Berlin - Wer hat uns verraten?“, schreit der Mann, er formt die Hände vor dem Mund zum Trichter und schiebt die Antwort gleich noch lauter hinter: „Die So-zial-demo-kraten“. Astrid Hollmann blickt für einen kurzen Moment gequält, überwindet sich aber schnell und fragt freundlich: „Wen würden Sie denn wählen?“ „AfD oder Die Linke“, antwortet der Mann, winkt ab und verschwindet im Supermarkt an der Torstraße. Es ist der Teil der Straße, wo sie jeder Hipness unverdächtig ist. Nicht wie ein paar hundert Meter weiter, wo sich teure Läden und Galerien mit ebenfalls teuren Restaurants abwechseln.

Pragmatisch, bodenständig

Kiezmarkt nennt sich der Supermarkt hier und das passt zu Astrid Hollmann. Sie ist die Direktkandidatin der SPD in diesem Wahlkreis für das Abgeordnetenhaus. Mitte ist ihr Bezirk und der Kiez als Synonym für Gemeinschaft und ein soziales Zusammenleben ihre Wegmarke, das betont die 46-Jährige häufig und redegewandt. Sie steht vor einem Kastenwagen aus Holz, den sie sich extra für den Wahlkampf hat bauen lassen. Sie kann ihn wie einen Eiswagen mit einem Fahrrad fahren. Der Kastenwagen hat verschiedene Fächer und Türen, er ist typisch für Astrid Hollmanns Art, die Dinge anzugehen – pragmatisch, aufgeräumt und mit einer Bodenhaftung wie man sie im Ruhrpott lernt, wo Hollmann herkommt.

So geht sie auch auf die Leute vor dem Supermarkt zu, es ist kurz nach neun und die meisten Kunden sind entweder alt oder jung, alle anderen sind arbeiten. Astrid Hollmann hört sich an, was die Senioren zu sagen haben. Man sieht ihr an, dass es sie wirklich interessiert, die Probleme und Fragen der „kleinen Leute“, die eigentlich immer die Hauptzielgruppe der SPD darstellten und die die Partei in den vergangenen Jahren aus den Augen verloren hat, wie es scheint. „Ich trage den Auftrag, den die Wähler mir geben, immer in mein rotes Buch ein und arbeite das dann ab“, sagt Hollmann. „Auftrag der Wähler“, das ist so eine Formulierung, die nach Politikersprech klingt und bei der es Hollmann schafft, komplett authentisch zu wirken. Das ist gelebtes Parteiprogramm, die Frau meint es ernst und versteht ihren Job offenbar auch so: Sie ist eine Volksvertreterin und will das auch sein.

Ihre Chancen, ins Abgeordnetenhaus zu kommen, sind trotzdem unsicher. Ihre direkte Konkurrentin, Ramona Pop von den Grünen, ist durch einen Listenplatz abgesichert. Ein Umstand, der Pop laut Hollmann nicht gerade zum Vorteil gereicht: „Ich sehe sie hier nie, sie ist einfach nicht nah bei den Menschen. Das ist doch, was bei vielen Menschen, mit denen ich rede, deutlich wird – die meisten wissen gar nicht, dass es eine Abgeordnete gibt, die sie ansprechen können und der sie ihre Sorgen mitteilen können“, so Hollmann in Richtung Pop.

Gewohnt, gebraucht zu werden

Sie selbst sieht sich da in der Pflicht, erzählt sie und drückt einem Passanten die Wahlbroschüre mit ihrem Foto darauf in die Hand. Im Hintergrund rauscht der Großstadtverkehr der Torstraße, laut und beständig. Eine Kümmerin sei sie, sagt Hollmann, als Schwester dreier Brüder sei sie es gewohnt, gebraucht zu werden. Aufgewachsen in einer Zechensiedlung und Kind einer Bergmannsfamilie, sei sie erst spät aber quasi folgerichtig zur SPD gekommen. Sie habe sich gleich aufgehoben gefühlt in der Partei, für die sie seit rund zehn Jahren tätig ist. „Es wurde jemand gebraucht“, ist so ein Satz, den Hollmann häufig verwendet. Er beschreibt, woher die Politikerin ihre Motivation für diese Art von Basisarbeit bezieht.

Mit den Bürgern so direkt in Kontakt zu treten, habe sie am Anfang Überwindung gekostet, sagt sie. Man vermutet es kaum, wenn man sieht, wie leutselig Hollmann mit den Menschen umgeht – wie sie die junge Frau in den Hipsterhotpants ebenso in ein Gespräch verwickelt wie die Rentnerin, die ihr sagt, dass sie nicht wähle, „weil die da oben ohnehin nichts für mich tun“.

Hollmanns Themen unterscheiden sich hier in Mitte wenig von denen der anderen arrivierten Parteien. Soziales, Schulen, Kitaplätze, das sind auch Programmpunkte, für die die FDP im Bezirk einsteht, ebenso wie die Grünen.

Alles aus Überzeugung

Was unterscheidet die SPD von den anderen? „Die Starken müssen sich um die Schwachen kümmern“, sagt Astrid Hollmann mit Nachdruck. Die Frau ist offenbar überzeugt von dem, was sie tut, anders lässt sich auch nicht erklären, dass sie es auch nicht allzu schlimm fände, wenn sie nicht für das Abgeordnetenhaus gewählt würde. „Es geht mir in erster Linie darum, in diesem Kiez präsent zu sein und etwas für andere Menschen zu tun“, sagt sie. Sie sei in ihren Stadtteil verliebt und darum gehe es ihr: Für die Menschen in Mitte da zu sein.

Und irgendwie glaubt man ihr auch das.