Am nächsten Sonntag hört die Gemeinde offiziell auf zu existieren: Im April zieht auch der Friedhof aus Diepensee weg

DIEPENSEE. Siegfried Gottke lehnt am Gartenzaun und wartet auf den Frühling. Er schaut auf die Sträucher, die ihm Landschaftsgärtner in den Garten setzten und die nun bald austreiben werden. Neben dem Eingang sind Blumen gepflanzt. Aus dem Mutterboden an der Terrasse soll Rasen wachsen. An der Doppelhaushälfte in Königs Wusterhausen, Ortsteil Diepensee, die Rentner Gottke mit seiner Frau bezog, bleibt nichts mehr zu tun. Es muss nur Frühling werden.Jeden Morgen fahren Herr und Frau Gottke 15 Kilometer in das andere, ihr altes Dorf Diepensee, um wie früher Zeitungen auszutragen. Bis November haben sie dort gewohnt. Aber es ist nicht mehr wie früher. Die Mietwohnungen stehen seit Wochen leer, auch die meisten Privathäuser sind schon geräumt. Die Kita hat seit drei Wochen keine Kinder mehr gesehen, weil es kaum noch Kinder gibt. Es gibt überhaupt nur noch wenige Menschen im Ort. Knapp 75 Bewohner sollen es noch sein von einst 350, und fast jede Woche sinkt die Zahl weiter. Selbst das Bellen der Hunde ist verstummt. Im April zieht der Friedhof um. Das alte Dorf Diepensee, das dem Flughafen Schönefeld weicht, stirbt auf Raten. Offiziellen Angaben zufolge lässt sich die Flughafen Berlin Schönefeld GmbH (FBS) den neuen Standort bei Königs Wusterhausen 81 Millionen Euro kosten. Am nächsten Sonntag hört das alte Diepensee amtlich auf zu existieren. Dann wird es rechtlich nur noch den neuen Ortsteil Diepensee bei Königs Wusterhausen geben, in dem wenigstens die Straßennamen an das Vorgängerdorf erinnern sollen. "Nicht jeder kommt mit der neuen Umgebung leicht klar. Aber so hat er wenigstens die gewohnten Nachbarn um sich", sagt Bürgermeister Michael Pilz. Er selbst war der einzige Mieter, der das Weihnachtsfest noch in den Plattenbauten Alt-Diepensees verbrachte. Inzwischen ist auch er umgezogen. Bleche versperren jetzt Fenster und Türen der verlassenen Häuser im fast verlassenen Ort. Ein privater Sicherheitsdienst fährt seit Monaten Patrouille - das Geisterdorf weckt Begehrlichkeiten. Ein Wachmann erzählt: "Es kommen Leute, die wollen nur schauen. Aber es kommen auch andere." Die suchen manchmal nur ein heimliches Schlafquartier, oft auch mehr. Fremde Leute messen schon mal Zäune aus und fragen nach den teuren Lärmschutzfenstern, mit denen alle Häuser ausgestattet sind. "Ein Heimwerker kann alles gebrauchen", sagt der Wachmann. Größere Plünderungen konnten die Wachschützer bislang verhindern. Als gestohlen gemeldet sind Briefkästen, ein Aluminiumdach und Buntmetalle. Auch Umzugsgut, das voreilig auf die Straße gestellt wurde, verschwand. Manchmal kippen Unbekannte auch ihren Müll vor die abrissreifen Häuser. Heute Abend treffen sich die Gemeindevertreter zum letzten Mal in der alten Baracke am Sportplatz. Einer der Tagesordnungspunkte ist das "Beräumungskonzept für den Altstandort". Das Licht darf nur langsam ausgehen in dem alten Dorf, das erst zum Jahresende geräumt sein soll. Wenn alle Bewohner nach Neu-Diepensee mitkommen. "Warten wir ab, ob der Flughafen wirklich gebaut wird", sagt der alte Erwin Birkoben. Er lebt seit mehr als 50 Jahren auf seinem Hof. Er will nicht weg.Familie Gottke ist angekommen im neuen Diepensee, das Handwerkern noch reichlich Arbeit bietet. Wenn der Frühling kommt, könnte es fast so sein wie früher, als sie ein bescheidenes Landarbeiterhaus an der Dorfstraße im alten Diepensee zur Miete bewohnte. Dort waren zwar das Grundstück größer, die Bäume älter und die Nebenkosten geringer. "Aber dafür müssen wir nicht mehr heizen", sagt Siegfried Gottke. Sein altes Haus wird in diesen Tagen abgerissen. Aus den Klinkern soll in Neu-Diepensee das Spritzenhaus für die Feuerwehr entstehen, keine hundert Meter von Gottkes neuem Heim entfernt.Ende und Anfang // 28. Februar 1996: Die Gesellschaf-ter der Flughafenholding (Berlin, Brandenburg und der Bund) be-schließen den Ausbau des Flugha-fens Schönefeld. Betroffen vom Ausbau ist auch der Ort Diepensee.22. Nov. 1998: Diepensees Einwohner sprechen sich für den Umzug nach Königs Wusterhausen aus.23. Juni 1999: Ein Umzugsvertrag soll die "sozialverträgliche Umsied-lung" des Dorfes garantieren.25. Juni 2002: Am neuen Dorf-Standort beginnen die Bauarbeiten.Sommer 2003: Die ersten Diepenseer ziehen in den neuen Ort.29. Februar 2004: Das alte Dorf Diepensee hört amtlich auf zu existieren. Die letzten Einwohner sollen bis Ende des Jahres in das neue Diepensee umgezogen sein.Foto: Der Abriss von Diepensee hat begonnen. Zunächst sind die alten Landarbeiterhäuser dran. Aus den Klinkern der Häuser soll am neuen Standort ein Spritzenhaus für die Feuerwehr entstehen.