Der Kaffee läuft über. Jürgen Ziegler flucht nicht, er greift nach einem Papiertuch und rettet die Tasse aus der Maschine. Er hat Physik, Elektronik und IT-Technik studiert, er hat radiologische Verfahren gegen Prostatakrebs und Augentumore entwickelt und ein Frühwarngerät für Herzinfarkte - aber am Kaffeeautomaten scheitert der Mann.In seinem geräumigen Büro auf dem Campus Buch leert Ziegler Plastikschachteln aus. Auf den Schreibtisch fallen die Verkaufsschlager der Firma Eckert & Ziegler: Silberschalen mit Ösen an den Seiten und hohle Titanstifte, kaum halb so groß wie Tannennadeln. Die Schalen heißen Kalotten und heilen Augentumore, die Stifte, so genannte Seeds, bekämpfen Prostatakrebs im Frühstadium - mit radioaktiver Strahlung. "Die können Sie anfassen, die strahlen nicht mehr", sagt Ziegler. Er muss immer grinsen, wenn Besucher zurückweichen, kaum dass er von Cäsium und Strontium erzählt.Ziegler dreht die Kalotten zwischen den Fingern, bedächtig, fast zärtlich. Er hat sie damals mitentwickelt, hier auf dem Campus, im damaligen Institut für angewandte Isotopenforschung. Auf ihnen gründet der Erfolg von Eckert & Ziegler - aufgebaut von ihm, Jürgen Ziegler, heute 65, Physiker aus dem Osten, und Andreas Eckert, 49, "Selfmademan" (Ziegler) aus dem Westen.Was Ziegler in einer Stunde erzählt, dafür braucht Eckert eine halbe. Er nimmt zwei Stufen auf einmal, er entschuldigt sich für die Unordnung auf dem akkurat eingedeckten Konferenztisch, er angelt Broschüren aus Regalen und geht im Gespräch Mappen durch, er setzt im Akkord Unterschriften und zitiert Rilke. Er sucht die Fernbedienung für den Beamer und macht die Präsentation dann doch lieber aus dem Stegreif - mit dem Filzstift an der Tafel.Eckert kehrte kurz nach der Wende aus New York in seine Geburtsstadt Berlin zurück. Er gründete eine Businessplan-Schreibagentur und beriet vor allem ostdeutsche "Notgründer". Überall wurde damals abgerissen und ausverkauft, viele machten sich notgedrungen selbstständig und wussten nicht, wie.Irgendwann, 1990 oder 1991, genau weiß Jürgen Ziegler das nicht mehr, saß er zum ersten Mal in Eckerts Büro. Auch Zieglers Institut wurde abgewickelt, den westdeutschen Behörden war das radioaktive Material im Institut zu riskant, und für ihn, das einstige Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, hatte man eine ABM-Stelle vorgesehen. Als er Andreas Eckert auf seine umständliche Art erklärte, was er konnte - da witterte der Gründerberater ein Geschäft.Als sie die Berlin-Brandenburger Isotopen-Gesellschaft Bebig aus der Taufe hoben, die Vorläuferfirma der heutigen Eckert & Ziegler AG, da merkten sie schon, wie der jeweils andere tickt. "Ich war bei Verhandlungen gewohnt, vieles schriftlich zu fixieren und auf formale Dinge zu achten", sagt Eckert. Für ihn galt, was aufgeschrieben war. In der DDR kam es jedoch oft auch auf persönliche Absprachen an.Von Zieglers Erfahrung bei der Beziehungspflege profitierte wiederum Eckert: "Wenn mein nervendes Bestehen auf der Regelung von Details die Atmosphäre verdorben hatte, war er es, der die Dinge mit einem versöhnlichen Gespräch wieder einrenkte", sagt er. "Eckert muss man kennen, wenn man ihn richtig nehmen will", sagt Jürgen Ziegler dazu. "Wir haben uns zusammengerauft und verstehen uns ganz dufte."Ziegler kannte die Wessis schon: Als er mit dem Studium begann, noch vor dem Mauerbau, konnte er problemlos nach West-Berlin fahren. Und eine Vermarktungsagentur verkaufte schon zu DDR-Zeiten die Erfindungen vom Campus Buch in die ganze Welt - auch in die BRD. Auf diesem Weg kam auch Ziegler in Kontakt zur UNO, er war in Wien und arbeitete in der Türkei. An Ost- oder Westbiografien mögen Eckert und Ziegler ihre Unterschiede dennoch nicht festmachen. "Der Ingenieur Ziegler ist mir genauso fremd oder vertraut wie ein Ingenieur aus dem Westen", sagt Eckert. "Ingenieure sind sich sowieso alle sehr ähnlich."Beamtin mit TumorEin Dreivierteljahr lang spielten sie sich ein - mit klarer Arbeitsteilung: Ziegler und seine Kollegen nutzten ihre ABM-Stellen, um die Labore nach westdeutschen Standards umzurüsten. Eckert zog nach Buch auf den Campus - leere Büros gab es genug. Er besorgte Verträge, einen Kredit und eine Betriebsgenehmigung - immerhin sollte die Bebig mit radioaktiven Stoffen hantieren. "Wir hatten ein bisschen Dusel", sagt Eckert: Die Beamtin, die am Ende entscheiden musste, hatte selbst einen Augentumor gehabt und kannte sich aus mit Kalotten. Sie erlaubte den Betrieb.Den Mietvertrag bekamen Eckert und Ziegler fast geschenkt. Sie kauften die noch brauchbaren Geräte - eine bulgarische Fräsmaschine erstanden sie für eine Mark - sie übernahmen die alten Patente des Instituts und retteten Geschäftskontakte der ehemaligen Vermarktungsagentur in das neue Unternehmen.Das erste offizielle Geschäftsjahr war 1994. Damals machten sie 253 000 Mark Umsatz, die Zahl weiß Eckert noch genau. Die Arbeitsteilung lief so: Ziegler baute Prototypen und berechnete Strahlenquellen, Eckert verkaufte das fertige Produkt. Physik hat er dafür nicht extra studiert, er nennt sich selbst einen "kaufmännischen Paradiesvogel", der nicht detailliert bis ins letzte Neutron Bescheid wissen muss. Ziegler landet beim Erzählen schnell im Grundseminar Physik, Eckert übersetzt Isotopenmassen und Halbwertszeiten in Bilder. "Hier, am Augapfel hängt der Sehnerv, fast wie ein Kabel, das Sie ein wenig herausziehen können." Eckert malt einen verbeulten Kreis an die Tafel, es geht um die Kalotten: Auf deren Innenseite kommt eine radioaktive Substanz, dann näht man sie auf den Augapfel. "Anschließend schieben Sie alles wieder in die Augenhöhle zurück, und die Bestrahlung beginnt." Mit einem Skalpell gehe am Augapfel gar nichts: "Der würde aufplatzen wie ein Luftballon voll Wasser." So ungefähr. Ziegler hätte das mathematischer ausgedrückt.Geschäftspartner sind sie bis heute. "Wir sind uns freundschaftlich verbunden", sagt Andreas Eckert. Zwar schied Ziegler 2001 aus der Geschäftsführung aus, doch er blieb Großaktionär - und gründete bald erneut eine Firma, wiederum auf dem Campus Buch. Seine "rennesens GmbH" hat Teststreifen entwickelt, mit denen Ärzte Herzinfarkte früh erkennen können.Sie müssen beide los jetzt, Eckert fliegt zur Messe nach Toronto, Ziegler freut sich auf seinen Urlaub in Österreich. Vorher sieht er noch einmal in der Firma nach dem Rechten. Im Labor hat jemand einen Kühlschrank offen gelassen. Jetzt flucht Ziegler doch einmal.Die Serie können Sie auch im Internet nachlesen unter:www.berliner-zeitung.de------------------------------BIOGRAFISCHESDAndreas Eckert wurde am 27. April 1960 in Berlin geboren. Er wuchs in Spandau auf und studierte in Heidelberg, New York und Berlin Philosophie. Dann arbeitete er als Journalist - Eckert schrieb unter anderem Theaterkritiken für die Deutsche Presse-Agentur. 1985 ging er als "Information Officer" nach New York zur Uno, die ihn nach Afrika, Asien und Lateinamerika schickte. Kurz nach der Wende kehrte Eckert zurück nach Deutschland, schloss in Heidelberg seine Doktorarbeit ab - eine Fallstudie über Managementprobleme bei der Uno mit dem Titel "Der unbeholfene Riese" - und stellte in Berlin eine Businessplan-Schreibagentur auf die Beine. Einer der Betriebe, die er mitgründete, war 1992 die Bebig Isotopentechnik und Umweltdiagnostik GmbH. Andreas Eckert ist verheiratet und hat sechs Kinder.---DDRJürgen Ziegler wurde am 13. August 1943 in Gollnow (Polen) geboren. Nach dem Krieg wuchs Ziegler in Stendal auf. Bevor er in Berlin Physik studieren konnte, schickte man ihn nach Schkopau, wo er ein Jahr lang im VEB Buna arbeitete. Im Oktober 1963 kam Ziegler zum Campus Buch, ins spätere Institut für angewandte Isotopenforschung. In Buch hängte er noch ein Studium in Elektrotechnik und eines in Informatik dran - nicht zuletzt, damit jemand die Geräte des Instituts warten konnte. Mitte der Achtzigerjahre arbeitete Ziegler an seiner Doktorarbeit, als die Wende dazwischen kam. Mit Geräten zur radiologischen Bekämpfung von Augen- und Prostatakrebs sowie Messgeräten mit Strahlungsquellen machte sich Ziegler nach der Wende selbstständig. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.------------------------------Foto (2) : Im Team unschlagbar: Andreas Eckert (l.) und Jürgen Ziegler haben sich mit ihren unterschiedlichen Talenten zusammengerauft.Die Skulptur "Berlin" wurde 1987 als Symbol der Teilung auf der Tauentzien- straße aufgestellt.------------------------------Vereinte Kräfte - Serie Teil 9Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist für viele Berliner die Einheit längst Normalität. Egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder im Privatleben - überall haben sich Menschen aus Ost und West zusammengefunden, um etwas zu schaffen. Zusammen mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg stellen wir zehn besonders interessante Beispiele vor. Mehr über Eckert & Ziegler sehen und hören Sie heute um 9.07 und um 11.07 Uhr im rbb-Inforadio und ab 19.30 Uhr in der Abendschau des rbb.