TOKIO, 28. März. Die Fusion zwischen den Weltkonzernen Nissan und Renault ist perfekt. Nachdem der Vorstand des zweitgrößten japanischen Autobauers am Sonnabend auf einer außerordentlichen Sitzung das Angebot des französischen Konkurrenten akzeptiert hatte, setzten die Chefs beider Unternehmen, Louis Schweitzer und Yoshikazu Hanawa, in Tokio ihre Unterschrift unter die erste große japanisch-französische Wirtschafts-Kooperation. "Renault und Nissan vereint für eine stärkere Zukunft" steht offiziell über dem Dokument, aber im Grunde müßte das Geschäft heißen: "Geld gegen Marktgröße". Renault kauft für 643 Milliarden Yen (knapp 10 Milliarden Mark) neue Aktien der Tokioter und erhält damit einen Anteil am Firmenkapital an Nissan Motor von 36,8 Prozent und dessen Nutzfahrzeugtochter Nissan Diesel von 22,5 Prozent. Vetorecht bei EntscheidungenDie Franzosen erwerben damit ein Veto-Recht bei allen strategischen Entscheidungen. Da sich die rechnerische Mehrheit des Aktienkapitals in sehr kleingestückeltem Streubesitz befindet, wird Renault künftig der größte Einzeleigner Nissans sein. Gleichzeitig erwerben die Franzosen die Finanzgesellschaft der Japaner in Europa und könnten durch die Realisierung von gleichzeitig gekauften Wandelanleihen im Volumen von 216 Milliarden Yen (rund 3,3 Milliarden Mark) später ihre Nissan-Macht noch auf maximal 44 Prozent erhöhen. Der Charme für Renault liegt in der "Weltmarktgröße". Das neue Duo kommt für 1998 auf eine addierten Jahresproduktion von 4,8 Millionen Personenwagen und rückt damit in dieser Sparte zur Nummer 4 auf nach General Motors, Ford und Toyota. Über Nacht haben die Pariser damit ihre ehrgeizigen Träume wahr gemacht, den Ausstoß zu verdoppeln und in der Weltliga vorne mitzuspielen. Ob sich diese Investition auch tatsächlich rechnet, wird von Analysten stark bezweifelt. Die Allianz beziffert die möglichen Synergien bei Zulieferungen, Marketing und Entwicklung für die Jahre bis zum Jahr 2002 auf 390 Billionen Yen (knapp 6 Milliarden Mark). Das gilt als deutlich übertrieben, weil vor 2004 keine Synergie bei Produktion und Technik machbar ist. Als Gewinner des Tages fühlt sich Nissan. Rund 13 Milliarden Mark frisches Kapital kommen in die Kassen der Tokioter; der Löwenanteil soll zur Tilgung zinsintensiver kurzfristiger Schulden verwendet werden. Offiziell handelt es sich um 17 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten. Wie hoch die Summe aber wirklich ist, wird als Konzerngeheimnis gehütet. Experten rechneten der ebenfalls interessierten DaimlerChrysler AG Schulden von 32 Milliarden Dollar vor das wären 360 Prozent des Eigenkapitals von Nissan.Durch die anhaltende Krise in Japan und mehr noch durch eine völlig verfehlte Konzern- und Modellpolitik galt Nissan als erster großer Bankrottkandidat Japans. Fast schon verzweifelt hatte Nissan einen Sozius gesucht, der frisches Kapital in die Firma pumpen kann. Nachdem DaimlerChrysler überraschend abgewinkt hatte, blieb nur noch Renault. Zur drastischen Kostenreduzierung wird Renault-Vize Carlos Ghosn nach Tokio übersiedeln und künftig gleichberechtigt mit Nissan-Chef Hanawa den Konzern lenken. Trotz aller Erleichterung vor allem auf japanischer Seite wurde auf der Pressekonferenz in Tokio deutlich, was Branchenanalysten und Börsenkreise schon seit Tagen bemängeln: Diese strategische Allianz ist eine reine Geldheirat. Die Firmen ergänzen sich zwar auf ihren Absatzmärkten relativ gut. Nissan ist in Asien und Nordamerika stark vertreten, Renault in Europa und Südamerika. Wunsch- oder Idealpartner geben die beiden aber nicht ab, eher eine Mischung, die Journalisten heute als "Sushi mit Bordeaux" bezeichneten. Mit ihrer Palette steht sich der neue Konzern besonders bei Kompaktfahrzeugen eher im Wege. In der Oberklasse sind beide schwach. Über die Nutzfahrzeugkooperation will man erst entscheiden, wenn der laufende Entwicklungsvertrag mit DaimlerChrysler beendet ist.

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