Keine Steine, kein Holz, kein Estrich. Der Boden des Hauses besteht aus einfacher Erde. Das ist gut, zumindest für das Kind Rubíni, das später die Erzählerin des Buches sein wird. Weil der Boden erdig ist, kann Rubíni unter dem Bett, in dem sie mit ihren Brüdern schläft, einen Garten anlegen, und als ihr kleines Huhn wegen Unterernährung stirbt, gräbt sie dem geliebten Tier ein Grab, direkt unter der Stelle, wo Rubínis Füße liegen in der Nacht. Das mit dem erdigen Hausboden hat aber auch seine negativen Seiten. Wenn man nicht aufpasst, bricht die Natur durch. Unkraut sprießt, aus dem Abfluss kriechen Tiere herein und tauchen hinter einem Topf oder als Beule unter einem zerrupften Teppich wieder auf. Regelmäßig zieht deshalb die Mutter ein Brett hinter dem Schrank hervor, legt es auf die Erde, und alle stampfen auf der Bohle herum, damit der Boden wieder glatt wird.Dieses Ritual ist für die Kinder in Zeiten des Krieges nicht nur der einzige gebliebene Familienspaß, für die Mutter ist es auch ein Akt der Selbstachtung und der bescheidene Versuch, der Naturgewalt ein Stück bewohnbarer Normalität abzutrotzen. Die Naturgewalt wird in dem düsteren, kraftvollen Roman "Die Tochter der Hündin" von Pavlos Matessis nicht nur von harmlosen Würmern und sich aufwerfender Erde repräsentiert, sondern durch die blutige Seite der griechischen Geschichte, die zwischen 1940 und 1950 wie ein immer wieder einsetzender Orkan über das Städtchen Epalxis kommt (Albanienkrieg, in dem der Vater stirbt, deutsch-italienische Besatzung, Bürgerkrieg). Von Normalität kann also keine Rede mehr sein. Von List und Achtung aber schon. Um ihre Kinder vor dem Hungertod zu retten, lässt die Mutter sich mit einem italienischen Besatzer ein. Sie legt ein Handtuch aufs Laken, schickt die Kinder raus, und als sie wiederkommen, gibt es wenigstens etwas zu essen. Nach der so genannten Befreiung wird die Mutter von der hysterisierten Bevölkerung für diese Tat öffentlich als Kollaborateurin gedemütigt. In einem offenen Lastwagen fährt man sie nackt durch die Stadt, schert ihr das Haar und schlägt faule Eier auf ihrem Kopf auf. Rubíni sieht das mit an, wie ein Hund läuft sie durch die johlende Menge neben dem Lastwagen her.In dieser zentralen Szene kulminieren alle vorherigen Grausamkeiten, aus ihr ergibt sich die seltsame Mutter-Tochter-Bindung und die Erzählstruktur. Auf dem Lastwagen wird die Mutter sozial getötet. Sie kann ihre Selbstachtung nur retten, in dem sie in eine andere, nicht soziale Welt springt. Die Mutter verstummt und redet bis zu ihrem körperlichen Tod im Athen der Nachkriegszeit kein Wort mehr. Für die Mutter spricht die alt gewordene Tochter, allerdings auch auf ver-rückte Weise. Rubíni erfindet sich eine Theaterkarriere und nennt sich Raraú, die kokette Schauspielerin, die mit allen Männern schläft. Der leichte Ton ihrer Erzählung und die erlogene Identität ist ihr ganz persönliches Brett, mit dem sie die Erniedrigungen, den Hunger und die Gewalt zu domestizieren versucht, wie die Mutter einst das Unkraut bändigte. Das Erlebte lässt sich aber nicht verdrängen und bricht sich in ungeordneten Erinnerungen und Anekdoten Bahn. Wegen einer gestohlenen Kartoffel zertrümmert ein deutscher Soldat ihrem kleinen Bruder die Hand. Manchmal schmuggelt sie für eine Partisanin Handgranaten im Rock. In Folge der Bürgerkriegskämpfe liegen die Leichen wie Hausmüll am Straßenrand. Das Ungeheuerliche steht neben dem Harmlosen, kurzatmig wird das eine ans andere gefügt.Die Kunst von Pavlos Matessis, 1933 geboren, besteht darin, in der Erzählerin Rubíni den ungerührten, also noch immer traumatisierten Kinderblick mit der Besserwisserei einer verwirrten Dame zu verbinden. Das Unverarbeitete zwingt zur Lüge, aber durch die Lüge kommt das Unverarbeitete erst zum Vorschein. Die Mutter und die Tochter stellen die ohnmächtigen Facetten der neugriechischen Psyche dar. Die Nachkriegsspaltung der Gesellschaft in Kommunisten und Konservative führte zu so tiefen Wunden, dass jahrzehntelang über diese Dinge geschwiegen wurde. Nach außen freilich plusterte man sich dagegen gerne auf, so wie Rubíni, die von ihrem Lippenstift und ihren Affären mit Theaterintendanten fantasiert. Matessis Roman zeigt nicht nur die Genese von Schweigen und Lügen. Bei aller Schmach umgibt seine Figuren ein nicht zu brechender, rührender Stolz, der wohl zum Erfolg dieses Romans in Griechenland beigetragen hat.Pavlos Matessis: Die Tochter der Hündin. Roman. Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand. Carl Hanser Verlag, München 2001. 270 Seiten, 19,90 Euro.