Auf dem Umschlagbild sieht eine hochkant abgebildete "Mitte von Nichts" aus kurzgeschorener Wiese, Kanal und pfeilgerader Allee schön aus, weil die zwischen zwei Bäumen untergehende Sonne sie rot aufleuchten lässt. Für Bender und Rock in André Kubiczeks neuem Roman "Oben leuchten die Sterne" ist diese Leere nur der Transit auf ihrer Fahrt von Berlin in den Harz. Bei Dauerregen im Juli brechen sie auf, aber als sie in dem ehemaligen Industriestädtchen ankommen, ist das Wetter in einen wolkenlosen Sommer umgeschlagen, das auch noch anhält, als die beiden in ihrem alten VW-Bus weiter in den Schwarzwald gereist sind.Sie lernen sich in Berlin beim Studium kennen und werden bald beste Freunde. Aber die Zeiten haben sich geändert seit den enthusiastischen frühen 90er Jahren. Bender und Rock gehören jetzt zu den armen Schluffis und Auslaufmodellen in Prenzlauer Berg. Rock geht es dabei finanziell noch besser, weil ihn seine Mittelstandseltern geduldig über Wasser halten. Der proletarische Bender muss sich mit schlechtbezahlten Artikeln und Mobilfunktests durchschlagen. Dafür wird Rock unverhofft Vater. Beide sind gut über dreißig und ihre Leben wachsen ihnen über den Kopf und hängen ihnen gleichzeitig zum Hals raus. Da kommen die Einladung eines flüchtigen Bekannten in den Schwarzwald sowie der Tod von Benders Großvater und seine Beerdigung im Harz "unseren Freunden", wie Kubiczek die beiden oft nennt, gerade recht."Junge Talente" von 2001 war Kubiczeks Debüt. Der scharfe Blick, mit dem er den Prenzlauer Berg zu Ostzeiten beschrieb, machte Furore und wie in "Oben leuchten die Sterne" kam der Held aus dem Harz. Sein zweiter, ebenfalls in Berlin spielender Roman "Die Guten und die Bösen" von 2002, wurde wegen seiner verwirrenden Handlung schon etwas skeptischer aufgenommen. Das neue Buch wird ihm womöglich noch weniger Ruhm und Ehre einbringen. Seine Sicht der Dinge ist rau und pointiert, doch seine Personenschilderungen lappen häufig ins Klischeehafte. Er verstrickt sich gern vom Hundertsten ins Tausendste, doch wenn es im Galopp zurück zur Handlung geht, fallen ganze Lebensabschnitte unter den Tisch. Dabei kann der 1969 in Potsdam geborene Kubiczek Szenen und Eindrücke eindrücklich und originell darstellen und mit leichter Hand Spannung erzeugen. Seine Naturbeschreibungen hat er besser im Griff als in seinem Erstling, wenn auch eine Formulierung wie "es waren die Formen der Natur selbst, die faszinierten", ins Reich der Stilblüten gehört.Die Geschichte von "Oben leuchten die Sterne" ist unglaublich dicht und macht eigentlich Spaß, weil alles so grandios übertrieben ist. Auf der Beerdigung seines Großvaters wird Bender mit einem rätselhaften Erbe konfrontiert, das die beiden Freunde in den Schwarzwald, wo sie ja ohnehin hinwollten, und Bender darüber hinaus tief in die deutsch-deutsche Nachkriegs(geheim)geschichte führt. Die Vergangenheit kulminiert im Arbeiteraufstand von 1953, und in der Gegenwart treffen sie auf eine Frauenpunkband, bei der die Mutter von Rocks Tochter mitspielt, alle fallen sie beinahe einem Brandanschlag von Neonazis zum Opfer, können in Rocks idyllischem Elternhaus unterschlüpfen, und da ist auch schon wieder dieser leicht hinkende vornehme ältere Herr, der alles miteinander verbindet.Das wäre mehr als genug Stoff für eine fetziges Buch, würden nicht am Ende Handlungsfäden wieder aufgenommen werden, nur um sie endgültig fallen zu lassen. Würde man bei Kubiczek nicht "vorsichtigen Schrittes" laufen, "einander" grüßen oder sonst wie betulich und geschwollen daherkommen. Müssten die Männer morgens nicht immer Kaffee trinken und rauchen und wäre sein Verhältnis zu Frauen etwas entspannter. Und - ganz schlimm - würde nicht gleich zweimal etwas aus einer Tasche "gefischt"!