Andreas Kleinert sprach über die deutsche Physik: Dem Führer ein Atommodell

Eines der absurden Nebentheater des Regimes nannte der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker die "deutsche Physik", die während des Nationalsozialismus zwischen einer deutschen und einer jüdischen Physik zu unterscheiden versuchte. Für Andreas Kleinert, Professor für Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Halle, war die deutsche Physik weniger eine Initiative von Politikern, war also kein vom System inszeniertes Theater, als vielmehr eine Initiative einzelner Wissenschaftler.In seinem Vortrag im Magnushaus erinnerte Kleinert an die beiden Hauptakteure der "deutschen Physik", die Nobelpreisträger Johannes Stark und Philipp Lenard. Stark und Lenard bekämpften Quanten- und Relativitätstheorie als Resultate einer typisch jüdischen Gehirnstruktur und Denkweise, die sich auf Grund ihres übersteigerten abstrakten Formalismus von der Natur abkoppele. Mit immer neuen Begründungen versuchten sie, Physik und Rassenideologie miteinander zu verbinden. Kleinert untersucht die Entwicklung dieser Gedanken und ihre Motivation anhand einer exklusiven Quellenlage. In den Siebzigern machte er den nahezu gesamten Briefwechsel zwischen Lenard und Stark ausfindig. Die Korrespondenz begann bereits 1904, kam aber erst ab 1914 so recht in Fahrt, als Stark seinen Kollegen Lenard um einen Beitrag über Atom- und Kernphysik bat. Lenards Interesse daran hielt sich in Grenzen. Überhaupt, so betont Kleinert, redeten Stark und Lenard in physikalischen Dingen meist aneinander vorbei. "Verbündete", so sagt Kleinert, "waren beide nur in politischen Dingen".Ihre physikalischen Feindbilder waren verschieden. Lenard bekämpfte zeitlebens die Relativitätstheorie. Obwohl er 1905 den Physik-Nobelpreis für seine Entwicklung der Elektronentheorie erhielt, fühlte er sich offenbar um große Teile seines Ruhms betrogen; insbesondere von Einstein, der für die Erklärung des Fotoeffekts, an dem auch Lenard gearbeitet hatte, 1921 den Nobelpreis erhielt. Stark dagegen erhielt 1919 den Physik-Nobelpreis für die nach ihm benannte Wechselwirkung von Spektrallinien des Lichts mit elektrischen Feldern. Im Gegensatz zu Lenard richtete sich Starks ganzer Hass jedoch weniger gegen Einsteins Relativitätstheorie, als vielmehr gegen das Atommodell von Bohr und Sommerfeld. Stark versuchte, ein eigenes Atommodell zu entwickeln und dieses in der Öffentlichkeit zu etablieren.Da er seit 1922 nicht mehr als Professor, sondern als Unternehmer tätig war, verfügte er allerdings über kein wissenschaftliches Labor, um sein Modell durch Experimente zu bestätigen. 1927 schrieb er an Lenard, er könne im Privatlabor eines alten Studienfreundes experimentieren. Die Frage Lenards, wer dieser Freund sei, beantwortete Stark nicht: Sein alter Studienfreund von Hirsch war Jude. Später sagte Stark, der sich für keinen Opportunismus zu schade war, von Hirsch habe sich eben nicht wie ein Jude benommen.Mit Hitlers Machtübernahme konzentrierten sich Stark und Lenard zunehmend auf die Neugestaltung von Lehre und Forschung "im deutschen Sinne". Beide förderten die Berufung von Anhängern der deutschen Physik auf Lehrstühle. Dennoch sah Stark die neue politische Situation für ihn als nicht nur positiv. Die neuen Machthaber interessierten sich offenbar weniger für die physikalischen Aspekte der Rassenideologie. Vielmehr kam ihnen gerade die "jüdische Physik" im Hinblick auf die Entwicklung von Atomwaffen entgegen. Stark, der dies bemerkte, schrieb bereits im April 1933 an Lenard, dass er die Anmaßung, den Neid und die Intrigen in den nationalsozialistischen Kreisen fürchte. "Man empfindet uns als lästig." Stark und Lenard gerieten in eine groteske, isolierte Situation: Als Stark im englischsprachigen Fachjournal "Nature" einen Artikel veröffentlichte, in dem er Juden als Propagandisten des dogmatischen Geistes bezeichnete, löste er internationale Entrüstung aus. Lenard fragte ihn jedoch in seinem Brief, warum Stark in diesem "Judenblatt" veröffentliche. Stark antwortete, dass er in der judenfreundlichen deutschen Presse keine Möglichkeiten zur Veröffentlichung mehr sehe. Beide betrachteten sich selbst in den Zeiten des Nationalsozialismus als Opfer jüdischer Intrigen und machten sich wissenschaftlich wie politisch zu Außenseitern. Die Frage, wie derart renommierte und international anerkannte Wissenschaftler letztlich eine solche ideologische Verblendung an den Tag legen konnten, konnte auch Andreas Kleinert nicht beantworten.Beide Wissenschaftler betrachteten sich selbst noch in den Zeiten des Nationalsozialismus als Opfer jüdischer Intrigen und machten sich wissenschaftlich wie politisch zu Außenseitern.