MAINZ/BERLIN, 24. Januar. Christian Heidel will aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. "Das wird ein Spielchen, bei dem ich die Faust in der Tasche habe", rief er dieser Tage beim Neujahrsempfang des FSV Mainz in ein Mikrofon. 350 Gäste klatschten - und Heidel, der offen zugibt, er wolle ein wenig Ballyhoo veranstalten, "damit die Bude voll wird", plagt auch ein paar Tage danach kein schlechtes Gewissen: "Ich bin ein Typ, der seinen Gefühlen freien Lauf lässt." Damit hat er einiges gemeinsam mit alle jenen, die sich hinter Decknamen im Internet verstecken.Vor der Zweitligapartie Mainz 05 gegen 1. FC Union Berlin liefern sich beide Fangruppen einen niveaulosen Austausch von Gehässigkeiten. Der auch Heidel unruhig schlafen lässt: "Wir werden mit der Polizei besondere Vorsichtsmaßnahmen treffen." 2 000 Fans aus Berlin machen sich auf gen Mainz, um - wie einer im Internet posaunt - den Mainzelflennchen das Fürchten zu lehren. Von einem brennenden Stadion am Bruchweg ist die Rede, von geplatzten Bomben, einem brandgeschatzten Marktplatz. Eiserner schwarzer Humor?Aufruf zur RandaleDas ZDF, in Mainz ansässiger Sender, verstand keinen Spaß. Per Unterlassungserklärung erreichten die Fernsehmacher, dass Fahrkarten - von Fans gedruckt, die als Reiserveranstalter auftreten - zensiert werden mussten. Auf den Tickets war abgedruckt, wie sich Union-Maskottchen Eisenheart an einem Mainzelmännchen vergeht. Geschmacklos sind auch jene Berliner Touristen, die, ganz humorlos, zur offenen Randale aufrufen. Die Sache hat ein Vorspiel. Nicht umsonst spricht auch Heidel vom "Tag der Revanche, Teil zwei". In Köpenick verspielte der FSV durch ein 1:3 in der letzten Saison den Aufstieg auf der Zielgeraden. Berliner Häme ergoss sich über die Mainzer, weil zuvor Trainer Jürgen Klopp in einem Boulevardblatt mit den Worten zitiert worden war, Union sei eine Kloppertruppe. Er bestreitet, dies je gesagt zu haben - doch die Sache wirkt nach. Obwohl der Verfasser des Artikels sich beim Verein entschuldigt habe, wie Heidel sagt.Beim ersten Spiel dieser Saison siegte Mainz 2:0 in Berlin, doch das war für Heidel erst Part eins der Vergangenheitsbewältigung. "Jetzt werden wir denen noch in Mainz klarmachen, was Sache ist, dann ist der Fall erledigt", sagt er: "Das wird ein heißer Tanz." So soll das gehen, laut Heidel: "Ich will keinen Berliner im Stadion hören, so laut müssen alle Mainzer sein." Und danach? Schwamm drüber? Über all die Ereignisse im Mai und August, "als uns der blanke Hass entgegenschlug", wie der Manager sagt: "Spieler und der Trainer wurden beleidigt, mit Bier übergossen - und bei unserem Bus die Scheiben von Geisteskranken eingeworfen." Der Führung des 1. FC Union nimmt Heidel übel, dass sie die Sache einfach laufen ließ. "Da hat sich auch Heiner Bertram nicht richtig verhalten." Dennoch will er den Präsidenten freundlich empfangen, weil der sich per Brief entschuldigt habe. Weil über die Fans Derartiges aber nicht bekannt ist, zittern sie in Mainz. Das örtliche Publikum gilt als friedliebend, nur eine Hand voll polizeibekannter Hooligans gibt es. Der Rest nimmt sich gerne selbst auf die Schippe ("Wir sind nur ein Karnevalsverein"), vor dem Spiel gegen Union unter anderem mit diesem Slogan: "Es ist geil, ein Heuler zu sein." Eine Anspielung auf das Plakat im Hinspiel: "Es war so geil, euch heulen zu sehen." Neues FeindbildDoch es regiert auch die Angst vor Ausschreitungen. Nicht erst seit bekannt wurde, dass Unioner sogar neulich bei einem Spiel in der fünften Liga gegen Rudow Krawall gemacht haben. Der Berliner Fanbeauftragte Sven Schlensog musste in der Rhein-Zeitung ein halbseitiges Interview geben. Er sprach von ein paar verwirrten Köpfen bei Union, es werde jedoch keine Aggressionen geben. "Wir werden die Gemüter beruhigen", sagt auch Thomas Beckmann vom Mainzer Fanprojekt. Der Sozialarbeiter meint, die Partie sei auf einen Nenner zu bringen: "Da wollen einige mit Gewalt den Ost-West-Konflikt neu aufkochen." Den Unionern, die sich früher vom BFC, TeBe und dem DFB verfolgt gefühlt haben (alle drei sind nicht mehr Furcht erregend), fehle es wohl an einem neuen Feindbild, mutmaßt Beckmann: "Dabei hat bei uns keiner was gegen die gehabt - unsere Antipathie hat sich stets nur gegen Frankfurt und Mannheim gerichtet." Die Zeiten ändern sich.WENDE Mainzer Frust 2001: Trainer Jürgen Klopp (l. ) nach verpasstem Aufstieg.

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