Wer nicht gewinnt, verliert. Wie ein pervertiertes Mantra taucht immer wieder dieser Satz auf. Marie, die Studentin, schreit ihn zornig gegen die Ostsee-Brandung an. Eine Sentenz der Nachwendezeit, so kalt und simpel wie sie. Lebenslinien werden gekappt, verlaufen sich im wirtschaftlichen Brachland, klettern auf die ungesicherten Gerüste der neuen Marketing-Welt oder münden in ein Sanatorium, so entrückt und erlesen wie ein Grandhotel bei Thomas Mann. Mit dem Blick durch weißgestrichene Flügeltüren beginnt Andreas Kleinerts Film "Im Namen der Unschuld"; es ist der Blick einer schönen Melancholikerin, doch Anna (Barbara Sukowa), die ihren Zauberberg nicht verlassen will, muß plötzlich hinaus ins feindliche Leben: Marie (Katharina Zapatka), ihre Tochter, wird nach einem Besuch bei der Mutter umgebracht.Schnurgerade wie mecklenburgische Alleen läßt Andreas Kleinert die Lebenslinien seiner Figuren ein Stück weit parallel laufen, bis er sie aufeinander zuführt: Das Mädchen Marie Löser trifft seinen Mörder (Udo Samel). Der Kommissar (Matthias Habich) findet in Anna eine Gefährtin und in seinem suspendierten Vorgänger (Jürgen Hentsch) einen Freund. Zwei Ehepaare, die am Stadtrand mit Klassik vom Band und Kerzendinner Bürgertum markieren, entdecken ihre Wahlverwandtschaft. Katalysator ist allerdings nicht die Liebe, sondern das Geld.Andreas Kleinert, 1962 geboren, ist ein beharrlicher Beobachter der tektonischen Verschiebungen seit dem Herbst 89. "Verlorene Landschaft", sein erster Spielfilm nach dem Regie-Studium an der HFF Babelsberg, versetzte einen westdeutschen Politiker in das Liebesgefängnis seiner Kindheit zurück. Durch einen Spalt im Zaun des elterlichen Bauernhofs betrachtet er die Zeitläufe, geschützt vor derem Zugriff. Um die Verteidigung des eigenen Lebens inmitten der Erosion draußen ging es auch in Kleinerts "Neben der Zeit". Drei Menschen mit vielfältigen Geheimnissen verbarrikadieren sich in einer rituellen Familienwelt, während alles um sie herum zerstiebt. Bahnhöfe werden geschlossen, eine Armee zieht ab, ein Dorf entvölkert sich."Im Namen der Unschuld" setzt später ein, in der Ruhe nach dem Beben, wenn sich die neue Ordnung zu verfestigen beginnt als schön ausstaffierter Alptraum. Viele Möglichkeiten stecken in solchem Terrain, gerade für einen so poetischen Erzähler wie Andreas Kleinert. Aber er hat sich diesmal nicht auf seine Mittel verlassen, auf die genaue Beobachtung statt der Erklärung, in der jede Spannung zwischen Innen- und Außenwelt verpufft. Er hätte seine Figuren schützen müssen vor ihren Selbst-Typisierungen. Der aufstrebende Kleinbürger als Dampfkessel mit verstopftem Ventil. Die wohlhabende Gattin des aufstrebenden Kleinbürgers als falsche Madonna. Das Flittchen als Flittchen, der Versager als Versager. Barbara Sukowa schließlich, als Mater dolorosa, die am Ende mit schwarzer Sonnenbrille den Mörder ihrer Tochter in einem frisch geschaufelten Grab vor die Flinte kriegt. Was wie ein ins Wahnwitzige überhöhtes Aufschwung-Märchen anfängt ­ Udo Samel, der als Produktmanager für Feuerlöscher als Partygag eine Abbruchruine in Brand schießt ­ verkeilt sich zunehmend zwischen den Genres. Für einen Polizeifilm ist die Figur des Flachmann-abhängigen Kommissars gar zu lädiert. Ein kleiner Ausflug ins Gerichtsdrama endet für alle Beteiligten kläglich. Kleinert ist beim Versuch einer neuen Gangart ins Straucheln geraten. Ums Gewinnen oder Verlieren geht es dabei nicht.Im Namen der Unschuld Deutschland 1997, 102 Minuten, Regie: Andreas Kleinert, Drehbuch: Torsten Schulz, Darsteller: Barbara Sukowa, Matthias Habich, Udo Samel.