Manche Künstler haben PR-Agenten. Der Berliner Karikaturist Kurt Flemig hatte seine Frau Mary. Die war besser als ein Agent, denn sie verkaufte seine Zeichnungen, lieferte Ideen für Karikaturen und entschied auch gleich, ob der Zeichner sie witzig und wirkungsvoll umgesetzt hatte.Mit 17 bot Kurt Flemig der Zeitschrift "Das Leben im Bild" zum ersten Mal eine eigene Zeichnung an. Sie wurde für zehn Mark Honorar gedruckt. Das war der Anfang seiner Karriere, in der er 80 000 Blätter in Berliner Zeitungen wie Bild und BZ, Rätselheften, Kalendern und Büchern veröffentlichte.In Mary Flemigs Wohnung an der Uhlandstraße hängen die Wände voller Zeichnungen. Sie will, daß aus dem Erfolg ihres Mannes zu Lebzeiten Nachruhm wird. Sie lebt mit den Erinnerungen und seinen Arbeiten. Kurt Flemig wäre am 15. Mai 90 Jahre alt geworden, er starb vor vier Jahren. Die letzte von vielen Geschichten, die Mary Flemig erzählen kann, soll die über das Wilhelm Busch Museum in Hannover sein, das den Nachlaß ihres Mannes aufnimmt. Denn Flemig liebte Wilhelm Buschs Bilder und zeichnete sie als Junge ab. Manchmal hat sie ein bißchen Angst, daß sie es in ihrem Leben nicht mehr schafft, denn mit 87 Jahren geht die Arbeit langsamer und kostet mehr Kraft als früher. Einen Teil der Arbeiten konnte sie im Berliner Gropiusarchiv und im Historischen Museum in Nürnberg unterbringen. Kurt Flemigs Karikaturen trafen den Witz der Zeit 50 Jahre lang. Die Figuren sind einfach: Chefs sind dick und rauchen Zigarre, Frauen sind schön und tragen kurze Röcke. Mary, die eigentlich Maria heißt ("Maria klingt so brav, Mary ist frecher") hat gern im Schatten ihres Mannes gearbeitet. "Ich kümmerte mich um die Korrespondenzen und die Verhandlungen." Der Zeichner zeichnete und hatte seine Ruhe. Sie schwärmt, wenn sie erzählt, was sie von ihrem Mann lernen konnte. Was er nicht konnte, machte sie: verhandeln. "Ich kaufe auch heute nichts, ohne zu handeln."Nach dem Krieg begann sie Zeichnungen und Leporellos ihres Mannes im Laden einer Freundin in Charlottenburg zu verkaufen. "Solche kleinen Zeichnungen konnten sich die Leute gerade noch leisten." Der Nachlaß ist riesig, denn der Zeichner war ein akribischer und ausdauernder Sammler und Archivar der Karikaturen anderer Zeichner. Aus diesem Material entstand 1984 das "Karikaturisten"-Lexikon, eine Sammlung, die Leben und Werk von 1 600 Karikaturisten, die ihre Arbeiten seit 1900 im deutschsprachigen Raum veröffentlichten, vorstellt. Das Lexikon ist der wohl wichtigste Baustein für den Nachruhm, um den Mary Flemig so besorgt ist. Auch er wäre ohne sie unmöglich gewesen. Flemig schrieb die Texte mit dem Bleistift auf, seine Frau tippte sie ab. Kurt Flemigs Arbeitszimmer ist seit seinem Tod unverändert, auf dem Schreibtisch stehen frische Blumen. Mary Flemig lebt weiter für die Arbeit ihres Mannes. Trotzdem fällt es ihr nicht schwer, sich von seinen Arbeiten zu trennen. Nur ein paar Blätter wird sie nicht weggeben: flüchtig hingekritzelte Nachrichten mit Herzchen und kleinen Liebesbotschaften. Die sind ihr wichtiger als die riesige Sammlung der Karikaturen.