Nein, der ältere Herr war wirklich nicht gut gelaunt. Immer wieder diese dummen Fragen. "Ich gebe Ihnen kein Interview", zischelte er verärgert. Schließlich seien es die Journalisten, die seine Sportart zerstören, glaubt Gottfried Schödl, österreichischer Präsident des Gewichtheberweltverbandes IWF. "Mit eurer blöden Hysterie macht Ihr das Gewichtheben kaputt." Hat er nicht alles unternommen, um seinen Sport reinzuwaschen vom Dopingübel? Hat nicht die IWF nach jenem fatalen olympischen Turnier 1988 in Seoul, als fünf Heber (darunter zwei vermeintliche Sieger) erwischt worden waren, die Gewichtsklassen umgemodelt, neue Weltrekorde ausgeschrieben und Trainingskontrollen eingeführt? Das alles reiche nicht aus, meint der deutsche Aktivensprecher Martin Zawieja, der von "unsauberen Machenschaften" in der IWF spricht. Erst kürzlich hatte sich IWF-Generalsekretär Tamas Ajan geweigert, die Namen aller zehn bei der letzten Weltmeisterschaft im chinesischen Kanton erwischten Dopingsünder bekanntzugeben. Für Zawieja ist der Weltverband absolut unglaubwürdig: "Die wollen doch alles unter den Teppich kehren." Bis zum vorigen Jahr haben sich die Verbände in mehr als drei Dopingfällen ihren Start bei Weltmeisterschaften erkauft. Die Russen bezahlten 1993 rund 50 000 Dollar. Als zwei Jahre später durch den Einsatz einer neuen Generation von Analysegeräten im Kölner Dopinglabor wieder fünf russische Heber aufflogen, wurden 60 000 Dollar überwiesen. Zahlen mußten auch die Verbände Kasachstans, Bulgariens und Armeniens. Allerdings nicht ohne daß IWF-Vizepräsident Nikolai Parchomenko (Rußland) auf dem IWF-Kongreß beantragt hatte, man möge doch die Analysen lediglich als Tests und nicht als offizielle Kontrollen werten. Schließlich hätten die Aktiven nichts von den verfeinerten Verfahren gewußt. IWF-Bürochef Tamas Ajan jammerte: Mit den herkömmlichen Methoden hätte man 1995 weltweit statt 64 nur acht Gewichtheber erwischt. Die unendliche Geschichte von Eisenstemmern und Muskelmast erfährt ihre Fortsetzung bei den olympischen Wettbewerben in Halle E des Kongreßzentrums zu Atlanta. Zum Beispiel, wenn am Sonnabend im Mittelschwergewicht Alexej Petrow aus Rußland auf die Bühne tritt. Petrow war bei der WM im Oktober 1995 des Anabolikadopings überführt worden. Er wurde auf Lebenszeit gesperrt und verlor seine drei Titel. Eine Intervention des russischen Sportministers Schamil Tarpitschew (IOC- Mitglied und Tennistrainer von Boris Jelzin) bei der IWF half zunächst nichts. Bis im Juni das Oberste Moskauer Gericht Petrows Ex-Freundin schuldig sprach, dem Heber aus Eifersucht heimlich anabole Steroide in die Piroggen gemischt zu haben. Die Sache ist reichlich verworren, denn IWF-Präsident Schödl behauptete zeitgleich, ein anderer russischer Gewichtheber habe Petrow eins ausgewischt. Fragen über Fragen, fest steht lediglich eins: Petrow wurde begnadigt und kämpft in Atlanta um Gold. Ähnliches läßt sich vom zweifachen Olympiasieger Alexander Kurlowitsch berichten. Der superschwere Weißrusse wurde zwar im Januar 1995 während eines Bundesligakampfes seines SSV Samswegen in Berlin erwischt, doch nach energischer Intervention des weißrussischen Verbandes hat ihn die IWF begnadigt. "Nationale Kontrollen", sagt IWF-Generalsekretär Ajan, "interessieren uns nicht." Dabei handelt es sich bei Kurlowitsch um einen Wiederholungstäter, schon 1985 hatte ihn der kanadische Zoll auf dem Montrealer Flughafen mit einem Koffer voller Anabolika gestellt. Seine Ausrede, die Chemikalien seien lediglich Haarwuchsmittel, war nicht vergeblich. Dem Lockenkopf erließ man die lebenslange Sperre, so daß er bei Olympia in Seoul auf seiner Sieger-Pressekonferenz scheinheilig fragen durfte: "Anabolika, was ist das?" Kurlowitsch wird auch in Atlanta wieder seine Unschuldsmiene aufsetzen. Als "unerträglich" empfindet Martin Zawieja diese Geschichten. "Der eine verspeist ahnungslos Anabolika, der nächste ißt einen gedopten Hund. Es ist lächerlich." Es werde sich solange nichts ändern, glaubt Zawieja, wie die alten Seilschaften den Weltverband dominieren. Seit gut zwanzig Jahren beherrschen Gottfried Schödl und Tamas Ajan die IWF. Das Duo hat einst die Anabolika-Festspiele mitgetragen, später präsentierte es widerwillig Antidoping-Reformen. Und dabei gebärdet sich Tamas Ajan als sportiver Napoleon. Die Antidoping-Bemühungen seines Verbandes, hat er in Atlanta erklärt, seien im Vergleich zu anderen Verbänden vorbildlich. Die IWF-Funktionäre halten sich zugute, die Anzahl der Dopingkontrollen gesteigert zu haben. Im vorigen Jahr wurden mehr als tausend Proben genommen und 64 Heber aus 31 Ländern überführt. Im Olympiajahr wurden bisher 716 Urinfläschchen gefüllt. Wenn die Sportler allerdings von Ajan zwei Tage vor einer Trainingskontrolle per Fax informiert werden, wie einmal bei der deutschen Auswahl geschehen, bleibt genug Zeit, Präventivmaßnahmen zu ergreifen. +++