FRIEDRICHSHAIN. Die Erleichterung ist deutlich spürbar. Als gestern Mittag kurz vor 12 Uhr das erste Segment der East Side Gallery unbeschadet durch die Luft schwebt und vom Hebekran auf die Lkw-Ladefläche gesetzt wird, atmen alle auf. Die Arbeiter, die seit drei Tagen bei brütender Hitze vergeblich versucht hatten, die Elemente der einstigen DDR-Hinterlandmauer voneinander zu trennen und sie vom Boden zu lösen. Die Denkmalexperten, die darauf achten, dass trotz kräftigem Einsatz von Hammer, Meißel und Spezial-Kettensäge die einzelnen Teile heil bleiben. Und auch der Auftraggeber aller Beteiligten blickt etwas entspannter drein.Kevin Murphy, der Manager der Anschutz Entertainment Group (AEG), ist gestern hinter die East Side Gallery gekommen, um persönlich die Arbeiten zu beobachten. Seine Unzufriedenheit über die lange Erfolglosigkeit kann er nur schwer verbergen. "Das erste Element war das schwierigste, meinen die Fachleute, jetzt geht es hoffentlich schneller voran", sagt er. Der Durchbruch der East Side Gallery erfolgt genau gegenüber jener Stelle, wo ab September die Großarena der AEG "O2 World" gebaut wird. Besucher sollen von dort zum Spreeufer einen freien Blick haben.Vier bis fünf Teile pro TagBis zum Freitag nächster Woche sollen alle vereinbarten 34 Segmente aus der East Side Gallery einzeln herausgehoben und etwa 50 Meter weiter westlich hinter der Mauer wieder aufgestellt sein. Das heißt, täglich müssen vier bis fünf Elemente geschafft werden. "Schwierig, aber machbar", so der knappe Kommentar eines Bauarbeiters. Von welcher Firma er kommt? Kein Kommentar. Auch sein Chef und die Denkmal-Experten wollen sich öffentlich nicht äußern. Dass es 17 Jahre nach dem Fall der Mauer so schwierig ist, Teile davon zu heben, macht ihnen sichtlich zu schaffen.Vor den tonnenschweren Segmenten, die alle auf knapp zwei Meter langen, l-förmigen Füßen stehen, haben die Arbeiter einen Graben gebuddelt. So sehen sie, dass einige Teile knapp einen halben Meter tief in den Boden einbetoniert sind. Aus alten Dokumenten sei ersichtlich, dass es dort mal eine Zufahrt gab, heißt es. Dort muss also Spezialgerät ran. So wie auch beim Trennen der etwa 1,20 Meter breiten Segmente. Zwischen ihnen gab es einen Hohlraum, der damals, beim Bau der Mauer, mit Mörtel voll gegossen wurde. Das habe die Mauer stabilisiert, sagen die Experten. Jetzt muss der Mörtel Steinchen für Steinchen rausgeklopft und -geschnitten werden.Einer der beteiligten Experten ist auf das Anheben schwerer Kunstwerke spezialisiert. Er hat auch dabei geholfen, "Ägyptens versunkene Schätze" in den Martin-Gropius-Bau zu bringen, sagt er. Für die East Side Gallery baute er eine spezielle Stahltraverse. Die wird an den Fuß jedes einzelnen Segments geschraubt. Dann werden in Schlaufen lange Gurte gehängt, die schließlich vom Kran hochgezogen werden. Der Mann sagt, dass jedes Kunstwerk anders ist und man vorher nie genau sagen kann, wie gut es klappt. Eines hat jedoch alle beeindruckt: 1960, so steht es in alten Papieren, kostete jedes Mauerteil exakt 359 DDR-Mark. Gemessen am Aufwand zur Bewahrung des Mauerdenkmals East Side Gallery sind das Peanuts.------------------------------34 Segmente kommen in den ParkDie East Side Gallery entstand Anfang der 1990er-Jahre. Damals kamen 118 Künstler aus 21 Ländern nach Berlin und bemalten 1,3 Kilometer der ehemaligen DDR-Hinterlandmauer entlang der Mühlenstraße. Die einst graue und nun bunte Mauer wurde unter Denkmalschutz gestellt und gilt als längste Open-Air-Galerie der Welt. Gut 500 000 Touristen kommen jährlich dorthin.Ein 300 Meter langes Teilstück wurde im Jahr 2000 mit Hilfe von Firmen saniert. Der wesentlich größere Teil verfällt, die meisten der Bilder sind kaum noch zu erkennen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat für eine Sanierung EU-Mittel beantragt, im Frühjahr 2007 sollen die Arbeiten beginnen. Dann sollen auch die Bilder neu aufgetragen werden. Der Streifen zwischen East Side Gallery und Spree soll noch in diesem Jahr zu einem 15 000 Quadratmeter großen Park werden.Den Durchbruch der Mauer hat die Anschutz Entertainment Group (AEG) zur Bedingung für den Bau ihrer Arena O2 World gemacht. Die Mehrzweckhalle für 17 000 Besucher entsteht auf einem Areal gegenüber der East Side Gallery. Von der Arena zum Spreeufer, wo ein Schiffsanleger gebaut wird, soll es eine direkte Blickachse geben.Genehmigt war ein 50 Meter breiter Durchbruch, er wird aber nur 40,2 Meter breit. Bei 50 Metern hätte man ein Bild der Gallery geteilt, deshalb einigten sich AEG und Ämter auf eine kleinere Öffnung. Die 34 Mauersegmente werden rund 50 Meter weiter westlich in den Spree-Park gestellt.Die einzelnen Segmente sind 3,60 Meter hoch und durchschnittlich 1,20 Meter breit. Jedes von ihnen wiegt knapp drei Tonnen.------------------------------Fotos (2) :Das erste Mauerstück bewegt sich. Zwei Arbeiter beaufsichtigen das Anheben der Segmente aus der East Side Gallery. Gestern wurden zwei Elemente erfolgreich versetzt. Bis Ende nächster Woche sollen es 34 sein. Auf ihnen sind zwei kaum noch erkennbare Bilder. Wo der Durchbruch gemacht wird, soll der Eingang zum Park entstehen.Die Arena O2 World entsteht gegenüber der East Side Gallery.------------------------------Karte