In Läden geht man normalerweise, um etwas zu kaufen. Nicht in Wilmersdorf an der Bundesallee 39-40. Hierher kommen Kunden mit zwei Bettlaken im Gepäck. Sie schreien laut im Chor. Sie ziehen ihre Pullover aus und legen sie in Wäschkörbe bevor sie sich in Reihen nebeneinander mitten im Laden in Betten legen. Manchmal stehen sie sogar lange an für dieses Erlebnis. Es wird ein Massagegerät für den Hausgebrauch in diesem Geschäft verkauft: Ceragem aus Korea, eine Liege, die den Rücken massiert. 400 Menschen kommen täglich hierher. Aber sie kaufen nicht, sie kommen zum Probeliegen. Und sie kommen jeden Tag wieder.Es ist ein großer Raum, den Young-Min Lee, der Inhaber der Ceragem-Filiale, an der Bundesallee gemietet hat. Linker Hand stehen 31 Stühle hintereinander wie im Theater. Sie haben Nummern auf den Rückseiten. Wer sich hinsetzt, belegt eine Liege für einen 40-minütigen Massagedurchgang. Die Plätze sind begehrt. Frei bleibende Stühle und Liegen gibt's kaum jemals.Lee stimmt die Sitzenden ein. Er sucht sich ein neues Gesicht heraus. "Welches Problem haben Sie", fragt er. Ein Rückenproblem. Auf diese Antwort hat er gewartet. Er hält das Modell einer Wirbelsäule hoch. "Wie ziehen Sie sich ihre Hose an", fragt Lee und macht es vor, "so, mit geradem Rücken oder so, mit gebeugtem Rücken." Gebeugt. "Aha", sagt Lee und biegt das Wirbelsäulenmodell gehörig durch, "wenn Sie sich 50 Jahre lang so die Hose angezogen haben, ist die Wirbelsäule ganz krumm." Die Liege soll das ändern. Lee erklärt, dass Kugeln die Muskeln rechts und links der Wirbelsäule massieren werden, so dass sich der Rücken streckt und der Mensch richtiggehend größer wird. Aber dazu braucht er Geduld. Er muss sich immer wieder massieren lassen. Und locker werden. An der Bundesallee wird deshalb einmal herzhaft gebrüllt. Die Wartenden reißen die Arme hoch, klatschen in die Hände und schreien laut, weil das befreit von Hemmungen: "Eins, zwei, drei Ceragem - Jaaaa."Schichtwechsel auf den Liegen. 31 Frauen und Männer wechseln auf die rechte Seite des Geschäfts, wo die Liegen in Reihen stehen. Eins der mitgebrachten Laken wird ausgebreitet. Mit dem anderen deckt man sich zu. Zuerst fühlt es sich unangenehm an. Im Kreuz ein harter Buckel. Dann kommt Desa und drückt auf einen Knopf. Warm wird es nun am Rücken, am Po, an den Beinen. Der Buckel setzt sich in Bewegung und fährt rauf und runter. Es ist ein Schlitten unterm Polster mit acht Jadekugeln, vier auf jeder Seite der Wirbelsäule. Die Kugeln strahlen Wärme aus - Moxa und Akupressur in einem. 13 Mal hält der Buckel für zwei Minuten an - mal weiter oben, mal weiter unten. Heiß wird es dann. Desa hat die Automatik auf 60 Grad eingestellt. Die ganze Liege ist warm. Nach 30 Minuten das Signal zum Wenden. Jetzt der Bauch - für mehr Energie und ein Glücksgefühl.Zwischen 40 und 70 Jahre sind die Liegentester alt. Sie kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei, Vietnam. "30 bis 40 Prozent sind Deutsche", sagt Hyun-Jin Kim, Lees Frau. Deutsche seien skeptisch, vielleicht weil es etwas umsonst gibt. "Sie suchen den Haken", sagt Kim, "aber wir sagen, kommen Sie, bis Sie den Haken gefunden haben." Niemand werde zum Kauf einer Liege für 2 450 Euro gezwungen. Immer wieder dürfen sie Probeliegen - ohne Verpflichtung. Sie sollen sich selbst überzeugen. Das ist die Marketingstrategie.Die 59-jährige Katica überzeugt sich seit November vergangenen Jahres täglich. Jetzt ist sie schon sehr überzeugt und hat angefangen für eine eigene Liege zu sparen. "Ich hatte hohen Blutdruck, hohe Cho-lesterinwerte, Miniskusprobleme und einen Bandscheibenvorfall", sagt sie. Nach der ersten Behandlung sei alles noch viel schlimmer geworden. Aber dann. "Die Leber ist auf Normalgröße geschrumpft, die Cholesterinwerte sind runter, ich kann besser sehen, ich brauche keine Blutdruckmedikamente mehr, im Knie keine Schmerzen", sagt sie. Keine Grippe, keine Erkältung, kein Herpes. "Ich komme von der Arbeit müde her und gehe nach Hause wie ein junges Mädchen", sagt Katica.Ein paar Liegen weiter entspannen sich eine 48 Jahre alte Frau und ihre 75 Jahre alte Mutter. Seit einem Jahr ist die Tochter jeden Tag da - wegen Verspannungen im Nacken und zum Stressabbau. Ihre Mutter kommt seit drei Monaten mit. Boris Mertens, 40 Jahre alt, Rückenprobleme, kommt, seit das Geschäft 2003 eröffnet hat wenn es geht, jeden Tag: "Die Massage tut gut und ist gratis. Warum soll ich das nicht nutzen?" Beim Verband Deutscher Chiropraktiker hat Geschäftsführer Kurt Jürgen Schwarz keine Einwände. Solange Druck auf die Wirbelsäule nur mit dem eigenen Körpergewicht ausgeübt werde, könne es nicht schädlich sein.Ein Signal beendet nach 40 Minuten die Massage. Die Liegentester stopfen die Laken in die Plastikbeutel. Verkaufsgespräche werden nicht geführt. In einem guten Monat verkaufen sie 20 bis 30 Liegen, sagt Hyun-Jin Kim. Sie werden in Korea produziert, am Ceragem-Hauptsitz. Filialen gebe es in 30 Ländern: 300 in China, 150 in den USA. In Europa sei man noch am Anfang. Aber in Berlin gibt es schon drei, eine an der Hermannstraße in Neukölln und eine in Spandau, Breite Straße. Frau Kim verabschiedet ihre Kunden mit Handschlag. "Bis morgen", sagt sie. Dann wird wieder getestet.------------------------------Foto: Warm und wohltuend: Jadekugeln, die zur koreanischen Massageliege dazugehören, helfen gegen Schmerzen und Verspannungen.