BERLIN/DÜSSELDORF. Vielleicht hätte man ahnen können, was Bastian B. vorhatte. Man hätte begreifen können, dass er voller Hass war, wenn man seine Homepage gelesen hätte - vor diesem Montag, an dem der 18-Jährige mit vier Gewehren, einem Messer und 13 Rauchbomben seine ehemalige Schule in Emsdetten in Nordrhein-Westfalen stürmte. An diesem Tag, als er sich eine schwarze Haube auf den Kopf setzte und wahr machte, was er schon im Sommer 2004 im Netz angekündigt hatte: "Ich will, dass sich mein Gesicht in eure Köpfe einbrennt. Ich will Rache."So schreibt es Bastian B. auf seiner Homepage. "Diese Rache wird so brutal und rücksichtslos ausgeführt, dass euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst."Bastian B. präsentierte auch Fotos und Filme von sich im Netz. Im Videoportal "Youtube" hatte er am Sonntag einen Beitrag eingestellt, der den "Opfern und Mördern" des Schulmassakers von Columbine in den USA von 1999 gewidmet war. Die Videos zeigen Erschießungsszenen im Wald, die Fotos zeigen ihn mit einem Gewehr mit Zielfernrohr und mit einer Maschinenpistole und im Tarnanzug. Die Bilder sollen Stärke ausdrücken, eine Stärke, die er im Leben nicht besaß.Alarmruf am MorgenEr fühlte sich gedemütigt von seinen ehemaligen Mitschülern der Geschwister-Scholl-Realschule, der GSS in Emsdetten. Er fühlte sich nicht ernst genommen. Immer noch ging es ihm so. Obwohl er die Realschule im Vorjahr verlassen hatte. "Ich habe darüber nachgedacht, dass die meisten der Schüler, die mich gedemütigt haben schon von der GSS abgegangen sind. Dazu habe ich zwei Dinge zu sagen: ich ging nicht nur in eine Klasse, nein, ich ging auf die ganze Schule. ... Ich bin der Virus, der diese Programme zerstören will, es ist völlig irrelevant, wo ich da anfange."Einer seiner ehemaligen Mitschüler hatte ihn am Montagmorgen vor der Schule noch erkannt. Bastian B. wirkte verstört. Aber es war zu spät, ihn aufzuhalten. Er tat, was er zuvor angekündigt hatte. Er schoss um sich.Der erste Alarmruf, der bei der Polizei eintrifft, kommt gegen halb zehn aus dem Schulsekretariat. Ein Lehrer sagt, jemand schieße in der Schule. Nach wenigen Minuten sind zwei Streifenwagen vor der Schule, kurz nach zehn treffen Spezialeinheiten ein. Aus den Fenstern des Gebäudes quellen dicke Schwaden schwarzen Qualms. Der Junge hat Rauchbomben geworfen. Später weiß man, dass einige Lehrer die meisten Schüler zu diesem Zeitpunkt bereits in Sicherheit bringen können.Die Polizisten stoßen in einem der verrauchten Klassenräume auf vier verängstigte Schüler. Wenig später finden sie in der zweiten Etage Bastian B. Er liegt tot auf dem Boden. Mit einem Messer im Hosengurt und drei Rohrbomben um den Bauch. Die Polizisten halten Abstand. Erst Stunden später können sie die Leiche näher in Augenschein nehmen. Wegen des Sprengstoffgürtels. "Aber die Auffindesituation ist klar", sagt der zum Tatort geeilte Polizeipräsident aus Münster, "der Täter hat sich selber hingerichtet."Anklage wegen WaffenbesitzesWas war es, das er für eine so große Demütigung hielt? Was war es, was ihm auf der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten widerfahren war?Er hat seine täglichen Demütigungen aufgeschrieben - im Internet: "Von 1994 bis 2003/2004 war es auch mein Bestreben, Freunde zu haben, Spaß zu haben. Als ich dann 1998 auf die GSS kam, fing es an mit den Statussymbole, Kleidung, Freunde Handy usw. ... Dann bin ich wach geworden. Mir wurde bewusst, dass ich mein Leben lang der Dumme für andere war, und man sich über mich lustig machte." Dann fragt er, was es für einen Sinn mache zu arbeiten, ein Haus zu bauen und Kinder zu bekommen - "und was weiß ich nicht alles". "Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen!" Denn: "Das Einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin."Der Amokläufer war ein Waffennarr, das wusste man schon lange, denn er war der Polizei schon wegen Waffendelikten aufgefallen. An diesem Dienstag, dem Tag nach der Tat, sollte er wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor der Jugendstrafkammer in Rheine auf der Anklagebank sitzen. Er entzog sich der Verantwortung.Bei seiner Tat hat er dreizehn Rohrbomben und vier Schusswaffen bei sich. Er hat 37 Menschen verletzt, darunter 16 Polizisten, die meisten erleiden Rauchvergiftungen. Doch vier Schüler trifft er mit seinen Kugeln, den Hausmeister der Schule verletzt er durch einen Bauchschuss. "Es sind schwere Verletzungen, aber keines der Opfer schwebt in Lebensgefahr", sagt ein Oberstaatsanwalt. "Tot ist nur der Täter."Bastian B. hatte zwei jüngere Geschwister. Seine Eltern erlitten einen Schock, der Vater musste auf die Intensivstation gebracht werden.Im Internet hat er seine Eintragungen so beendet: "Als Letztes möchte ich den Menschen, die mir was bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies Entschuldigen! Ich bin weg ..."------------------------------Erfurt, Meißen, Bad ReichenhallNovember 2006: Ein 18-Jähriger schießt an der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten um sich. Er verletzt mehr als dreißig Menschen und richtet sich selbst.Juli 2003: Im bayrischen Coburg verletzt ein 16-Jähriger seine Lehrerin und tötet sich anschließend selbst.April 2002: Bei einem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium tötet ein 19-jähriger Ex-Schüler 13 Lehrer, zwei Schüler und einen Polizisten. Danach erschießt sich der Jugendliche.November 1999: In Meißen ersticht ein Schüler seine Lehrerin. Der 15-Jährige erhält siebeneinhalb Jahre Jugendstrafe.November 1999: Ein Jugendlicher in Bad Reichenhall plündert den Waffenschrank seines Vaters. Er tötet zwei Passanten, seine Schwester und sich selbst.------------------------------Dunkle Spuren im NetzDer Amokläufer Bastian B. hat seine Frustrationen über Schule und Gesellschaft auf seiner Homepage im Internet erläutert. Die Seite ist inzwischen gesperrt. Wir dokumentieren Auszüge seiner Erklärungen (in der Orthografie des Schülers):Über seine Enttäuschungen:"Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, dass man nur glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei."Über sein Unterlegenheitsgefühl an der Schule:"Man musste das neueste Handy haben, die neuesten Klamotten und die richtigen ,Freunde'. Hat man eines davon nicht, ist man es nicht wert beachtet zu werden."Über fehlende Freunde an der Geschwister-Scholl-Schule:";Jocks' sind alle, die meinen aufgrund von teuren Klamotten oder schönen Mädchen über anderen zu stehen. Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen."Über fehlende Perspektiven nach seiner Schulzeit:"Wozu soll ich arbeiten? Damit ich mich kaputtmaloche, um mit 65 in den Ruhestand zu gehen und 5 Jahre später abzukratzen?"Über sein Leben bis zum Tag des Amoklaufs:"Das Leben wie es heute täglich stattfindet ist wohl das armseligste was die Welt zu bieten hat."Über mögliche Opfer an seiner ehemaligen Schule:"Die Menschen, die sich auf der Schule befinden, sind in keinem Falle unschuldig! Niemand ist das! In deren Köpfen läuft dasselbe Programm welches auch bei den früheren Jahrgängen lief!"Über seine Tat:"Ihr habt euch über mich lustig gemacht, dasselbe habe ich nun mit euch getan,ich hatte nur einen ganz anderen Humor!"------------------------------Foto: Als Waffennarr und Computer-Spielefanatiker beschreiben ihn seine Mitschüler, so stilisierte sich der Amokläufer von Emsdetten selbst - auf seiner Homepage.------------------------------Foto: Die Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten nach dem Amoklauf