An der Ecke Mehringdamm und Yorckstraße schläft die Stadt nicht / Sommer-Serie Teil 11: Kebab, Curry, Kurzprogramm

Es ist Sommer in der Stadt. Der Lebensmittelpunkt wandert ins Freie - nicht nur in Straßencafés und Strandbars. Es gibt viel mehr Orte, die man an kalten Wintertagen meidet und die nun an lauen Abenden zum Leben erwachen, die eine ganz eigene Atmosphäre entwickeln und das Gefühl der Stadt im Sommer prägen. In der Serie "Nachts in Berlin" stellen wir solche Orte vor.----Einst besang Frank Sinatra New York als die Stadt, die niemals schläft. Nach einer Nacht am Mehringdamm ist man jedoch geneigt zu sagen: "It's up to you - Berlin, Berlin."Es ist 21 Uhr. Die Ruhe vor dem Sturm. In gemächlichem Tempo werden bei Mustafas Gemüse-Kebab-Döner über den Tresen geschoben, die Taxifahrer am benachbarten Taxistand sitzen in ihren Autos und lesen. Noch haben sie nicht viel zu tun. Im Waschsalon Schnell & Sauber an der U-Bahn-Station Mehringdamm sitzt ein einzelner Mann: Bernhard, 59 Jahre. Gedankenverloren schaut er in die Waschtrommel. Kurzprogramm. Es ist heiß und riecht nach Weichspüler. Der Beamte wohnt eigentlich in Tempelhof, doch zum Waschen kommt er hierher. "Am Mehringdamm trifft sich alles", sagt er - Methadon-Abhängige ebenso wie partyhungrige Jugendliche und australische Touristen. Manchmal unterhält er sich, kauft bei Mustafas etwas zu essen oder trinkt nebenan im Bier-Express ein Pils.Um diese Zeit sind die Tische dort schon besetzt, aus sicherer Entfernung wird das Treiben vor Curry 36 beobachtet. Gerade ist ein Junggesellenabschied angekommen, stärkt sich mit Würstchen für den Abend. Die Hauptperson trägt ein Bärenkostüm. Neben ihm teilen sich zwei Senioren eine Bulette mit Zwiebeln und Pommes. Sie sehen so aus, als wollten sie ins Theater - roséfarbenes Kostüm und Nadelstreifenanzug. Die Stehtische vor Curry 36 sind zwar besetzt, doch man kommt schnell an die Reihe. Noch ist keine Rush-our. Die beginnt erst gegen halb zwölf, sagt der 29-jährige Taner vom Kiosk Tabak-Börse, direkt neben Curry 36. Bis vier Uhr morgens sei dann der Teufel los.Es ist halb eins. Eine Familie aus dem Rheingau möchte mit brennenden Zigaretten den Kiosk betreten. Die Angestellten winken ab: Das geht auch in Berlin nicht. Bernhard ist mittlerweile verschwunden, der Waschsalon hat schon vor einer Stunde geschlossen. Vor Mustafas und Curry 36 haben sich Schlangen gebildet. Eine Berlinerin erklärt ihrer Freundin: "Ich habe Curry 36 nur einmal leer erlebt. Und das war beim Endspiel der Fußball-WM." Seit 1980 gibt es den Imbissstand schon, wie viele Currywürste in einer Nacht verkauft werden, weiß niemand. Oder die Angestellten wollen es nicht verraten.Der 24-jährige Lars Riedel überquert die Yorckstraße, das Handy am Ohr. Er muss was essen, sagt er. Einige Minuten später hält er eine Currywurst mit Pommes in der Hand. Nächste Station: Mustafas. "Einen Döner komplett bitte." Lars Riedel lässt ihn in Alufolie einpacken. "Das wird die Grundlage für die Nacht", sagt er und grinst. Kurz darauf verschwindet er im U-Bahn-Schacht, nimmt die U 6 Richtung Alt-Tegel. Erstes Ziel: die Freunde am Rosa- Luxemburg-Platz. Danach wird weitergesehen.Am Taxistand wollen die älteren Fahrgäste meist nach Tempelhof, das jüngere Publikum zieht es in Richtung Alex oder Prenzlauer Berg. Mittlerweile herrscht ein stetes Kommen und Gehen. Eine Nacht am Mehringdamm lohnt sich für Taxifahrer.Auch für den Türsteher des Tutti Frutti ist der Samstagabend meist ein lohnendes Geschäft. Er steht an der Ecke Yorckstraße, direkt vor der Apotheke, wirbt mit Flyern und fordert Männer auf, die Table-Dance-Bar zu besuchen. "Früher ließ sich unsere Klientel leichter ausmachen als heute", sagt der 54-Jährige und mustert drei junge Männer, die die Straße überqueren. Letztlich entscheidet er sich dagegen, sie anzusprechen. Gut so: Am Taxistand treffen sie auf ihre Freundinnen. Tutti Frutti liegt ums Eck an der Yorckstraße, der Eingangsbereich ist menschenleer. Auf der anderen Seite der Straße hat die Sankt Bonifatiuskirche geöffnet. Teelichter laden zur Gebetsnacht ein, auf dem Bürgersteig liegen rosafarbene und weiße Rosenblätter. Am Nachmittag hatte jemand geheiratet.Am nächsten Morgen, 5.15 Uhr. Mustafas hat geschlossen, auch vor dem Bier-Express sind Stühle und Tische zusammengeräumt. Es beginnt zu dämmern, in 45 Minuten öffnet der Waschsalon wieder. Die U-Bahn spuckt noch immer Party-Heimkehrer aus. Bei Curry 36 werden die letzten Würste über die Theke geschoben. Eigentlich schließt der Imbissstand um fünf Uhr. Lange verweilt dort niemand mehr. Das, was jetzt gegessen wird, dient weniger dem Genuss als vielmehr der Kater-Prophylaxe. Langsam kehrt Ruhe ein auf dem Mehringdamm. Ein Mann hat sich vor der Apotheke hingelegt. Auch seine Hunde dösen. Es wird klar: Manchmal, ganz selten, schläft Berlin doch.FAZITGeeignet für: Hungrige, Durstige, NeugierigeBloß nicht: zu warm anziehen, in dem Gedränge wird's warm.Alle bisherigen Folgen der Serie im Internet zum Nachlesen: www.berliner-zeitung.de/sommerserie------------------------------Foto: Als Grundlage für die Nacht oder am Morgen als Kater-Prophylaxe - die Wurst von Curry 36 am Mehringdamm.