Der Regen hat aufgehört. Erwin Geschonneck wird bei Sonnenschein zu Grabe getragen. Jemand steht mit einem Foto da - es ist aus dem Defa-Film "Fünf Patronenhülsen" von 1960, es zeigt den Schauspieler als Kommissar der Internationalen Brigaden in Spanien. Sein Publikum, das ihn "Erwin" nannte, weil es nur einen berühmten Erwin kannte, erweist ihm an diesem Sonnabend die letzte Ehre. Hunderte sind auf den Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte gekommen. Nach der Trauerfeier gehen sie mit dem "Linken Marsch" und der Stimme von Ernst Busch im Ohr zum Urnengrab. Unbeteiligte, die gerade ihre eigenen Gräber pflegen, stellen sich still zu denen, die um den Berühmten trauern.Heike Geschonneck war 39 Jahre mit ihm verheiratet. Er war schon 62, als sie sich trafen. Der Mann mit Narben in der kommunistischen Biografie, ein Gaukler, listiger Querkopf und Frauenfreund, fand seine große Liebe spät. Aber an seinem Grab steht die ganze Familie - seine private Glückssuche in fünf Ehen mit drei Kindern: Der ältere Sohn Matti, der Regisseur, aus der Ehe mit der Schauspielerin Hannelore Wüst. Die Tochter Fina, sie ist Pressesprecherin des Hedwig-Krankenhauses, aus der Ehe mit der Fernsehansagerin Doris Weikow. Alexander, Computer-Forensik-Spezialist, ist der Sohn von Erwin und Heike, das einzige seiner Kinder, das mit der Mutter und dem leiblichen Vater erwachsen wurde.Viele Fotografen sind gekommen, der RBB dreht. Natürlich ist die Kapelle viel zu klein, aber die Trauerfeier wird nach draußen übertragen. Alle können zuhören.Der Regisseur Thomas Langhoff spricht zuerst: Über die Theaterrevolution, die Brecht am Berliner Ensemble ausgelöst hatte, und die ohne Schauspieler wie Geschonneck nicht möglich gewesen wäre. "Leider verließ er das Theater sehr früh. Zum Entzücken von Millionen, die ihn dann in Film und Fernsehen sahen." Er erwähnt Nachrufe, die diesen Mann immer noch als einen "ostdeutschen Schauspieler" einordnen, obwohl er doch, wie Lino Ventura oder Jean Gabin, in das kulturelle Gedächtnis seines Volkes eingebettet sein müsste. "Man hätte ihn auch im Westen kennen lernen können." Langhoff geleitet Erwin Geschonneck mit großem Respekt vor die "sozialistische Himmelstür".Alexander hält eine sehr persönlich Rede. "Mein Vater war der beste Vater, den ich mir wünschen konnte." Er hat jetzt viele Beileidsbriefe bekommen. "Es ist wohl so, dass mein Vater vielen Menschen, die mit dem schnellen Wechsel von einer Staatsform in die nächste ihre Schwierigkeiten hatten, Rückhalt und Zuversicht gegeben hat." Ein Trauernder beschrieb Geschonneck als "Anker der Generationen". "Es ist schön, dass wir ihn so lange haben durften." Alexander endet: "Ich liebe dich. Mach's gut, Vati."Matti erfüllt den Wunsch des Vaters und liest einen Text von Brecht: "Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration": Ein Zöllner bittet den Philosophen, das Land nicht zu verlassen, ohne seine Weisheiten aufgeschrieben zu haben. Vielleicht wollte Erwin damit sagen, dass man Spuren hinterlassen muss vor dem Weggehen.Unbekannte und Bekannte stehen am Grab. Uwe Kockisch, Jaecki Schwarz, Hermann Beyer, Sylvester Groth, Matthias Brandt, Franziska Troegner, Jan Josef Liefers, Gunter Schoss, Herbert Köfer, Wolfgang Kohlhaase, Manfred Borges, Günter Reisch, Hans Janke, Katja Weitzenböck, Hans Modrow, Petra Pau, Gregor Gysi, Lothar Bisky.Soeben findet in Berlin das Theatertreffen statt. Hier entdeckt man es nicht. Fast alle, die Abschied nehmen, sind aus dem Osten.Die Schauspielerin Ina Weise, die Lebensgefährtin von Matti, spricht Brechts "Erinnerung an die Marie A.", Erwin Geschonneck hatte sein Lieblingslied noch zwei Tage vor seinem Tod im Bett gesungen.Dieser Tag hätte ihm gefallen. Dieses Datum ist auch ein Symbol: Am 3. Mai 1945, vor 63 Jahren, sank die brennende "Kap Arcona" mit 4 000 Häftlingen in der Lübecker Bucht. Geschonneck war einer von 350, die sich retten konnten.Der Überlebenskünstler wurde 101 Jahre alt. Er war schwächer geworden die letzten Jahre, Heike hat ihn alleine gepflegt. Und wenn sie kurz das Haus verließ, wollte Erwin sehen, was sie anzog, sie sollte immer schön aussehen. "Ein Sechser im Lotto ist nichts dagegen", sagt Heike über das Leben mit ihm. Erwins letzte Worte waren: "Ein Bier!" Er bekam es. Dann küsste er seiner Frau die Hand und schlief ein.Die Trauergemeinde hat längst den Friedhof verlassen. Aber noch in der Abendsonne kommen Leute und legen Blumen auf sein Grab.------------------------------Foto: Abschied auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte: Regisseur Thomas Langhoff (r.) kondoliert Erwin Geschonnecks Sohn Matti und der Witwe Heike Geschonneck.------------------------------Foto: (4) Unter den Trauergästen: die Schauspieler Uwe Kockisch, Jan Josef Liefers, Sylvester Groth und Matthias Brandt (v. l.).