André Balazs ist ein schwer beschäftigter Mann. Beliebt ist er noch dazu. Was zur Folge hat, dass es geschlagene zehn Minuten dauert, bis er eine Strecke von zehn Metern im Standard Grill, dem immervollen Restaurant des Standard Hotels, hinter sich gelegt hat und zum Interview am reservierten Tisch sitzt. Sofort hagelt es Entschuldigungen, denn Herr Balazs ist auch unglaublich charmant. Man sieht ihm an, dass er ein gutes Jahr hinter sich hat. Im Sommer 2009 eröffnete sein Standard Hotel über der New Yorker High Line, dem neuen Park auf einer stillgelegten Bahnlinie, und wurde in kürzester Zeit zum Lieblingsspot der Touristen und New Yorker. Es sieht aus wie ein offenes Buch, ist ganz aus Glas und eignet sich nicht bloß zum Schlafen, dafür sorgen die Bars, das Restaurant und die Lounge mit Rundumblick im 18. Stockwerk. André Balazs genießt den Rummel mit lässiger Geste. Acht Häuser besitzt er nun, neben denen der Standard-Serie außerdem das Chateau Marmont in Hollywood und The Mercer in Manhattan. Bekannt ist der 52-Jährige nicht nur für durchdachte Konzepte, sondern auch für seinen Einfallsreichtum - keines der Hotels gleicht dem anderen.Herr Balazs, Sie gelten als Perfektionist. Ihre Hotels sind bis ins kleinste Detail durchdacht. Können Sie eigentlich in fremden Hotels übernachten, ohne eine Liste der Mängel und Fehler zu machen?Absolut. Es gibt gewisse Dinge, wie eine gute Beleuchtung, starke Duschen und ein zuvorkommender Service, auf die ich beim Reisen achte. Aber generell bin ich recht unkompliziert. Meinen Gästen allerdings will ich einen perfekten Aufenthalt bieten.Was genau macht ein gutes Hotel aus?Der Gast muss sich wohlfühlen, ohne eigentlich genau zu wissen, warum. Ich will niemanden mit aufwendigen Design-Ideen erschlagen, sondern eher dezent bleiben. Aber alles muss passen: das Licht, die Vorhänge, die Fenster, wie sich die Bedienung durch den Raum bewegt. Der Effekt, den ein gutes Gesamtwerk haben soll, kommt aus dem perfekten Zusammenspiel der Details - das gibt dem Ganzen erst die richtige Seele.Ist so ein Aufwand wirklich notwendig? Der Grundgedanke eines Hotels ist doch eher die Übernachtung - man kommt an, legt sich ins Bett, schläft gut und zieht morgens weiter.Das Konzept, von dem Sie sprechen, entstand sozusagen für den amerikanischen Reisekaufmann, aber nicht für diejenigen, die aus Leidenschaft reisen oder gerne unterhalten werden. Für mich ist ein Hotel mehr als nur ein Platz zum Schlafen. Ich sehe mich da als traditionellen Hotelier und vertrete eine altmodische Idee der Gastlichkeit. Häusern wie dem Ritz ging es immer vor allem darum, die Aristokratie aus ihren Wohnungen zu öffentliche Events zu bringen und sie dort zu unterhalten.Bei Hotels wie dem Ritz spielt aber auch immer der soziale und finanzielle Hintergrund eine Rolle.Genau deshalb habe ich vor zehn Jahren The Standard entwickelt. Es ist erschwinglich und wartet trotzdem mit den wichtigen Details und einem gewissen Luxus auf. Bei der heutigen Generation handelt es sich um die besten Verbraucher, weil sie vielseitig interessiert sind. Kunst, Mode, Musik, Reisen - sie wollen alles sehen und erleben. Sie sind anspruchsvoll, möchten und können aber kein Vermögen ausgeben. Genau für sie gab es kein Hotel. Das Ritz war zu spießig und überzogen, die Kettenhotels zu langweilig und unpersönlich. Die Idee des Standard ist also eine Nische.Von den großen Hotelketten, wie Hilton oder Sheraton, halten Sie offensichtlich ...... überhaupt nichts.Manche Menschen wollen aber gerade den Wiedererkennungswert einer Hotelkette, um sich zu Hause zu fühlen.Diese Einstellung macht für mich keinen Sinn. Ich glaube, da wird einiges durcheinander gebracht. Das Wort Zuhause steht für Komfort und Sicherheit, aber nicht für Konformität oder Gewohnheit. Ein gutes Hotel gibt dem Gast das Gefühl, alles Lästige hinter sich lassen zu können. Darum geht es doch beim Reisen. Man will neue Eindrücke bekommen, Fremdes sehen und für eine Weile sein bekanntes Umfeld vergessen. Und die neue Umgebung beginnt beim Hotel und nicht erst beim Streifzug durch die Stadt. Wenn man nach New York kommt, sollte man schon beim Aufstehen spüren, dass man in einer aufregenden Metropole ist. Das Gleiche gilt für die Nachbarschaft. Ein Hotel an der schicken Upper East Side muss anders konzipiert sein als eines im coolen Meatpacking District.Was bedeutete das für die Planung?Wir wollten nicht nur auf die Schwingungen der Stadt eingehen, sondern auch die Eigenheiten des Viertels einbeziehen. Im Fall des Standard ist die Umgebung die High Line, der neue Park auf der stillgelegten Bahnlinie und das ehemalige Schlachtereiviertel darunter, das nachts zur Ausgehmeile wird. Ich wollte etwas schaffen, das mittendrin ist, wortwörtlich. Deshalb verwendeten wir ein spezielles kristallklares Glas, das fast unsichtbar ist. Die Fenster gehen vom Boden zur Decke und in vielen Zimmern gibt es keine Wände zum Bad, damit der Blick zur anderen Seite der Stadt frei ist.Die gute Aussicht führt auch zur guten Einsicht. Es gab bereits Berichte über Hotelgäste, die sich daran nicht stören.Hm, es gibt überall Vorhänge, die man zuziehen kann.Der Sexappeal, den das Hotel ausstrahlt, ist aber geplant?Ja, sehr bewusst. Beim Standard spielt es sicherlich eine Rolle. Das passt zu New York und zum Meatpacking District.Hatten Sie beim Bau gegen Einwände aus der Nachbarschaft zu kämpfen? In New York kann ein so prominentes Gebäude die Szene, den Zulauf und letztendlich die Mietpreise verändern.Eine veränderte Nachbarschaft ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, vor allem in New York. Hier gibt es keinen Stillstand. Ein gutes Hotel bereichert die Gegend mehr als jede Eisdiele oder ein Modeladen. Ich bin eher stolz darauf, es sind ja gute Entwicklungen. Als ich vor über zehn Jahren das Mercer in Soho eröffnete, war es eine eher heruntergekommene Gegend. Heute gilt sie als eine der besten. Noch vor 24 Monaten dachten viele, dass die Zeit des Meatpacking District vorbei sei. Diese Sichtweise hat sich um 180 Grad gedreht. Es kommt immer darauf an, wie man Veränderungen angeht. Ich war noch nie der mit dem Holzhammer.Liegt das daran, dass Sie erst über Umwege zum Hotelbusiness fanden? Sie waren bereits Journalist, gründeten eine Bio-Technologie-Firma und führten Restaurants und Clubs.Kann schon sein, dass die unterschiedlichen Bereiche meinen Blick geöffnet haben. Was ich heute mache, war nie mein Ziel, aber es passt perfekt zu mir. Und zurückblickend hat jedes meiner früheren Projekte seinen Sinn. Ich habe beispielsweise lange Skulpturen gemacht. Dreidimensionale Kunst fasziniert mich schon immer. Man kreiert etwas, wo vorher nichts war. Ähnlich ist es beim Schreiben. In diesem Sinn hat sich die Kombination von Kunst, Business und Journalismus auf einem seltsamen Weg vereint.Existiert eigentlich jedes Hotel von Anfang an fertig in Ihrem Kopf?Nein. Ich habe eine Vision und bestimmte Eckpunkte. Dann passiert aber vieles auf dem Weg. Man spricht mit anderen und bekommt immer neue Inspirationen. Ich vergleiche den Prozess gerne mit einer altmodischen Filmproduktion. Man denkt sich eine Geschichte aus, engagiert den Autor, den Regisseur, die Schauspieler und die Kostümdesigner. Jeder bringt etwas Eigenes mit ein. Dann orchestriert man das alles wie auf einem Set. Wenn die Schauspielerin im Film an einem Schaufenster vorbei geht, ist das für den Zuschauer vielleicht nur ein Detail. Aber auch der Hintergrund bewirkt Stimmungen.------------------------------Foto: Er selbst sei unkompliziert beim Reisen, sagt André Balazs. Aber seine Gäste sollen es perfekt haben.Foto: Ein Haus wie ein offenes Buch: das über eine stillgelegte Bahnlinie gebaute Standard Hotel in New York.Foto: Aufs Dach gestiegen: Den dramatischen Ausblick auf die Stadtkulisse gibt es dazu, auch beim Standard in Los Angeles.Foto: Auch Apartmenthäuser gehören zu Balazs' Portfolio. Für das 40 Mercer in Soho verpflichtete er den Architekten Jean Nouvel.