BERLIN, 12. Januar. Der Angeklagte war zufrieden. "Der Vorsitzende hat wohl Recht", sprach Lothar Kipke, nachdem ihn die 22. Strafkammer des Landgerichts Berlin am Mittwoch wegen Körperverletzung in 58 Fällen schuldig gesprochen hatte. Mit dem Strafmaß von einem Jahr und drei Monaten, ausgesetzt zur Bewährung, und einer Buße von 7 500 Mark kann der ehemalige Chefarzt des DDR-Schwimmverbandes leben. Revision gegen das bisher härteste Doping-Urteil werde er voraussichtlich nicht einlegen, sagte der 72-Jährige.Irgendwie untergegangenAngesprochen, ob er keine Reue empfinde, reagierte der alte Mann verwundert: "Ich habe doch gesagt, dass es mir Leid tut, wenn etwas vorgefallen ist. Aber das muss wohl irgendwie untergegangen sein." Vielleicht, weil der Mann, der laut Anklage zwischen 1975 und 1985 die Vergabe von anabolen Steroiden zur Leistungssteigerung und ohne medizinische Indikation an Minderjährige "veranlasst, unterstützt und zugelassen hat", immer dann besonders leise säuselte, wenn er etwas eingestehen musste. So bekannte er sich zwar im Sinne der Anklage für schuldig. Doch als er seine Tätigkeit erläutern sollte, waren immer andere verantwortlich. Ja, er habe Dopingpläne ausgearbeitet, sagte Kipke dem Gericht, "aber genehmigen musste die Dr. Höppner vom Sportmedizinischen Dienst". Ja, er habe die Gabe von Spritzen und Oral-Turinabol-Pillen kontrolliert, aber durchgeführt "haben das die Sektionsärzte". Von den erheblichen Nebenwirkungen für die Schwimmerinnen will der Mediziner erst im Laufe der Jahre erfahren haben, "uns wurde von den Forschern und von der Industrie nichts erzählt". Biologisch seien die Mädchen ohnehin erwachsen gewesen, dozierte er in der Pause vor Reportern auf dem Flur.Gericht und Staatsanwalt beschränkten sich auf wenige Nachfragen, als sei ihnen längst alles bekannt. Einzig Michael Lehner, Vertreter der fünf Nebenklägerinnen, wollte sich nicht zufrieden geben: "Er hat gespritzt, er hat Versuche gestartet, die Individuen waren ihm völlig egal. Er weiß genau, was er den Mädchen angetan hat." Neben Lehner saß unter anderen Martina Gottschalt (geb. Fehrecke), einst DDR-Meisterin über 100 und 200 Meter Rücken. Weil sie kurz vor ihrer Schwangerschaft mit Anabolika gespritzt wurde, habe ihr heute 15-jähriger Sohn einen Klumpfuß, vermutet sie. Ihre ehemalige Magdeburger Teamkollegin Jutta Gottschalk (geb. Klesz) brachte vor sechs Jahren eine Tochter zur Welt, die auf dem linken Auge blind ist. Zu diesen Fällen Beweise zu sammeln und Gutachten zu erstellen lehnte das Gericht jedoch ab.Besonders niederträchtigAls Kipkes Anwalt sich zu der Bemerkung verstieg, "mein Mandant hat nur die Aufgaben erledigt, die ihm gestellt wurden", konnte Martina Gottschalt nicht mehr an sich halten: "Das können Sie meinem Sohn mal bitte ins Gesicht sagen." Karen König, ebenfalls Nebenklägerin, bemerkte resigniert: "Es ist immer das Gleiche. Sie werden dargestellt als die armen alten Männer, die nur ihr Bestes getan haben." Richter Peter Faust nannte Kipkes Vergehen "besonders niederträchtig, weil es heimlich an Kindern und Jugendlichen begangen worden ist", wertete aber allein die Tatsache, dass er Fragen beantwortete, zu Gunsten des Angeklagten. Auf ein Zeichen der Reue warteten seine Opfer bis zum Schluss vergeblich.