Es sei alles noch immer ziemlich unglaublich, sagt Julia Jäger. Die Schauspielerin ist zurück aus Los Angeles, zurück daheim in Prenzlauer Berg. Sie hat die Kinder in den Kindergarten gebracht. Gleich wird sie zu Dreharbeiten abgeholt. Der Alltag kommt schnell zurück. Dabei ist Julia Jäger erst am Sonntagabend im Kodak Theatre in die Höhe gesprungen, als es hieß "And the Oscar goes to . ,Spielzeugland'". In dem 14-minütigen Kurzfilm von Jochen Alexander Freydank spielt Jäger die Hauptrolle. Die Academy hat die deutsche Low-Budget-Produktion, die den Berliner Regisseur vier Jahre lang beschäftigte, mit dem wichtigsten Filmpreis der Welt ausgezeichnet."Ich wurde in die Oscar-Inszenierung förmlich hineingezogen. Es ist wie ein Rausch, man fühlt sich selber wie ein Star", sagt die 39-Jährige. "Es war wie im Märchenland." Julia Jäger ist mit Daniel Craig und Jennifer Aniston Aufzug gefahren, sie hat direkt neben Kate Winslet gestanden, und Mickey Rourke ist ihr aufs Kleid getreten. Ein paar Stunden später hielt sie die Trophäe in der Hand. "Ich war völlig berauscht im Kopf." Bis sechs Uhr morgens hat sie mit Regisseur, Kameramann, Co-Autor und einem Schauspielkollegen auf drei verschiedenen Partys gefeiert - beim Governors Ball im Kodak Theatre, bei der Constantin-Party und bei Vanity Fair. "Der Oscar öffnet einem an diesem Abend wirklich alle Türen", sagt die Schauspielerin, die 1970 in Angermünde geboren wurde.Die Reise hat das Team aus eigener Tasche bezahlt. Das passt zur Geschichte von "Spielzeugland", für den es hierzulande noch keinen Sendetermin gibt. Julia Jäger hat die Hauptrolle ohne Gage gespielt. "Nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, war das für mich gar keine Frage. Die Geschichte geht einfach unter die Haut." Der Film spielt im Nazi-Deutschland der frühen 40er-Jahre. Jäger spielt die junge Mutter Marianne Meissner, die ihren Sohn Heinrich vor der Wahrheit über die nahende Deportation ihrer jüdischen Nachbarn schützen will. Sie lässt den Jungen glauben, ihre Freunde treten eine Reise ins Spielzeugland an. Zu ihrem Entsetzen beschließt der Sohn, gemeinsam mit seinem Freund und den Eltern ins Spielzeugland zu reisen. Am nächsten Morgen ist Heinrich verschwunden.Julia Jäger ist selber Mutter von drei Kindern. Und sie kennt die Erzählungen ihrer Großmutter, die damals als Auszubildende in einer Apotheke den jüdischen Nachbarn heimlich Süßstoff in den Rezeptumschlag schüttete, weil die Lebensmittel so stark rationiert waren. Die Erzählungen der Großeltern schufen eine Verbindung zu dieser Zeit. Und sensibilisierten die Schauspielerin für ihre Rolle.Ihre Nachbarn haben am Dienstagabend, als Julia Jäger vom Flughafen kam, geklingelt und Blumen gebracht. In Arztpraxen und Bioläden im Kiez ist sie Gesprächsthema. Nur ihr achtjähriger Sohn war ein bisschen enttäuscht, dass die Mutter den Oscar nicht mitgebracht hat. Er hätte ihn gerne mal angefasst. Doch die Trophäe hat Freydank mit nach Hause genommen.Nach dem Glamour von Hollywood steht Julia Jäger seit gestern wieder vor der Kamera. In Spandau. Sie dreht mit Christian Berkel fürs ZDF eine neue Folge von "Der Kriminalist". Schließlich sind es Krimiserien, die Jäger bekannt gemacht haben. In "Donna Leon" etwa spielt sie an der Seite von Uwe Kockisch. Sie hat mit Frank Beyer und Detlev Buck gedreht und mit Götz George und Ulrich Mühe gespielt. Dennoch gehörte sie bislang in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zu den Berühmten der Branche. Auch das könnte sich jetzt ändern.------------------------------Foto: Von Hollywood nach Haselhorst: Schon gestern drehte Julia Jäger dort wieder für die ZDF-Serie "Der Kriminalist".

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