Vor rund vierhundert Jahren wuchtete Galileo Galilei Kanonenkugeln, Schrotmunition und Holzstücke über die Brüstung des schiefen Turms von Pisa. Jeder dieser Gegenstände fiel gleich schnell zu Boden - unabhängig von Material und Größe. Auf dieses Prinzip berief sich später auch Albert Einstein; es ist Grundlage seiner Allgemeinen Relativitätstheorie, dem bis heute besten Modell der Schwerkraft. Nun wollen mehrere Forscherteams mit bislang unerreichter Präzision prüfen, ob ein Holzblock und eine Eisenkugel nicht doch ein klein wenig unterschiedlich schnell fallen.Die US-Raumfahrtagentur Nasa bedient sich dazu eines Spezialspiegels, den die Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin 1969 in den Mondstaub gestellt haben. Mit einem Laser wird auf ihn gezielt. "Die Laserblitze weiten sich auf dem Weg zum Mond auf einen Durchmesser von zwei Kilometern auf", sagt der Physiker und Projektleiter Tom Murphy von der University of California in San Diego. Daher sei es möglich, den Reflektor zu treffen.Die Spiegel werfen das Licht zurück zur Erde, wo es von einem Teleskop aufgefangen wird. Es ist nur ein schwacher Strahl, erläutert Murphy: "Von einer Billiarde Lichtteilchen, die unseren Laser verlassen, schnappen wir nur ein einziges wieder auf." Doch die schwache Reflexion genügt, um die Laufzeit des Laserstrahls und damit den Abstand des Monds zur Erde zu messen.Der Mond ist 385 000 Kilometer von der Erde entfernt, hin und zurück ist das Licht zweieinhalb Sekunden unterwegs. Mit älteren Lasern konnten Forscher die Monddistanz bis auf 1,7 Zentimeter genau bestimmen. Eine neue Anlage auf einem Berg im US-Bundesstaat New Mexico, die aus einem starken Laser und einem 3,5-Meter-Teleskop besteht, soll nun eine Genauigkeit von einem Millimeter erreichen. Das Gerät heißt Apollo - wie das einstige Nasa-Mondprogramm.Mit ihren Messungen wollen die Forscher winzigste Schwankungen der Mondumlaufbahn aufspüren. Die nämlich wären ein Indiz dafür, dass einer von beiden - Mond oder Erde - stärker von der Sonne angezogen würde als der andere. Erde und Mond unterscheiden sich nämlich in ihrer chemischen Zusammensetzung. So besitzt die Erde einen massiven Eisenkern, der Mond besteht hingegen aus Gestein. Manche Physiker gehen davon aus, dass die Schwerkraft eben doch ein kleines bisschen vom Material abhängt. Sollte sich eine solche Abweichung finden lassen, wäre Einsteins Allgemeine Relativität in den Grundfesten erschüttert. Andere, neuere Theorien hingegen würden bestätigt - etwa die der Superstrings. "In diesem Sommer wollen wir die ersten Laserblitze zum Mond schießen", sagt Murphy. Mit ersten Ergebnissen rechne er in einem Jahr.Auch in Bremen möchte man Galileis Befund testen - mit einer Art Hightech-Variante der Fallversuche in Pisa. Im Fallturm der dortigen Universität lassen die Physiker immer wieder eine mannshohe Messkapsel los. 4,5 Sekunden später und 110 Meter tiefer rast das Gerät mit 170 Stundenkilometern in ein riesiges Becken mit Styroporkügelchen und wird dort überraschend sanft abgebremst. In dieser Kapsel wollen die Forscher zwei Zylinder fallen lassen um zu sehen, welcher zuerst unten ankommt: der kleine aus schwerem Platin-Iridium oder der größere aus leichtem Silizium. Fest steht: Sollte es einen Unterschied geben, wird er minimal sein. "Man muss den Abstand der beiden Körper auf etwa einen hundertstel Atomdurchmesser messen", sagt Projektleiter Hansjörg Dittus.Also greifen die Bremer Forscher zu einem Trick: Wie bei einer russischen Matrjoschka-Puppe hängen sie den kleinen Platin-Iridium-Zylinder ins Innere des Siliziumzylinders. Magnete verhindern, dass sich die Körper berühren. Sollte nun einer der Zylinder schneller fallen als der andere, würde der kleine im Inneren des größeren ein Stückchen nach oben oder unten verschoben. Mit hochempfindlichen Sensoren lässt sich dieser Effekt messen. "Dazu müssen wir die Apparatur allerdings auf vier Grad über dem absoluten Temperaturnullpunkt abkühlen", sagt Dittus.Bei der Messung stören die Vibrationen am meisten, die beim Loslassen der Kapsel von der Turmspitze entstehen. Sie werden sich nicht völlig vermeiden lassen, fürchtet Dittus. Deshalb sieht er den Fallturm auch als Vorbereitung für spätere, ehrgeizigere Experimente: "Die Idee ist, einen Satelliten mit Testmassen in einen erdnahen Orbit zu bringen." Dieser Satellit könnte bei jeder Erdumrundung statt für Sekunden 90 Minuten lang fallen.In drei Jahren soll zunächst Microscope starten, ein kleiner französischer Forschungssatellit. Der nächste Schritt hieße dann Step, ein geplantes, aber noch nicht bewilligtes Gemeinschaftsprojekt der Raumfahrtagenturen Esa und Nasa. Bis auf die 19. Stelle hinter dem Komma soll Step Galileis Befund überprüfen - eine Million Mal genauer als es heute geht.------------------------------Foto: Dieser Spiegel wurde im Juli 1969 in der Nähe der Landefähre Eagle aufgestellt. Er wirft Licht stets in die Richtung zurück, aus der es gekommen ist.