So ein Politrummel, nur wegen einer neuen Mensa! Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer kommt deswegen heute Vormittag nach Neukölln, Bildungssenator Jürgen Zöllner auch, Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz-Buschkowsky und Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (alle SPD) sowieso.Doch es ist nicht irgendeine Mensa, es ist der neue Essensraum der Rütli-Schule, der heute eröffnet wird. Vor drei Jahren wurde die Hauptschule im Norden Neuköllns bekannt, weil sich die Lehrer nicht mehr trauten, ohne Handy in den Klassen zu unterrichten. Von eingetretenen Türen, gezündeten Knallkörpern und Gewaltvorfällen berichteten die Lehrer in einem Brandbrief an Berliner Politiker. Mit ihren Handys könnten sie im Notfall wenigstens die Polizei rufen, so argumentierten sie. Eine Diskussion über die Zukunft der Hauptschulen begann, auch eine Debatte über die gescheiterte Integrationspolitik am Beispiel Nord-Neukölln.Bezirksbürgermeister Buschkowsky entwickelte mit Politikern, Neuköllner Lehrern und Unterstützern ein Krisenprogramm in Sachen Bildung, Integration und Chancengleichheit für jene Neuköllner Schüler, die schon wegen ihres Geburtsortes Neukölln kaum Chancen haben auf einen Ausbildungsplatz, einen Job und ein Leben ohne staatliche Hilfe. "Wir müssen einen neuen Ansatz finden, Kinder und Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren", sagte Buschkowsky, als er vor einem Jahr die Pläne vorstellte. Campus Rütli nennt sich das bundesweit einmalige Vorhaben, 25 Millionen Euro wird es kosten, wenn alle Ideen realisiert werden.Christina Rau, die Witwe des 2006 verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau, übernahm als stellvertretende Vorsitzende der Stiftung Zukunft Berlin die Schirmherrschaft.Die neue Mensa der Rütli-Gemeinschaftsschule ist das erste Bauvorhaben, das den Schülern der Rütli-Schule und der Heinrich-Heine-Schule zugute kommt. Bis zu 500 Schüler können nun an jedem Schultag dort Mittag essen. "Jetzt ist ein echter Ganztagsbetrieb möglich", sagt Klaus Lehnert, Projektleiter des Campus Rütli. Den Raum nutzen die Schüler auch als Mehrzweckraum, für Arbeitsgruppen, Schülertreffs und Aufführungen.500 000 Euro hat das Land Berlin dafür bezahlt, damit die frühere Sporthalle zur modernen und hellen Mensa wird. Jetzt stehen dort große weiße Tische mit verchromten Beinen.Und die neue Mensa ist erst der Anfang: In den kommenden Monaten werden die veralteten Fachräume für 700 000 Euro umgebaut, anschließend kommen für 130 000 Euro neue Computer in die Klassenräume.Im März schreibt der Senat einen Wettbewerb aus für die Gestaltung des gesamten Areals. Dann soll eine Quartiershalle gebaut werden. 4,9 Millionen Euro zahlt der Senat für den Mehrzweckbau. Tagsüber nutzen die Schüler die Halle für den Sportunterricht, abends können auch Anwohner bei öffentlichen Veranstaltungen dabei sein.Für den Campus Rütli müssen 33 Kleingärtner der Anlage "Hand in Hand" ihre Parzellen räumen und auch die Gewerbetreibenden und Pächter auf dem Autohof gegenüber müssen weg. Die Kleingärten und der Gewerbehof nutzen kommunales Gelände, das als Schulerweiterungsfläche ausgewiesen ist. Jetzt gehören sie zum Campus Rütli. "Wir haben unsere Kündigung bekommen", sagt Manfred Hopp vom Bezirksverband Berlin-Süden der Kleingärtner. Bis zum 30. November müssen die Kleingärtner verschwunden sein. Der Kleingartenverband hat gegen die Kündigung geklagt.Auf dem Gewerbehof gegenüber sind fast alle der einst 18 Mieter ausgezogen, die Garagen wurden abgerissen. "Wir sind umgezogen" hat der Schrotthändler an seine Tür geschrieben. In einem Monat wird auch Jürgen Ziebarth wegziehen. Der 72-jährige Inhaber einer Lkw-Reparaturwerkstatt hat neue Räume gefunden.Nur ein Unternehmer streitet noch vor Gericht, ob er bleiben kann. Große Chancen hat er wohl nicht. Schon 2010 soll auf dem Areal die neue Quartiershalle eröffnen.------------------------------Das ExperimentCampus Rütli liegt im Reuterkiez im Norden Neuköllns zwischen Weserstraße und Pflügerstraße. Die Gegend gilt als sozialer Brennpunkt.Im Viertel leben etwa 20 000 Menschen aus 160 Nationen. Die meisten Schüler sind nichtdeutscher Herkunft. Sie leben in einkommensschwachen Familien. Viele Jugendliche haben keinen Schulabschluss und keine Ausbildung, sie sprechen schlecht Deutsch. Die Arbeitslosenquote ist mit 35 Prozent fast doppelt so hoch wie der Berliner Durchschnitt.Das Projekt Campus Rütli soll allen Kindern im Viertel neue Chancen im Leben ermöglichen. Auf 41 000 Quadratmeter Fläche rund um die Rütlistraße entstehen neue Schul- und Freizeiteinrichtungen. Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter betreuen dort bis zu 1 400 Schüler von 6 bis 21 Uhr.Von Kinderkrippe und Kindergarten über Grundschulen bis zur Sekundarstufe reicht das Angebot. Die Rütli-Schule und die Heinrich-Heine-Schule im gleichen Gebäude fusionierten 2008 zur Gemeinschaftsschule.Auf dem Gelände werden auch die Musikschule und die Volkshochschule eigene Räume beziehen, ebenso der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst sowie der Sozialpädagogische Dienst. Das Areal soll auch Grünflächen enthalten, Spielplätze und Sportanlagen. Die Straße wird autofrei.Im Jugendclub Manege in der Rütlistraße können die Schüler schon jetzt Kurse in Musik, Tanzen und künstlerischem Gestalten nach der Schule besuchen.Neue Werkstätten für Holz, Metall und Kunststoff werden auf dem Campus eingerichtet, geplant ist auch ein Medienzentrum für Video-, Fernseh- und Radiotechnik.Angebote zur Berufsberatung, Fortbildungen für Lehrer und Erzieher sowie ein Elterncafé mit Beratungen komplettieren das Angebot.26 Millionen Euro kosten die Bauvorhaben und die Projekte auf dem Campus Rütli. 5,5 Millionen zahlt das Land Berlin, der Rest kommt aus Bundes- und EU-Mitteln, von Stiftungen und großen Unternehmen.Zu den Initiatoren gehören neben Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und Bildungs- stadtrat Wolfgang Schimmang (beide SPD) auch Christina Rau als Schirmherrin, Ex-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer, Stadtentwick- lungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sowie Schulleiter und Quartiersmanager.------------------------------Grafik: Campus Rütli wird das 41 000 Quadratmeter große Areal um die Rütlistraße genannt. Dort gibt es neben Schulen bald auch Parks und Spielplätze.------------------------------Foto: (2) Die Schüler der Rütli-Schule und der Heinrich-Heine-Schule bekommen heute eine neue Mensa. Ein Teil der Rütlistraße ist schon jetzt für Autos gesperrt (r.). Bald ist die ganze Straße autofrei.