an einen jungen Deserteur vehement verweigert. Und "Herrenpartie" (1963) begleitete eine Gruppe sangeslustiger ehemaliger Soldaten nach Jugoslawien, an den Ort, an dem die Wehrmacht einst an grausamen Verbrechen beteiligt war. "Die vornehmste Aufgabe unserer Zeit ist zu vergessen", postulierte eine der Hauptfiguren dieses Films. Staudte wollte das Gegenteil.Dass seine ersten Filme nach 1945 bei der ostdeutschen Defa entstanden, war zunächst den Russen zu danken. Denn Kulturoffiziere der drei westlichen Besatzungsmächte hatten "Die Mörder sind unter uns" abgelehnt; erst ein Beauftragter der Roten Armee gab dafür grünes Licht. In der Bundesrepublik nahm man dem in West-Berlin lebenden, aber in Babelsberg arbeitenden Regisseur lange übel, dass er für die Defa tätig war. Nach der Premiere des "Untertan", der im Westen fünf Jahre verboten blieb, nannte ihn der "Spiegel" beispielsweise einen "politischen Kindskopf" und "verwirrten Pazifisten". Der Versuch Staudtes, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Filme zu machen, wurde vor allem vom Bundesinnenministerium boykottiert. In der Adenauer-Ära brachte man keinerlei Toleranz dafür auf, dass er sich "für ein einziges Deutschland entschied, für eine gemeinsame Verantwortung der Vergangenheit gegenüber und eine gemeinsame Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft. Das war", so Staudte, "in den Augen der Helden des Kalten Krieges offene Rebellion."Als sein Defa-Film "Mutter Courage und ihre Kinder" (1955) nach Einsprüchen Brechts und Helene Weigels abgebrochen werden musste, entschloss sich Staudte, sein Glück nur noch im Westen zu versuchen. Er resümierte, wie schwer es sei, "die Welt verbessern zu wollen mit dem Gelde von Leuten, die die Welt in Ordnung finden", und versuchte es dennoch immer wieder. In einer Kinolandschaft, in der die Heimatfilme blühten und Heldengeschichten das Ansehen deutscher Soldaten wieder aufzupolieren versuchten, wirkte er wie ein Fremdkörper. Er musste sich heftige Beschimpfungen gefallen lassen: "Es gibt gottlob", schrieb Enno von Loewenstern nach "Herrenpartie" in Springers "Welt", "gesetzliche Möglichkeiten, um die Verbreitung solcher Hetz- und Lügenmachwerke zu verhindern, wenn die zuständigen Stellen nicht schlafen. Die Werke des Herrn Staudte, und er selbst auch, scheinen uns in Zukunft einer gründlichen Überprüfung wert.""Seewolf" und "Tatort"-KrimisMehr als solche Hasstiraden, an die er gewöhnt war, muss es Staudte geschmerzt haben, dass die junge Generation westdeutscher Filmemacher, die sich um 1968 zu Wort meldete, nichts mit ihm zu tun haben wollte. Der Regisseur Christian Ziewer, der an der Berliner dffb bei ihm studierte, erinnerte sich nach Staudtes Tod an die Kälte, mit der ihm die Jungen begegneten: "Er, der sich im Kampf gegen das Alte innerhalb des Alten aufrieb, wurde zum alten Eisen geworfen, in einen Topf mit denen, die ihn stets hatten klein kriegen wollen: die Reaktionäre, Militaristen, Antikommunisten, Intriganten, Hetzer und Ehrabschneider, Leisetreter und Konformisten." Hinzu kam noch etwas anderes: Für die westdeutsch-bulgarische Koproduktion "Heimlichkeiten" (1968), die ihm sehr am Herzen lag, hatte Staudte sein eigenes Vermögen geopfert. Nachdem der Film durchgefallen war, drückten ihn jahrelange Schulden. Er verdingte sich beim Fernsehen, stellte in einem einzigen Jahr bis zu siebenhundert Sendeminuten her, mehr als Fassbinder, und immer auf hohem handwerklichen Niveau, so wie beim "Seewolf" (1971) oder jenen herausragenden Folgen, die er zur Krimireihe "Tatort" beisteuerte.Wolfgang Staudte liebte das Leben, die Frauen, schnelle Autos, einen guten Whisky. Aber er liebte es auch, Filme zu inszenieren, die politisch an- und aufregten, geschichtliche Prozesse durchschaubar machten und die Zuschauer klüger werden ließen. "Der eiserne Weg", sein letzter Fünfteiler für das Fernsehen, bei dessen Außenaufnahmen er im Januar 1984 starb, sollte den Eisenbahnbau von 1846 aus der Sicht einfacher Arbeiter schildern. Auch das Folgeprojekt stand schon fest: "Hitler und die Generäle". Mit seinem Credo, wenn irgend möglich aufklärerisch zu wirken, mag Staudte inzwischen vielleicht ein wenig altmodisch anmuten. Und doch bleibt dieses Verständnis von Film- und Fernsehkunst aktuell. Auf einer Gedenktafel, die am Montag an seinem Geburtshaus in Saarbrücken enthüllt wird, steht ein Satz, der ihm wichtig war: "Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."------------------------------Wolfgang Staudte (1906 - 1984)Filme auf DVD: "Akrobat schö-ö-ön" (1943), "Die Mörder sind unter uns" (1946), "Die seltsamen Abenteuer des Herrn Fridolin B." (1948), "Rotation" (1949), "Der Untertan" (1951), "Die Geschichte vom kleinen Muck" (1953), "Rosen für den Staatsanwalt" (1959), "Der Seewolf" (1971), "Lockruf des Goldes" (1975).Das Filmmuseum Potsdam veranstaltet am 9.+ 10. 10. eine Reihe mit Filmen, Vorträgen und Kolloquien zu Staudtes Leben und Werk (ab 17 Uhr).------------------------------Foto: Wolfgang Staudte bei den Dreharbeiten zu "Die andere Straße", Hamburg 1983