NEW YORK, 15. Juli. Schon vor 240 Jahren wurden Kriege auf dem amerikanischen Kontinent mit biologischen Waffen geführt. Dieser für die Amerikaner erschreckende Sachverhalt wurde jetzt bekannt, während in Washington über die Entwicklung bestimmter Impfungen gegen angebliche biologische Kampfstoffe des Iraks diskutiert wird. Bis heute gelten unter anderem die Pocken als tödliche Waffe. "Doch schon im 18. Jahrhundert", erklärte Elisabeth Fenn, Historikerin an der Yale University, in der "New York Times", "war der militärische Einsatz der Krankheit auch in Amerika üblich." "Wäre es nicht vorstellbar, die Pocken unter die Indianer zu streuen", erklärte beispielsweise 1763 Sir Jeffery Amherst, der Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Nordamerika. Sein Brief richtete sich an Untergebene in dem von Überfällen bedrohten Fort Pitt in Pennsylvania. Doch auch ohne die offizielle Aufforderung von höchster Stelle hatte das dortige Militär die Mitglieder der Indianerstämme Delaware und Shawnee schon mit pockenverseuchten Bettdecken und Handtüchern infiziert.Vorsätzlich angestecktZur gleichen Zeit wurden die Potawatomi-Indianer im Kampf gegen die britischen Truppen am Lake George im heutigen Bundesstaat New York vorsätzlich angesteckt. Etwa 40 Prozent aller Mitglieder des Potawatomi-Volkes starben daraufhin an Pocken. Gefangengenommene Anführer des Stammes der Ottawa berichteten, englische Händler hätten ihnen "ein prunkvolles Bleikästchen" überreicht, in dem sich sonderbare "schimmelige Körnchen" befunden hätten.Tatsächlich "galten die Pocken im Amerika des 18. Jahrhunderts", so Fenn, "als biologische Waffe Nummer eins". Die britischen Soldaten, so die Historikerin, seien infolge der weiten Verbreitung der Pocken in England der Krankheit gegenüber so gut wie immun gewesen, wohingegen die Ureinwohner der Neuen Welt keine Abwehrkräfte besaßen. Das Gleiche galt für die schwarzen Sklaven im Süden des Landes.Auch im Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg setzten die Engländer die Pocken gegen Freiheitskämpfer ein. 1775 erreichten General George Washington Berichte, britische Kommandeure würden etwa beim Kampf um Boston erkrankten Sklaven freies Geleit in die amerikanisch kontrollierten Gebiete gewähren, um dort die Krankheit zu verbreiten. Im Sommer 1781 schrieb General Alexander Leslie aus Virginia an die britische Heeresleitung: "Über 700 Neger liegen hier mit den Pocken im Sterben. Ich werde sie über die Plantagen der Rebellen verteilen lassen."