Jetzt, da der 200. Geburtstag von Alexander Sergejewitsch Puschkin zu feiern ist, fällt es den Jubiläums-Organisationsspezialisten wieder besonders ärgerlich auf: Es gibt kein Foto des Jubilars, nur Gemälde und Zeichnungen, Denkmäler und das sind alles nur Interpretationen. In einhundert Jahren aber, denkt sich Andrej Bitow, wenn der 300. Geburtstag begangen wird, könnten die Bedingungen schon ganz andere sein. Wenn nämlich die Russen, die einst Vorreiter in der Erforschung des Weltraums waren, den Zeitenraum erobert haben und Chrononauten ausbilden, könnten sie jemanden in Puschkins Ära schicken, um den Nationaldichter zu fotografieren.Andrej Bitow ist eigentlich kein Science-Fiction-Autor. Mit seiner Geschichte "Ein Photo von Puschkin" testet er die Möglichkeiten des Genres aus und überschreitet dessen Grenzen. Igor Odojewzew heißt sein Held, der sich der Aufgabe würdig erweisen darf, Puschkin aufzuspüren und vor eine Kamera zu locken, in einer Welt vor seiner Zeit. Einer der Sponsoren des Unternehmens heißt wie die Devisenläden in der Sowjetunion: "Berjoska", die Zeitrakete trägt den Namen "Aufwand 3".Bitow läßt seinen Helden zu verschiedenen Zeitpunkten landen und mit dem Bewunderten zusammentreffen, taucht als Autor selbst auf und verschwindet wieder. Der Chrononaut macht die bittere Erfahrung, daß er nur zu sehen imstande ist, "was seine Zeit wußte. Wollte er anschauen, was sie nicht wußte, kam es prompt zu Schlieren, zu Störungen " Kommt er ins Gespräch mit Personen der Vergangenheit, muß er stets aufpassen, daß ihm im Gespräch kein Anachronismus unterläuft. Die vergangene Zeit, so die in hundert Jahren gewonnene Erkenntnis, läßt sich nicht mehr zurechtbiegen. Es gab kein Porträtfoto Puschkins und es wird also auch keines geben.Die verstörende und im Doppelsinn phantastische Geschichte um das Foto, eine Erzählung, die mit Witz und Aberwitz Denkweisen verschiedener Epochen zusammenführt, steht im Zentrum des Bandes "Puschkins Hase", den der Insel Verlag den deutschen Lesern in der sehr geschickten Übersetzung von Rosemarie Tietze zum Jubiläum präsentiert. Bitow hat sich dem großen Vorbild aller russischen Literatur immer wieder angenähert, "Das Puschkinhaus", 1973 erschienen, ist eines seiner bekanntesten Bücher, und der Igor Odojewzew aus der Zukunft ist auch nur ein Nachfahre des Ljowa Odojewzew, der im "Puschkinhaus" noch den 200. Jahrestag des Dekabristenaufstandes erlebt hatte.Für das neue Buch hat Bitow mehrere Texte miteinander verknüpft, die sich zum Teil wie Kommentare aufeinander beziehen, aber auch einzeln lesen lassen. Sie sind aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben und zu verschiedenen Zeiten angesiedelt; verbindendes Element ist nicht allein Puschkin, sondern auch ein Hase. Der Hase hat im russischen Aberglauben etwa den Stellenwert wie im deutschen die schwarze Katze. Puschkin war sehr abergläubisch. Verschiedentlich wird in diesem Buch die Anekdote nacherzählt, wie der Dichter im Dezember 1825 illegal aus Michalskoje, dem Ort seiner Verbannung abreisen wollte und zurückschreckte, als ein Hase ihm über den Weg hoppelte. Puschkin kehrte um, ihm blieb an seinem verhinderten Reiseziel Petersburg die Niederschlagung des Dekabristenaufstandes erspart und somit auch Hinrichtung oder Sibirien. Er begann nun sich an Texten von Shakespeare und Goethe zu messen. Wohl wissend, daß eine wesentliche Schaffensperiode Puschkins ohne das Auftreten des Hasen womöglich nie eingetreten wäre, schreibt Bitow: "Dieser Hase, der auf den Weg der russischen Literatur in die Welt hinausgelaufen ist, hat eindeutig historische Verdienste." Und er wünscht sich, daß man dem Hasen ein Denkmal errichten möge: "Indes steckt darin weder Ironie noch Spott, lediglich ein reiferes und zivilisierters Verhältis zur Geschichte." Natürlich ist es nur ein Spiel, diese Ironiefreiheit zu behaupten. Es bleibt dem Leser nicht verborgen, welchen Spaß diese Überlegungen ihrem Autor bereitet haben. Er geht soweit, die Beliebtheit von Pu dem Bären in Rußland mit der Verehrung der Russen für Puschkin zu erklären, und zwar wegen des Gleichklangs der Namen. Winnie der Pu heißt auf Russisch Winni Puch. Bitows Buch ist eine Hommage an den großen Vorfahren und zugleich ein eigenständiges Werk, das von der erzählerischen Souveränität Bitows zeugt. Ein munteres Stück zwischen all den Ehrenbezeugungen, die in diesen Tagen herumgeistern werden. Andrej Bitow: Puschkins Hase. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Insel Verlag, Frankfurt/M. 1999. 194 S., 38 Mark.