BERLIN, 21. April. Ingo Weniger sieht das Szenario noch genau vor sich: "Ich spielte Libero bei Union und wir trafen wieder einmal auf den alten Rivalen BFC Dynamo. Es war ein Spiel in den achtziger Jahren. Hans-Jürgen Riediger stürmte für den BFC. Der war damals ein gefürchteter Angreifer, enorm schnell. In diesem Derby habe ich gegen ihn die Notbremse gezogen. Mit der Roten Karte flog ich vom Platz, bekam anschließend sechs Spiele Sperre." Weniger, später - von Januar bis September 1998 - Cheftrainer des 1. FC Union, regt sich noch heute über das Strafmaß auf: "Obwohl es kein brutales Foul war, traf es mich so hart; weil Riediger Nationalspieler war." Ansonsten, sagt Weniger, der ab August die B-Jugend von Hertha BSC trainieren wird, seien die Duelle gegen den BFC für ihn immer sehr wichtig gewesen. "Als Libero konnte ich gegen die starken BFC-Stürmer zeigen, was ich kann." Die Angst der OffiziellenDie Derbys der Stadtrivalen waren Duelle zwischen dem Goliath, dem DDR-Serienmeister BFC, und dem David, dem 1. FC Union, der aber die größere Anhängerschaft hinter sich wusste. Dennoch wurden die Derbys in den 70er- und 80er-Jahren auf Wunsch des BFC ins Stadion der Weltjugend gelegt. Der Grund war nicht die Zuschauerkapazität von 45 000 Plätzen oder die zentrale Lage der Arena, sondern die Angst der BFC-Offiziellen, in der "Alten Försterei" anzutreten.Eine Chronik der Union-Historie beschreibt ein Derby aus dem Februar 1977 so: "Mit Prokop als Schiedsrichter und Stenzel und Supp an den Linien wurde ein Schiedsrichtertrio eingesetzt, bei dem aus Sicht des BFC eigentlich nichts schief gehen konnte. Aber es ging erneut daneben: Werder schoss in der 21. Minute das 1:0 für Union und wurde in der 78. Minute von Prokop des Feldes verwiesen. Nun ließ Prokop einen Freistoß nach dem anderen an die Strafraumgrenze legen. Für die Scharfschützen des BFC ideal. Aber Union-Keeper Wolfgang Matthies hielt wieder alles." In jener Saison 1976/77 bezwang Union den BFC zweimal mit 1:0 im Stadion der Weltjugend, das inzwischen längst abgerissen wurde. Jeweils 45 000 Zuschauer drängten sich auf den Traversen. Damals pilgerten 17 692 Zuschauer im Schnitt an die "Alte Försterei", der BFC freute sich über einen durchschnittlichen Besuch von immerhin 15 340 Anhängern.Frank Rohde hielt bei vielen Derbys die Abwehr des BFC zusammen. "Die Kulisse der 45 000 ist mir in Erinnerung geblieben", sagt Rohde, der später für den Hamburger SV und Hertha BSC verteidigte. Rohde, heute Spielerberater, urteilt: "Sportlich hatten wir beim BFC die viel besseren Voraussetzungen. Wir bekamen ja alle Spieler in der DDR, die wir haben wollten. Union war klar benachteiligt." Rohde verrät kein Geheimnis, indem er sagt: "Auf dem Platz ging es immer hart zur Sache und die Klubführungen waren sich absolut nicht grün, wir Spieler aber haben hinterher oft gemeinsam ein Bier getrunken." Beide Seiten als Akteur hat Olaf Seier kennen gelernt. 1982 wechselte er vom BFC zu Union und stieg dort zum Kapitän auf. "Ich ärgerte mich immer, dass die Derbys nicht im Sportforum und in der Alten Försterei über die Bühne gingen", sagt Seier. Als sich das endlich 1988 änderte und Union ein Pokalspiel gegen den BFC zum ersten Mal nach vielen Jahren wirklich zu Hause austragen konnte, hatte er wegen einer Gelben Karte zusehen müssen. "Das war bitter für mich."Seier, Rohde, Weniger - sie alle wollen am Sonnabend in der Alten Försterei dabei sein. Um 14 Uhr wird das für wahrscheinlich lange Zeit letzte Derby angepfiffen. Gastgeber Union strebt in die 2. Bundesliga, hat bei Nichtaufstieg einen Platz in der neuen 3. Liga sicher. Der BFC Dynamo dagegen muss den schweren Gang in die Oberliga antreten, ist bald nur noch viertklassig. Manch Union-Fan wird von später Gerechtigkeit reden. Der BFC-Anhang und neutrale Zuschauer sind sicher nur traurig über den Niedergang eines einst erfolgreichen Fußballklubs.DERBY-BILANZ BFC deutlich vorn // In den 45 Duellen beider Teams in der DDR-Oberliga und der Regionalliga Nordost gab es 13 Union-Siege, zehn Remis und 22 Erfolge für den BFC.Die höchsten Resultate: Union siegte im Punktspiel am 29. September 1996 im Sportforum 6:0. Der BFC Dynamo gewann gleich zwei Mal 8:1: am 13. September 1986 in der Meisterschaft und am 4. November 1978 im Pokal, jeweils im Stadion der Weltjugend.Für beide Teams aktiv waren: Reinhard Lauck, Norbert Trieloff, Olaf Seier, Ralf Sträßer, Mario Maek, Waldemar Ksienzyk, Oskar Kosche, Thorsten Boer, Dirk Rehbein und Nico Thomaschewski.