BERLIN, 7. Januar. Wer auch immer neuer Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland wird, er tritt ein schweres Erbe an. "Ignatz Bubis war eine Ausnahmeerscheinung", sagt Salomon Korn, "eine Persönlichkeit, die durch eine historische Ausnahmesituation, den Holocaust, geformt wurde. " Der Frankfurter Architekt Korn ist Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland, der am Sonntag seinen neuen Präsidenten wählt. Bei aller Hochachtung vor den Leistungen Bubis lässt Korn aber keinen Zweifel, dass sich etwas ändern muss, besonders im Auftreten nach außen. Der Zentralrat-Präsident solle sich nicht mehr "zu allem und jedem" äußern oder jeden beliebigen deutschen Politiker auf dessen Israel-Reisen begleiten. Gerade die junge Generation von Juden wolle nicht mehr der Maßstab für eine gelungene demokratische Entwicklung im Nachkriegs-Deutschland sein."Der neue Präsident oder die neue Präsidentin müssen sich wieder mehr dem innerjüdischen Bereich widmen", fordert auch Michael Fürst, Vorsitzender des jüdischen Landesverbandes Niedersachsen.Dabei sind die Aufgaben vorwiegend die schon bekannten es geht um die Integration der Zuwanderer aus der ehemali- gen Sowjetunion. 1989 gab es 30 000 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Jetzt, zehn Jahre später, sind es bereits 80 000. Das wird von den Gemeinden zum einen begrüßt. Zum anderen sind sie mit der Integration der vielen neuen Mitglieder, die meist kein Deutsch sprechen und dem Judentum völlig entfremdet sind, überfordert. Viele der Neuankömmlinge verstehen sich nicht als gläubige Juden, nutzen aber die sozialen Angebote der Gemeinden, von denen 80 Prozent inzwischen hoch verschuldet sind.Zu den neueren Aufgaben zählt die Verständigung mit den jungen, liberalen Juden sowie die Festigung der jüdischen Identität. "Ein Generationswechsel an der Spitze des Zentralrats ist fällig", fordert daher Salomon Korn.Diesen Generationswechsel wird es am Sonntag allerdings noch nicht geben. Die beiden Kandidaten vertreten eher eine Art Zwischengeneration, die eine Übergangsphase symbolisiert. Anders als Bubis haben Charlotte Knobloch (67) und Paul Spiegel (62) die NS-Zeit zwar noch als Kinder miterlebt. Doch sie zählen nicht mehr zur "Generation der Pioniere", wie der 56-jährige Korn die Überlebenden des Nationalsozialismus nennt. Deren vorrangige Aufgabe war es, jüdisches Leben in Deutschland wieder aufzubauen. Knobloch und Spiegel gehören aber auch nicht zur neuen "Generation der Verwalter" (Korn), der Nachkriegsgeneration, die das Aufgebaute bewahren und ausbauen."Ich bin absolut dafür, dass die Jüngeren die Verantwortung übernehmen", sagt Charlotte Knobloch, die zu Gunsten eines Jüngeren auf ihre Kandidatur verzichtet hätte. "Doch die haben alle abgewunken. " Salomon Korn, den viele Juden gerne als neuen Zentralrats-Präsidenten gesehen hätten, will sich erst einmal seiner Frankfurter Gemeinde widmen, deren Vorsitz er als Nachfolger von Bubis erst vor kurzem übernommen hat. Michel Friedman, plädiert seinerseits für einen Vertreter der Überlebenden-Generation. Aus Zentralratskreisen war allerdings zu hören, der 43-jährige Anwalt habe nur verzichtet, weil er keine Chance sah, die Wahl zu gewinnen. Dafür kandidiert Friedman nach eigener Aussage als Vizepräsident des "European Jewish Congress", der, ebenfalls am Sonntag, in Brüssel gewählt wird.In gewisser Weise spiegelt die Kandidatenauswahl die gegenwärtige Situation der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland wider. "Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, der vom Juden in Deutschland über den deutschen Juden hin zum jüdischen Deutschen führen wird", sagt Korn. Dieses neue Selbstverständnis, dieser "Wunsch nach Normalität", wie Korn es ausdrückt, entwickelt sich gerade unter den jungen Juden. "Auf Dauer", sagt Korn, "kann der Holocaust keine Grundlage einer Identität sein. " Der Zentralrat und sein neuer Präsident werden also nicht nur den Generationswechsel vorbereiten, sondern sich auch mit einem Wandel der Identität auseinander setzen müssen."Auf Dauer kann der Holocaust nicht Grundlage einer Identität sein. " Salomon KornZENTRALRAT Förderung des kulturellen Lebens // 78 jüdische Gemeinden gibt es heute in Deutschland mit etwa 78 000 Mitgliedern. Die größte Gemeinde ist Berlin mit rund 12 000 Mitgliedern.1933 hatten etwa 500 000 Juden in Deutschland gelebt. 1945 waren es 15 000 Männer, Frauen und Kinder.Unmittelbar nach dem Krieg wurden viele jüdische Ge-meinden neu ge-gründet. Am 19. Juli 1950 konstituierte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland als Dachorganisation all dieser Gemeinden.Seinen Sitz hatte der Zentralrat zunächst in Düsseldorf, später in Bonn und seit 1999 in Berlin.Seine Aufgabe sieht und sah der Zentralrat in der Förderung des kulturellen und sozialen Lebens der jüdischen Gemeinden, im Engagement für Entschädigungsleistungen sowie in der Vertretung der Juden in Politik und Gesellschaft. Inzwischen engagiert sich der Zentralrat verstärkt bei der Integration der jüdischen Einwanderer.Viele Organisationen und Einrichtungen wurden vom Rat gegründet oder unterstützt. So unter- hält er die Zentralwohlfahrtsstelle, die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg und gibt die "Allgemeine Jüdische Wochenzeitung" heraus.Oberstes Organ des Zentralrats ist die Ratsversammlung, bei der sich zweimal im Jahr die Delegierten der Landesverbände treffen. Ständiges Gremium ist das Direktorium mit 29 Delegierten. Dem Präsidium gehören neun Personen an.Paul Spiegel wurde vom früheren Zentralratsvorsitzenden Bubis als Nachfolger vorgeschlagen. Spiegel seit mehr als 30 Jahren in der Jüdischen Gemeinde engagiert, war ab 93 Vizepräsident des Zentralrats.Von Beruf ist der 1937 in Westfalen geborene Spiegel Journalist. Heute betreibt er eine Internationale Künstleragentur in Düsseldorf.Den Nationalsozialismus überlebte Spiegel in Belgien, wohin seine Familie emigriert war. Katholische Bauern hielten den Jungen versteckt.Charlotte Knobloch gilt bei der Wahl als Außenseiterin. Seit vier Jahren gehört sie dem Zentralrat an, seit 97 war sie eine der beiden Bubis-Stellvertreter. Bereits in den 60er-Jahren baute sie die jüdische Frauenorganisation mit auf. Seit 1985 steht sie der Münchner Gemeinde vor als erste Frau im Nachkriegsdeutschland.Die 1932 in München geborene Knobloch lebte ab 1940 auf einem Bauernhof in Franken, wo sie als Kind eines Dienstmädchens ausgegeben wurde. Im Alter von 16 kehrte sie nach München zurück.