KÖLN. Hanns-Martin Schleyer steht alleine auf. Er frühstückt nicht, er weckt seine Familie nicht, er verabschiedet sich nicht an diesem frühen Morgen in Stuttgart im Ginsterweg Nummer 17. Sein Fahrer wartet vor dem Haus. Schleyer, der Arbeitgeberpräsident, will zum Flughafen und dann nach Köln. Es ist der 5. September 1977, ein Montag. Am Abend dieses Tages wird Hanns-Martin Schleyer im Kofferraum eines Autos in einer Tiefgarage liegen, entführt und betäubt. Noch lebt er. Doch seine Beschützer, die ihn nicht beschützen konnten, sind tot. Sie liegen unter schwarzen Planen in einer Kölner Seitenstraße. Drei Polizisten und Schleyers Fahrer.Andreas Geyr lässt sein Auto langsam in die kleine Straße rollen. Ein paar Meter nur, dann bremst er den Wagen sachte ab. Es ist ein Septembertag des Jahres 2007, Geyr blickt über seine Schulter auf ein Stück Asphalt neben seinem Auto. Er blickt in die Vergangenheit. "Da lag der Polizist, und er hat noch gesprochen", sagt Andreas Geyr.Geyr war damals da, bevor sie alle tot waren, bevor man die Planen über die Polizisten legte, an diesem Tag in Köln, als um 17 Uhr 28 an der Ecke Friedrich-Schmidt-Straße und Vincenz-Statz-Straße der Deutsche Herbst begann. Geyr, der Sohn eines Rechtsanwaltes, war neun Jahre alt; er verstand kaum, was der sterbende Polizist ihm sagen wollte. "Schleyer, Schleyer, Schleyer ist entführt. Holen Sie Hilfe. Holen Sie Hilfe!" Andreas Geyr, der Neunjährige, dachte an einen Schleier, den kostbaren Schleier eines Königs oder eines Prinzen, den man geraubt hatte, einen Schleier mit Edelsteinen und Juwelen besetzt.Er dachte auch, dass in seiner Straße, der Vincenz-Statz-Straße, an diesem sonnigen Nachmittag ein Film gedreht wird. Erst Jahre später erkennt er, dass es die Wirklichkeit dieses 5. Septembers ist, die ihm immer wieder wie ein Film erscheinen wird. Ein Film in Schwarz und Weiß.Geyr fährt ein Stück weiter in die Straße hinein, zum Haus seiner Eltern. Dort saß er im Kinderzimmer über seinen Hausaufgaben, als er es knallen hörte, draußen auf der Straße. Als er so neugierig wurde, dass er hinausrennen musste.Er begriff nicht, was er sah in jenem Moment, bevor ihm seine Mutter die Augen zuhielt und ihn wegholte von den Autowracks und den Toten. Und manchmal scheint es so, als hätten bis heute nur wenige begriffen, was in diesen Minuten in Köln geschah. Dass vier Menschen grausam hingerichtet wurden, dass in wenigen Minuten mindestens 119 Schüsse auf die Polizisten und den Fahrer Hanns-Martin Schleyers abgegeben wurden, dass die Terroristen der RAF die Körper ihrer Opfer zerfetzten, vorsätzlich und zielgenau. Denn sie achteten auch darauf, dass Hanns-Martin Schleyer, ihre Beute, nicht einmal verletzt wurde.Heinz Marcisz, der Fahrer wollte sich noch ducken im Auto, er war schon verwundet, als der Terrorist Willy-Peter Stoll wieder mit seiner Maschinenpistole auf ihn hielt. Die Polizisten, die Schleyer bewachen sollten und ihm in einem zweiten Mercedes gefolgt waren, hatten ebenfalls keine Chance. Peter-Jürgen Boock, Sieglinde Hofmann, Stefan Wisniewski und auch Stoll nahmen sie unter Dauerfeuer. Stoll sprang auf die Motorhaube des Autos. Das Maschinengewehr im Anschlag.Polizeihauptmeister Reinhold Brändle hatte 60 Einschüsse im Körper, Polizeimeister Roland Pieler 21 Schusswunden, drei davon waren tödlich. Polizeimeister Helmut Ulmer wurde 26 mal getroffen, zwei Kopfschüsse waren tödlich. Die Akten der Gerichtsmedizin erzählen eine ganz eigene Bilanz des Deutschen Herbstes. Über sie lässt sich schwer diskutieren.Andreas Geyr erinnert sich an die Geräusche des Todes an diesem Nachmittag. "Es klang wie ein Presslufthammer." Es waren die Maschinenpistolen der RAF, die Repetierflinten und Schnellfeuergewehre.Geyr sah noch, wie ein alter Mann aus dem Auto gezerrt wurde, quer über die Straße in einen VW-Bus. Schleyer.Kinder, Jungs vor allem, kennen sich aus mit Automarken, und Andreas Geyr weiß, dass er den Polizisten damals einen wichtigen Tipp gab: ein VW-Bus. Ein Tipp jedoch, der zu nichts führte, weil den Terroristen die Flucht gelang, mit dem Bus, in dem die Geisel kauerte.In der Vincenz-Statz-Straße blieben die Toten zurück.Und kaum einer konnte ermessen, was geschehen war. Günther Braun, ein Polizeireporter des Kölner Stadt-Anzeigers, stand neben den Autowracks und wurde von einer Frau angesprochen. Sie fragte ihn, ob er wisse was passiert sei. Er sagte ihr, was er erfahren hatte. Schleyer ist entführt, die Polizisten und der Fahrer wurden ermordet. Dann schrie die Frau: "Mein Mann, mein Mann, ich bin die Frau des Fahrers!" Anni Marcisz sprach noch einen anderen Journalisten an. Dann brach sie zusammen. Ihr Ehemann starb mit 41 Jahren.Andreas Geyr wird in den nächsten Tagen vierzig. Er ist ein erfolgreicher Mann, ein freundlicher Mensch, Chef einer großen Werbeagentur, einer, der dabei recht cool und unaufgeregt geblieben ist. In seinem Kölner Loft steht ein Schlagzeug, er sammelt gute Platten und manchmal denkt er, er wäre gerne ein Musikproduzent. Er hat in London studiert, in Paris gearbeitet und ist dann doch wieder zurück nach Köln gekommen.Er wohnt nicht weit entfernt von dem Ort, an dem er die Toten sah, einen Kilometer vielleicht. Und manchmal hat man den Eindruck, dass ihm die Geschichte wieder näher kommt, als er selber dachte. Er wird dann ein bisschen vorsichtig mit seinen Worten über die Terroristen, ihre Schuld und die Frage nach der Vergebung für Mörder. Er erinnert sich daran, dass man ihn, das Kind und den Zeugen Andreas Geyr, einst in Sicherheit bringen musste vor diesen mörderischen Menschen. Für ihn ist Gnade deshalb vielleicht ein größeres Wort als für andere.Stundenlang verhörten die Kölner Polizisten den Jungen im Präsidium. Was hatte Andreas Geyr gesehen? Was hatte er gehört? Und wen konnte er beschreiben? Als sie fertig waren mit ihm, rieten sie seinen Eltern, erst einmal wegzuziehen mit ihrem Sohn. Es war ein Ratschlag, über den man nicht diskutierte in jenen Tagen.Die Familie Geyr brachte ihren Sohn nach Bayern. Ein Kind, das plötzlich an einem anderen Ort zur Schule gehen musste, weil es die Leute gesehen hatte, nach denen dann zehntausende Polizisten suchten. Und dem, als es zurück in Köln war, noch immer Schutzmänner auf dem Schulweg folgten. Zur Sicherheit.Andreas Geyr sitzt an einem langen Holztisch in seinem Kölner Loft, der Raum ist hell und klar und schön. Vor ihm auf dem Tisch liegen die alten Bilder. Sie sind hässlich, schwarz-weiß, verschwommen und schlecht gerastert. Es sind die Bilder der zerschossenen Autos, die Bilder des entführten Hanns-Martin Schleyer, verwackelt, grobkörnig. Geyr hat sich eine Marlboro-Lights angezündet und betrachtet die Fotos. "Die Bilder machen die Sache noch intensiver. Weil es nur diese düsteren Bilder gibt, alles ist düster. Dabei war es ein ganz normaler Septembertag, an dem es passiert ist."Einer, der dazu beitrug, dass dieser klare Septembertag in eine schwarz-weiße Geschichte überführt wurde, ist der Kölner Fotograf Walter Schiestel. Als er am frühen Abend in die Vincenz-Statz-Straße kam, war ihm längst klar, dass hier etwas sehr Außergewöhnliches passiert war. Er sah hinter den Absperrungen Leute vom Staatsschutz und vom Bundeskriminalamt.Es war eine Situation, in der Walter Schiestel sich nicht sicher war, ob man seine Bilder vielleicht konfiszieren würde. Also fotografierte er mit seiner Nikon so schnell er konnte, nahm die Filme aus der Kamera und versteckte sie in einem Rohbau an der Straßenecke. Und fotografierte weiter.Später holte Schiestel die Filme aus dem Versteck. Da hatte die Polizei schon große Lichtmasten am Tatort aufbauen lassen. Bis in den frühen Morgen war die Vincenz-Statz-Straße hell erleuchtet. "Gutes Büchsenlicht. So nennen die Fotografen das", sagt Walter Schiestel. Seine Bilder vom Tatort erschienen auch im Stern. Ganz groß in Schwarz-Weiß.Andreas Geyr blättert durch ein altes Stern-Heft. Diese düsteren Fotos, die immer gleiche Bildsprache. Die harten Kontraste.Für den Werber Andreas Geyr wirken diese optischen Eindrücke wie ein Signal, das man auf den ersten Blick versteht, das sich eingebrannt hat. "Branding" nennen es Werbeleute, wenn man für ein Produkt oder ein Ereignis eine passende Ästhetik entwickelt hat und diese durchhält. Das "Branding" der Schleyer-Entführung, dieses mörderischen Tages einer Kindheit in Köln, sind die Fotos einer kleinen Straße in Schwarz und Weiß. In dieser Sichtweise verschränken sich die Gegenwart, Geyrs Beruf, und der Blick auf die Vergangenheit.Andreas Geyr sagt, dass er fast dreißig Jahre alt werden musste, um genau zu begreifen, was damals eigentlich geschehen ist. Vielleicht hat ihn das geschützt, vielleicht hat ihn auch geschützt, dass seine Eltern ihn auch danach noch als Cowboy mit Spielzeugpistole zum Karneval haben gehen lassen. So wie es alle Jungs in Köln tun und sich nichts dabei denken. Weil es da auch nichts zu denken gibt.Aber wahrscheinlich schaut Andreas Geyr doch ein wenig anders auf diesen Deutschen Herbst, auf seine Opfer und die Täter. Er kennt die Debatte über die Begnadigungen ganz gut, aber er kennt eben auch dieses schlichte Holzkreuz an der Ecke Friedrich-Schmidt-Straße und Vincenz-Statz-Straße. Es ist ihm wichtig, er wird es wohl niemals übersehen können.Das Kreuz erinnert nicht nur an Hanns-Martin Schleyer, den seine Entführer später mit drei Kopfschüssen töteten. Es erinnert an drei Polizisten und einen Fahrer, die hier umkamen, weil die RAF das so beschlossen hatte. Einen von ihnen hat der Junge Andreas Geyr noch gesprochen, ein paar Minuten bevor der Mann starb. Und so sagt Geyr über dieses Holzkreuz: "Es ist noch das mindeste, was diese Leute verdient haben."Es ist nicht viel. Die alten Fotos des Fahrers und der Polizisten, die an dem Kreuz hängen, werden von einer milchigen kleinen Glasscheibe bedeckt. Die Bilder hat jemand aus einer Tageszeitung ausgeschnitten, sie sind verblichen, ganz hell schon. Der Name des mit sechzig Kugeln getöteten Polizisten Brändle ist falsch geschrieben, niemand hat das in den vergangenen dreißig Jahren korrigiert. Rund um das Kreuz wuchert der Wald.An diesem Septembertag fährt ein Kleinlaster des Grünflächenamtes der Stadt Köln auf den Seitenstreifen an der Friedrich-Schmidt-Straße. Drei Männer steigen aus. Sie betrachten das Kreuz. Dann gehen sie wieder zum Auto. Der Vorarbeiter sagt, sie hätten den Auftrag, die dichten Büsche um das Kreuz ein wenig zu lichten. Wie immer vor dem Jahrestag.------------------------------Stundenlang verhörten die Kölner Polizisten den Jungen im Präsidium. Was hatte Andreas Geyr gesehen? Was hatte er gehört? Und wen konnte er beschreiben?------------------------------Er sagt, dass er fast dreißig Jahre alt werden musste, um genau zu begreifen, was damals eigentlich geschehen ist.------------------------------Foto: Andreas Geyr ist heute 39 und Chef einer Werbeagentur. Er lebt in Köln.------------------------------Foto: Köln, Vincenz-Statz-Straße, 5. September 1977. Mit dem quergestellten Mercedes stoppten die Terroristen die Fahrzeuge von Hanns-Martin Schleyer und seinen Begleitern. Die getöteten Sicherheitsleute sind mit Planen bedeckt worden.