Warum sind im HO-Laden schon mittags Brot und Milch ausverkauft? Wieso kümmert sich die KWV nicht um die Reparatur der Dachrinnen? Wenn die DDR-Bürger einem Alltagsproblem ohnmächtig gegenüberstanden, dann half oft nur noch ein Brief an den Staatsrat - oder an "Prisma". Das innenpolitische Magazin suchte als einzige Sendung des DDR-Fernsehens tatsächlich nach Ursachen für lecke Dachrinnen und leere Läden und bekam so viel Post, dass die Redaktion ein eigenes Eingaben-Büro unterhielt. Nun spielen heutige Medien gern Anwalt für Zuschauer und Leser, eine Sendung des staatlichen DDR-Fernsehens aber hatte es damals schwieriger. Kritik an Mängeln im Lande musste "konstruktiv" sein, das Problem lösbar sein. Als "Prisma"-Gründer Gerhard Scheumann, der später als Dokumentarfilmer international bekannt wurde, Ende 1962 der Fernsehleitung sein Konzept vortrug, wurde in der DDR gerade über ein "Neues System der Leitung und Planung" diskutiert. "Prisma" sollte Führung und Basis miteinander verbinden. Formales Vorbild war ein West-Magazin: Die Moderation sollte wie beim "Panorama"-Macher Gert von Paczensky kühl und nüchtern sein, statt propagandistischem Qualm sollte die Kraft der Tatsachen wirken. Schon die erste Ausgabe im März 1963 löste lebhafte Reaktionen aus. "Prisma" hatte die schlechte Qualität von Exportwaren untersucht - die Zuschauer lieferten den Redakteuren dutzende Beispiele für Schlampereien in den Betrieben. "Prisma" bemühte sich stets, einen Verantwortlichen zu finden und zur Rede zu stellen. Im Gegensatz zur üblichen DDR-Wirtschaftsberichterstattung, die sich auf die Massenproduktion von Erfolgsmeldungen konzentrierte, verfolgte "Prisma" auch Entwicklungen. In der Rubrik "Was geschah danach?" wurde Monate später noch einmal untersucht, ob die HO tatsächlich noch bis zum Abend Milch und Brot bereit hielt und ob die Dachrinnen endlich repariert waren. Solche ungewohnte Hartnäckigkeit machte "Prisma"-Macher wie Gerhard Scheumann, Axel Kaspar oder Rosi Ebner landesweit populär. Zu den wirklichen objektiven Problemen der DDR-Wirtschaft aber stieß die Sendung nicht vor - prinzipielle Kritik war im System der DDR-Massenmedien ausgeschlossen. Erst mit der Wende konnte "Prisma" kurze Zeit ohne Tabus arbeiten - die Sendung erreichte im Osten Einschaltquoten um die 30 Prozent. Trotzdem, weder ORB noch MDR wollten sie fortführen. Wie genau die zehntausenden Briefe an "Prisma" den DDR-Alltag abgebildet hatten, beweist ein Sammelband "Wir sind doch nicht die Meckerecke der Nation!". Und die Autoren des Kinofilms "Goodbye Lenin!" übernahmen Beschwerden über unförmige Pullover für "kleine viereckige Menschen" fast wortgetreu als Filmdialoge.BERLINER VERLAG Axel Kaspar moderierte das Fernsehmagazin "Prisma".