MADRID, 15. Februar. Am kommenden Sonntag wird in Portugal gewählt, und alles spricht dafür, dass die Wähler für einen Machtwechsel stimmen werden. Die jüngste Umfrage der Wochenzeitung Expresso sagt der konservativen Sozialdemokratischen Partei (PSD) von Regierungschef Pedro Santana Lopes lediglich 31,3 Prozent der Stimmen voraus. Den Sieg wird aller Voraussicht nach die Sozialistische Partei (PS) mit ihrem Spitzenkandidaten José Sócrates davontragen. Die Sozialisten können nach dieser Umfrage mit 44,4 Prozent der Stimmen rechnen. Wenn alles so kommt wie erwartet, werden die Portugiesen innerhalb von drei Jahren bald den vierten Regierungschef im Amt sehen. Doch obwohl viele Portugiesen von Santana einfach genug haben, ist die Wahlbegeisterung gering. Der ständige Wechsel an der Spitze der Regierung hat die Bürger misstrauisch gegen die Politiker gemacht, die vieles versprechen und dann wenig halten. Portugal war, das ist noch gar nicht lange her, politische Stabilität gewöhnt. Zehn Jahre lang regierte Aníbal Cavaco Silva von der PSD, 1995 löste ihn der Sozialist António Guterres ab. Doch dann brach im März 2001 eine Straßenbrücke über dem Douro zusammen, 59 Menschen kamen um. Viele sahen darin ein Symbol für den wahren Zustand des Landes: glänzende Neubauten in den Metropolen, einstürzende Altbauten in der Provinz. So siegte bei vorgezogenen Neuwahlen im März 2002 wieder die PSD - mit einem wenig charismatischen Spitzenmann: José Manuel Durão Barroso. Ein besonnener Kopf immerhin, dem die Mehrheit der Wähler eine Politik mit klarer Linie zutraute. Doch der anfängliche Zuspruch schwand in kurzer Zeit: Die liberale Wirtschaftspolitik Durão Barrosos tat weh und zeigte kurzfristig keine Ergebnisse. Der konservative Premier war vermutlich froh, als ihn im vergangenen Sommer der Ruf aus Brüssel ereilte, die EU-Kommission zu führen. Anders als Durão Barroso hatte sein Nachfolger Santana Lopes, der ohne Neuwahlen ins Amt gelangte, die Mehrheit der Portugiesen von Beginn an gegen sich. Zu widersprüchlich, zu kurzatmig ist seine Politik, und seine Ministerriege scheint mehr mit internen Machtkämpfen als mit dem Regieren beschäftigt zu sein. Staatspräsident Jorge Sampaio, ein Sozialist, sah dem Treiben vier Monate lang zu. Ende November aber nutzte er seine verfassungsmäßigen Vollmachten, entzog dem Premier das Vertrauen und setzte Neuwahlen an. Bei einer Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten Santana und Sócrates schälte sich nur ein einziger wirklicher Streitpunkt heraus: Die Sozialisten wollen die Portugiesen per Volksabstimmung über ein liberaleres Abtreibungsrecht entscheiden lassen, die Konservativen wollen die bestehende, sehr restriktive Regelung beibehalten. In ihren Ansichten über die Wirtschaftskrise, den Haushalt und die ansteigende Arbeitslosigkeit waren die Vorschläge der beiden Spitzenkandidaten dagegen zu ähnlich, um die Zuschauer zu leidenschaftlichen Anhängern des Einen oder des Anderen zu bekehren. Die Probleme ihres Landes in den Griff zu bekommen - das trauen die Portugiesen im Moment keinem Politiker zu.------------------------------"Noch nie gab es so viel Abneigung, so viel Misstrauen gegen die Politiker wie heute." António Barreto, Soziologe------------------------------Foto: Pedro Santana Lopes (auf dem Plakat links) muss sich darauf einstellen, dass ihn José Socrates (rechtes Plakat) vermutlich als Premier ablösen wird.