LIEBENBERG. Wie kompliziert sich die Organisation der Nationalen Antidoping-Agentur darstellt, mussten die neun Mitglieder des Aufsichtsrates erst gestern wieder aus der Zeitung erfahren. Sie waren in einem idyllisch gelegen Schloss in Liebenberg vor den Toren Berlins zusammengekommen, um wichtige Weichen für die Zukunft der Dopingjagd in Deutschland zu stellen. Doch noch bevor der gerade erst bestätigte Chefaufseher Hanns Michael Hölz die Kollegen um ihr Okay bitten konnte, meldete gestern die Frankfurter Allgemeine, dass die Geschäftsführung der Agentur nach einer Monate langen Suche längst beschlossene Sache sei: Die promovierte Sportwissenschaftlerin und Chemikerin Andrea Gotzmann, 53, wird ab dem 15. September die Nada leiten.Die Agentur, mit dem eigentlich hehren Ziel, zur Fairness im Sport beizutragen, war zuletzt auch ins Gerede geraten, weil sich ihr Chefsessel als Schleudersitz erwiesen hatte. Nachdem der langjährige Nada-Chef Roland Augustin 2007 über Schlampereien im Meldesystem gestolpert war, flohen die nachfolgenden beiden Geschäftsführer Christoph Niessen und Göttrick Wewer nach Amtsperioden, die in manchen Unternehmen kaum als Probezeit durchgegangen wären. Bei der nächsten Topkandidatin lief es noch zackiger: Die als Geschäftsführerin avisierte Justiziarin Anja Berninger warf nach internen Intrigen das Handtuch, noch bevor sie überhaupt befördert werden konnte. Mit einem entsprechend "großen Ausdruck der Zufriedenheit" verkündete Hölz also gestern die Personalie Gotzmann, der "extrem nachhaltigen Wahl", versprach er, um "das Vertrauen, das wirklich Schaden genommen hat, weiterzuentwickeln".Vor neun Jahren gegründet, soll die Nada vor allem die Trainingskontrollen und zunehmend auch Wettkampfproben in Deutschland durchführen. Von den Sportverbänden, der Wirtschaft und dem Bund sammelte sie im vergangenen Jahr für 6749 Urin- und 1359 Blutkontrollen 4,57 Millionen Euro ein.Bei Donike promoviertGotzmann bringt zumindest die Voraussetzungen mit, die Nada kompetent weiterzuentwickeln, wenn sie sich im Machtgestrüpp gegen Sportverbände und Politik durchzusetzen vermag. Sie spielte einst Basketball, gewann mit Leverkusen und Düsseldorf elf deutsche Meistertitel und brachte es auf 104 Länderspiele. Sie promovierte in Köln beim nicht unumstrittenen Professor Manfred Donike, einem früheren Radrennfahrer, Branchenname "Die Spritze", zum "Nachweis biologisch aktiver Substanzen" und arbeitete später an Donikes Institut für Biochemie. Die Überführung des prominentesten Dopingfalles bei Olympia 1988 etwa rechnet auch Gotzmann sich zu: "Ben Johnson war ein Produkt unserer Arbeit."Wie dringend Aufräumarbeiten in der Nada nötig sind, signalisiert bereits das Auswahlverfahren für ihren Job. Der Nada-Aufsichtsrat beauftragte eine Head-Hunting-Agentur mit der Suche. 110000 Euro verschlang das Mammutprojekt, was Hölz so unangenehm erscheint, dass er lediglich eingesteht, so eine Leistung sei "nicht pro bono" zu erhalten. Knapp 50 Bewerbungen kamen zusammen. Aus denen wurde letztlich eine Lösung ausgesucht, auf die sogar die in Bonn ansässige Nada selbst hätte kommen können: Gotzmann arbeitet bisher wenige Kilometer Luftlinie entfernt im wichtigsten deutschen Labor, betraut mit dem Qualitätsmanagement und der Kommunikation mit der Welt-Antidoping-Agentur. Auch der zweite künftige Vorstandsmann der Nada, Lars Mortsiefer, wirkt nicht wie ein echter Personaljägercoup: Er war 2008 zur Nada gewechselt - direkt aus dem Referendariat.------------------------------Foto: Mammutaufgabe: Andrea Gotzmann.