Jahrzehnte seines Lebens hat André Kostolany an den Börsen der Welt zugebracht. Dabei hat er viel Geld verloren, aber noch mehr gewonnen. Mit dem heute 91jährigen Börsenexperten sprach Simone Schulz.An der Börse waren in den letzten Monaten große Gewinne zu machen, der Dax kletterte auf immer neue Rekordhöhen. Viele Anleger haben bislang gezögert ­ sollten die jetzt noch auf den Börsengang aufspringen?Vor vier Jahren hatte ich dazu eine klare Meinung: Die Börse war relativ tief, die Perspektive groß. "Wachstum ohne Inflation" schrieb ich damals im Wirtschaftsmagazin "Capital". Also gab es nur eins: Aktien kaufen und dazu für die innere Gelassenheit ein Schlafmittel und nach ein paar Jahren wieder schauen. Das ist voll aufgegangen: Seither hat sich der Dow Jones vervierfacht, der Dax verdoppelt.Aber sehr viel länger kann doch die Hausse kaum noch anhalten...Es wäre völlig unseriös, heute eine Prognose zu geben, deshalb werden Sie von mir auch keine hören. Schließlich bin ich kein Zocker. Und bevor Sie fragen, ich habe auch keine sicheren Tips.Die Börse kann noch weiter steigen, dann können Aktionäre ruhig weiterschlafen. Sie könnten aber auch zwischendurch aufwachen und Gewinne mitnehmen. Die Idee, die Hälfte des Aktienpakets zu verkaufen, hat für mich schon ihren Reiz. So werden Gewinne realisiert, die Chance auf weitere Steigerungen bleibt. Gleichzeitig werden mögliche Verluste begrenzt.Eine salomonische Antwort, aber nicht gerade ein klares Signal für Einsteiger.Nein! Ob ein Anleger jetzt erstmals an die Börse gehen sollte, hängt doch sehr von ihm selbst ab. Hat er die Nerven? Wie steht seine Familie dazu? Welche Verpflichtungen hat er zu erfüllen? Hat er genügend Geld?Und dann kann ihm niemand die Entscheidung abnehmen, was er kauft, welchem Unternehmen er noch Kurspotential zutraut. Viele Papiere sind ja schon sehr stark gestiegen. Oder er wartet auf einen Rückgang und nutzt den zum günstigen Einstieg. In Börsianerkreisen erzählt man dazu auch die Geschichte von einem Rabbiner, der in Sachen Aktien um Rat gefragt wurde. Er schickte folgende Antwort: "Kaufen nicht verkaufen." Also: Das fehlende Komma muß schon jeder selbst setzen.Sie haben den schwarzen Freitag 1929 miterlebt......und dabei mein ganzes Geld verloren.Vor zehn Jahren gab es nach Höhenflügen einen herben Rückschlag. Erst vor wenigen Tagen brachen die Kurse weltweit ein. Steht ein Börsencrash bevor?Ich rechne mit Rückschlägen, glaube aber nicht an einen Crash wie 1987. Seitdem war ich ununterbrochen optimistisch, das war sogar während der Kuweit-Krise. Auf jeden Fall aber sollten Aktionäre beim Übergang zum Euro auf einige Turbulenzen an den Kapitalmärkten gefaßt sein. Die Börse wird runter gehen und wieder rauf ­ Schwankungen um 50 Punkte im Dax oder 100 Punkte im Dow Jones dürften an der Tagesordnung sein, doch das vergeht. Langfristig wird der Euro eine Hochkonjunktur bringen, und dann wird auch die Börse wieder laufen.Da sind möglicherweise ein paar kritische Jahre zu überstehen.Viele, die vor zwei Jahren noch nichts von der Börse wissen wollten, haben jetzt Aktien gekauft. Bisher haben sie jedoch nur die Sonnenseite der Börse kennengelernt. Bei der ersten Kleinigkeit, das habe ich schon so oft erlebt, geraten die unerfahrenen Aktionäre zumeist in Panik und verkaufen mit Verlust. Doch starke Rückschläge kommen immer, die gehören zur Börse dazu. Wer dann Geld und Nerven hat, kauft nach.Schnelles Abstoßen ist also zu kurz gedacht?Die Börse ist etwas für Langstreckler. Wissen Sie, ich halte zwischen 450 und 500 verschiedene Titel, einige davon seit 40 Jahren. Ich bin ein Marathonläufer an der Börse und damit ganz gut vorangekommen.