Am Sonnabend wird ein spektakuläres Kulturzentrum eröffnet: Was Guggenheim für Bilbao ist Niemeyer für Avilés

Der Gestank, der von der anderen Seite des Flusses in die Altstadt von Avilés herüberzieht, ist ekelhaft. Dichte Abgaswolken steigen aus den Schornsteinen der Stahl- und Kohlewerke empor. "Früher roch es noch schlimmer", versichert Pilar Varela, Bürgermeisterin von Avilés. Das nordspanische Küstenstädtchen war einst Zentrum der Eisenverhüttung. Die Schwerindustrie war die Zukunft. 25000 Menschen arbeiteten in den Fabriken. Doch das ist Vergangenheit. Mit der Stahl- und Kohlekrise in den 90er Jahren musste eine Fabrik nach der anderen schließen. Alternative Arbeitsplätze gab es kaum. Obwohl Avilés eine wunderschöne, mittelalterliche Innenstadt mit Häusern und Kirchen aus dem 13. und 14. Jahrhundert hat, lag der Tourismus brach. "Bei Avilés denken die Menschen immer noch an qualmende Hochöfen", bedauert Pilar Varela.Das wird sich aber schon bald ändern, ist sich die Bürgermeisterin der 85000 Einwohner großen Stadt sicher: "Avilés macht gerade eine große Transformation durch. Wir entwickeln uns von einem industriellen in ein kulturelles Zentrum für ganz Nordspanien". Der Grund für die Aufbruchsstimmung lebt in Rio de Janeiro, ist im Dezember 103 Jahre alt geworden und gehört zu den berühmtesten Architekten unserer Zeit: Oscar Niemeyer.Der asturische "Niemeyer-Effekt"Der legendäre Erschaffer der brasilianischen Hauptstadt Brasilia und des Uno-Gebäudes in New York stiftete der Region Asturien 2005 den Entwurf einer futuristisch-kurvigen Stahlbeton-Konstruktion. Es war ein Geschenk zum 25-jährigen Jubiläum des berühmten Prinz-von-Asturien Preises, mit dem Niemeyer 1989 in der Sparte Kunst ausgezeichnet wurde. Für den Bau wählte die asturische Regionalregierung schließlich das strukturschwache Avilés aus.Direkt gegenüber der Altstadt, auf einer künstlichen Insel mitten im Fluss, wo einst eine Stahlfabrik stand, wird nun an diesem Samstag das "Internationale Kulturzentrum Oscar Niemeyer" eingeweiht. Längst ist die Rede vom asturischen "Niemeyer-Effekt" - in Anlehnung an den bekannten "Guggenheim-Effekt" in Bilbao, wo die Errichtung des Guggenheim-Museum die heruntergekommene baskische Industriemetropole mit Touristenmassen wieder neu belebte. Nun hofft man auch in Avilés auf Hunderttausende kulturinteressierter Touristen.Obwohl Asturien mit knapp einer Million Einwohner nicht gerade ein üppiges Einzugsgebiet für einen Kulturbetrieb ist und zudem noch weit entfernt großer Metropolen liegt, kommt bei kein Hauch von Unsicherheit auf, das Projekt könne vielleicht kein Erfolg werden. "Dass hier das Niemeyer-Zentrum gebaut wurde, ist wie ein Wirklichkeit gewordener Traum. Wir haben eher Angst, dass zu viele Besucher kommen", sagt José Alonso Gónzalez. Die Aufbruchstimmung sei zu spüren, versichert der Besitzer des Restaurants "José's". Seit Baubeginn vor vier Jahren haben viele neue Restaurants in Avilés eröffnet; die alteingesessenen haben ihre Speisekarten ins Englische übersetzt sowie die asturische Hausmannskost und ihre ganze Präsentation modernisiert. Josés beliebteste Nachspeise ist bereits ein Eis in Kuppelform, das er der ufo-artigen Konferenzhalle im Niemeyer-Zentrum nachempfunden hat. Wenige Straßen weiter hat Ángel Hernßndez López in seiner Konditorei "cúpulas Avimeyer" einen Verkaufshit: asturisches Buttergebäck mit Zuckerguss, das ebenfalls die Niemeyer-Kuppel imitiert.Woody Allen leitet FilmzentrumZweifel, das Niemeyer-Zentrum könnte keinen wirtschaftlichen Neustart in der Region auslösen, kommen auch bei Vicente Álvarez Areces nicht auf. Der "Niemeyer-Effekt" funktioniere schon jetzt, obwohl das Zentrum noch nicht einmal eröffnet worden sei, versichert der Ministerpräsident von Asturien. "Im vergangenen Jahr stieg der Tourismus in Avilés bereits um 6,2 Prozent an. 600 neue Jobs sind durch den Bau des Kulturzentrums entstanden", sagt Álvarez Areces und träumt von Rundreisen durch Nordspanien, die das Niemeyer-Zentrum in Asturien mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao verbinden.Um internationales Renommee hat man sich jedenfalls schon erfolgreich bemüht: So besuchte Hollywood-Star Brad Pitt vergangenes Jahr die Bauarbeiten und bot seine Zusammenarbeit bei Architektur-Ausstellungen an. Der Regisseur Woody Allen wird sogar das Filmzentrum des Niemeyer-Zentrums leiten - und gab am Freitag schon mit seiner Jazz-Band das erste Konzert im Auditorium. Schauspieler Kevin Spacey, Leiter des Londoner Old Vic Theatre, wird mit dem Niemeyer-Zentrum Theaterstücke produzieren, die in Avilés Weltpremiere feiern, bevor sie nach London und an den Broadway gehen - er wird am Sonntag zu einem Kolloquium erwartet. Spaniens Starkoch Ferrßn Adrià kreiert im Turm "Gastronomie als Kunst". Der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho ("Der Alchimist") versprach öffentliche Lesungen. Wie Woody Allen, der Wissenschaftler Stephen Hawking und der Erfinder des Internets Vinton Cerf, gehört auch Coelho dem Sachverständigenrat des Oscar-Niemeyer-Kulturzentrums an; er wird auch aktiv als "internationaler Botschafter" für die Kulturstätte werben, erklärt Natalio Grueso, der der Leiter des Kulturzentrums ist.Bisher funktioniert das einflussreiche Beziehungsgeflecht. Die Stars lenken die mediale Aufmerksamkeit auf den neuen Bau. Doch wie lange kann man internationale Stars wie Brad Pitt oder Woody Allen aktiv bei der Stange halten? Avilés ist nicht gerade das kulturelle Drehkreuz Europas, nicht einmal Spaniens. Der Rückfall ins Regionale kann schneller kommen, als gedacht. Das sieht Zentrumsleiter Natalio Grueso jedoch ganz anders: "Es handelt sich nicht nur um eines der wenigen Gebäude Niemeyers in Europa, sondern auch um das größte und wichtigste in ganz Europa, wie Niemeyer mir selber versichert hat", ist sich der sonst so bescheidene Zentrumsleiter ziemlich sicher über den Erfolg des Projekts.Der Schritt vom Industriezentrum zur Kulturfabrik scheint hier so einfach zu sein wie der Weg über die kunterbunte Stahlbrücke, welche die mittelalterlichen Gassen der Altstadt mit der futuristischen Kulturinsel verbindet.------------------------------Kulturbau in AvilésBei der Konzeption des Kulturzentrums dachte der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer an die "Kurven einer brasilianischen Frau".Zu dem Komplex gehören: eine Konzert- und Theaterhalle, ein Auditorium, das sich in Form einer überdimensionalen Welle dem Meer zuwendet, ein langes, geschwungenes Mehrzweckgebäude und ein spiralförmiger Turm u.a. für Gastronomie.Infos unter: www.niemeyercenter.org------------------------------Foto: Ausschnitt aus dem vierteiligen Gebäudeensemble