LISTWJANKA. "Der Baikal", sagt Walentina Iwanowna und macht eine Kunstpause, "der Baikal ist einzigartig!". "Der tiefste Binnensee der Erde! Das größte Süßwasserreservoir der Welt! Und erst die Flora und Fauna! Einmalig!" In der Eingangshalle des Limnologischen Instituts der russischen Akademie der Wissenschaften hängt eine Schautafel. Auf ihr sind die Superlative des Baikalsees zusammengefasst. Walentina Iwanowna steht davor, eine ältere Dame, klein, korpulent, in dunklem Rock, adretter Bluse und mit sorgfältig frisiertem Haar. Einen abgegriffenen Zeigestock in der Hand vollzieht sie bei jeder neuen Ungeheuerlichkeit, die der See zu bieten hat, eine schwungvolle Wende zwischen Publikum und Schautafel.Seit 50 Jahren versieht Walentina Iwanowna Galkina hier Dienst, im Baikal-Museum des Limnologischen Instituts in Listwjanka, einem Städtchen am südwestlichen Ufer des See. Limnologie, das ist die Wissenschaft von den Binnengewässern. Sie ernährt Geografen, Chemiker, Biologen, Geologen und Physiker. Sie haben hier alle Arten von Beweisstücken zusammengetragen, die die Einzigartigkeit des Baikals belegen.Sensation an SensationFische unterschiedlichster Größe dümpeln in Glaskolben, Vögel und anderes ausgestopftes Getier blickt von den Wänden, dazwischen Gesteinsproben, Modelle und Diagramme. Im angrenzenden Aquarium schwimmen Omul, Baikalstör und Golomjanka - allesamt Fische, die nur im Baikalsee vorkommen, erklärt Walentina Iwanowna. Sie kennt alles, was im größten und tiefsten und ältesten Süßwassersee der Erde schwimmt.Walentina Iwanowna hat physikalische Geografie in Irkutsk studiert, ist aber ebenso vertraut mit dem Makrohektopus, einer Flohkrebsart, die zu den skurrileren Lebensformen des Sees gehört. Er vernichtet alles Organische, was die oberen Wasserschichten des Sees verschmutzen könnte. "Ertrinkt ein Mensch im Baikalsee", erläutert sie, "bleiben den Angehörigen sieben Tage, die Leiche zu finden. Dann haben die Selbstreinigungskräfte des Sees alles Sterbliche vertilgt. Der See bleibt sauber."Atemlos reiht Walentina Iwanowna Sensation an Sensation. Mehr als alle leidenschaftliche Fürsprache aber überzeugt am Ende ein Schritt vor die Tür. Das Museum liegt auf einer Anhöhe über der Uferstraße. Es ist Vormittag, die Luft ist klar, der Himmel wolkenlos und von durchscheinender Bläue. Über den Bergen am anderen Ufer liegt leichter Dunst, es ist eiskalt und windstill. Inmitten dieser Kulisse liegt der Baikal, unübersehbar weit, bedeckt von einer meterdicken Eisschicht, mit Pulverschnee überzuckert. An manchen Stellen ist das Eis klar wie Glas, in Ufernähe kann man auf den Grund schauen. Es ist still, schön und nahezu menschenleer.Eben hier, im verschlafenen Städtchen Listwjanka, liegt der künftige Mittelpunkt Russlands - so die unbescheidene Vision der Bürgermeisterin, Tatjana Wassiljewna Kasakowa. "Hier entsteht Baikal City", verkündet sie. "Ein einzigartiges Investitionsprojekt: Hotels sämtlicher Kategorien, von fünf bis drei Sternen. Ein Ski-Zentrum, ein Kongress-Zentrum, ein Einkaufs- und Freizeitzentrum, ein Aquapark und ein Yachthafen."Mit Tatjana Wassiljewnas Wahl zur Bürgermeisterin im Sommer vergangenen Jahres hielt die neu-russische Moderne Einzug in Listwjanka. Die Juristin aus Irkutsk ist nicht nur die Bürgermeisterin, sondern zugleich auch Bauunternehmerin und Hotelbesitzerin. Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, zu dessen Partei sich Frau Kasakowa bekennt, wird Baikal-City nach ihren Plänen eine eigene Residenz bereit halten. Hier soll sich das Staatsoberhaupt mit den Führern Chinas, Indiens und der südostasiatischen Staaten treffen. "Die sind wichtig", weiß Tatjana Kasakowa.14 000 Deutsche urlaubten im Jahr 2005 am Baikalsee, ebenso 4 500 Chinesen. Das sind zu wenig, entschied das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel in Moskau und ersann so genannte Sonderwirtschaftszonen. Im Dezember 2006 wählte eine Kommission sieben russische Regionen dafür aus. Eine davon ist Listwjanka mit dem Projekt Baikal City.Mit steuerlichen Vergünstigungen und staatlichen Investitionen in die Infrastruktur sollen strukturschwache Gebieten, die potenzielle Reiseziele sind, aufgepäppelt werden. Ziel sei es, vor allem die einheimischen Touristen anzulocken, erläutert die Bürgermeisterin. Listwjanka soll das Naherholungsgebiet für das 40 Kilometer entfernt liegende Irkutsk werden. Aber auch Chinesen, Koreaner und Japaner sind gern gesehene Gäste. Der Generalplan für Baikal City soll bis Mai fertig gestellt sein, Baubeginn soll in zwei Jahren sein.Frau Kasakowas Rede duldet wenig Widerspruch. Sie erscheint im eleganten schwarzen Hosenanzug, am Revers ihres Jacketts sitzen Strass-Steinchen, eine schwarze Samtschleife hält das blondgefärbte Haar aus dem Gesicht, die sorgfältig manikürten Hände liegen ruhig vor ihr auf dem Tisch. Tatjana Kasakowa wirkt hart, auch wenn sie sich um ein Lächeln bemüht. An den Wänden hängen Fotografien, die sie als Freizeit-Star zeigen, eingerahmt von ihren Mitarbeitern, auf der Bühne des Irkutsker Nachtclubs "Estrada"."Für Kritik hat Tatjana Wassiljewna wenig Verständnis", sagt Olga Belskaja von der Irkutsker Umweltschutz-Organisation Baikalskaja Ekologitscheskaja Wolna. "Gegen ihre wirtschaftlichen und politischen Pläne ist wenig auszurichten, sie genießt finanziellen Rückhalt mächtiger Finanzgruppen in der Region und in Moskau."Schon bei der öffentlichen Anhörung zum Projekt Baikal City sei gegen Regeln verstoßen worden, sagt Olga Belskaja. "So gab es zum Beispiel kein Alternativ-Projekt." Auch sollen 80 bis 90 Hektar Wald des Baikal-Nationalparks dem Bauvorhaben weichen. "Das hochwertige Holz, besonders das der Sibirischen Lärche, bringt gutes Geld", sagt die Umweltschützerin. Der Einschlag soll im März beginnen. "Schon jetzt wird im Nationalpark illegal Holz geschlagen und nach China exportiert. Und der Einschlag wird einfach als Waldbereinigung deklariert.""Die Bauvorhaben sind heikel," sagt auch Roman Waschenkow von Greenpeace. "Es gibt zu wenig Platz und zu wenig Geld." Allein die Reparatur der Kanalisation in Listwjanka wäre eine Großinvestition. Zwar hält auch Roman Waschenkow den Tourismus für einen erfolgversprechenden Weg, die wirtschaftliche Entwicklung der Region zu fördern, "aber die Touristen lockt doch die unberührte Natur - und nicht Betonklötze von Hotels", sagt Waschenkow. Tatjana Kasakowa hält er für eine typische Vertreterin ihrer Zunft: alle ihre Investitionen seien auf den schnellen Profit ausgerichtet.Wo ist der ökologisch Gebildete?Die Einwohner von Listwjanka befürchten zudem, dass sie ihre Häuser aufgeben müssen, wenn die den Bauplänen im Wege stehen. Zwar hat Tatjana Kasakowa versprochen, niemand werde gezwungen, Haus und Grundstück zu verlassen, aber nicht alle glauben ihr. Also wirbt die Bürgermeisterin um Vertrauen. "Es gibt einen Bürgerrat in Listwjanka, dem 40 Einwohner angehören, vom Rentner bis zum Studenten. Er tagt jeden Mittwoch", sagt Tatjana Kasakowa. "Das letzte Mal waren 140 Bürger anwesend. Die meisten begrüßen das Projekt."Zum Bürgerrat gehört auch Walentina Iwanowna Galkina, die Wissenschaftlerin und Museumsführerin. "Der Baikal ist gesetzlich geschützt", sagt Walentina Iwanowna sybillinisch, "man muss das Gesetz nur beachten". Natürlich sei das Tourismus-Zentrum gut. Es bringe alle Errungenschaften der Zivilisation nach Listwjanka: Straßen, Elektrizität, Kanalisation. "Wunderbar. Jetzt müssen wir nur noch den ökologisch gebildeten Touristen erziehen."------------------------------Eine ganz besondere RegionGröße: Der Baikalsee erstreckt sich mitten in Sibirien zwischen Steppe und Taiga über eine Länge von 637 km. Die Gesamtfläche des Sees beträgt 31 500 Quadratkilometer. Er ist bis zu 1 637 Meter tief.Entstehung: In einer heute sechs bis acht Kilometer tiefen Grabenstruktur hat sich in über 25 Millionen Jahren das tiefste und älteste Süßgewässer unseres Planeten entwickelt. Die Ursache liegt 100 Millionen Jahre zurück, als die Platte des indischen Kontinents begann, sich auf die Eurasische Platte zu schieben. Der Druck faltete das Himalaya-Gebirge auf und verursachte im nördlichen Hinterland das Brechen weiterer Platten.Geologische Struktur: Im Bereich des heutigen Baikal kam es zu einer Bruchstelle (Rift); Gebirgskämme wurden angehoben. Das Quell- und Flusssystem der Umgebung änderte die Fließrichtung und begann, die Öffnung zu füllen. Das größere, südliche Becken des Sees ist teils mit Sedimenten des größten Zuflusses, der Selenga, gefüllt.Zukunft: Der Veränderungsprozess der Riftzone Baikal ist noch nicht abgeschlossen. Gegenwärtig verschieben sich die Bruchränder derart, dass der Baikal jährlich etwa zwei Zentimeter breiter und tiefer wird.Seismik: Häufig treten Erdbeben auf. Das letzte große Beben gab es im Jahr 1861, als am Ostufer die Tsagan-Steppe, eine Fläche von etwa 200 Quadratkilometer, sieben bis acht Meter unter die Wasseroberfläche des Sees abrutschte.Dammbau: In den 50er-Jahren errichtete die Sowjetunion am nördlichen Zufluss eines der größten Wasserkraftwerke der Welt. Das Wasser im Baikal stieg um mehr als einen Meter.Umwelt: Zwar gilt der Baikal wegen seiner Selbstreinigungskraft als eines der saubersten Gewässer der Welt. Doch im Bereich des Selenga-Staudamms und um das Zellulosewerk im Süden sind durch Verschmutzung erhebliche Schäden in der Natur eingetreten. 60 Prozent der Tier- und 15 Prozent der Pflanzenarten rund um den Baikal kommen nur dort vor.------------------------------Grafik: Baikal-Grabenbruch------------------------------Karte, Foto: Hart, aber zauberhaft ist der Winter am Baikal-Ufer nahe der Stadt Listwjanka - bislang gehörte Sibirien nicht zu den bevorzugten Reisezielen. Die russischen Urlauber ziehen das Rote Meer dem Baikalsee vor. Ausländer verirren sich - mit Ausnahme der Deutschen - nur selten an den Baikal. Noch ist es sehr still dort. Aber jetzt ist das Gebiet auserkoren, Sonderzone zu werden. "Die Leute hier sind dankbar", sagt Tatjana Kasakowa, die Bürgermeisterin von Listwjanka. "Es entstehen Arbeitsplätze, eine ordentliche Kanalisation wird gebaut." Umweltschützer fürchten dagegen die übereifrige Zerstörung eines ganz besonderen Ökosystems.