Was genau das Leben lebenswert macht, ist oft schon schwer zu sagen. Noch schwerer fällt eine Antwort auf die Frage, was ein Leben sterbenswert machen könnte. Für einen Selbstmord mögen die sogenannten Hinterbliebenen im nachhinein viele Gründe finden. Aber am Ende sind sie doch mit keiner Erklärung zufrieden und bleiben mit einem Rätsel zurück.Thilo, Rudi und Tilman haben sich umgebracht. Jeder für sich, und Jahre lagen dazwischen. Thilo, Rudi und Tilman - das sind drei von Millionen, aber auch nur drei von fünfzehn. Denn sie gehörten 1979 in Stuttgart-Möhringen zur gleichen Abiturklasse. Siebzehn Jahre nach dem Abitur findet ein Klassentreffen statt, organisiert von Andres Veiel. Veiel, ehemaliger Mitschüler, ist heute Filmemacher. 1994 hat seine Dokumentation "Balagan" über eine israelisch-palästinensische Theatergruppe den Bundesfilmpreis gewonnen. Auf seinem Klassentreffen möchte er über die Selbstmörder reden, die hier jeder kannte. Und herausfinden, was die drei vielleicht miteinander verbunden hat.Andres Veiel hat "Die Überlebenden" gedreht, ein Film über drei Tote und zahlreiche Hinterbliebene. Wer den Film sieht, muß den Entdeckermut bewundern, mit dem der Regisseur sich an ein Thema gewagt hat, das ihm die längste Zeit noch nicht klar vor Augen stand. Mit den Überlebenden, ihren verstreuten und manchmal stockenden Auskünften, und ohne die Hauptfiguren doch etwas entstehen zu lassen, das trifft? Es ist ihm gelungen - so zauberisch, so zwanglos und am Ende doch so zwingend, wie man es nicht erwartet hätte.Thilo. Lange ein Langhaariger. Musiker. Im Frankreich-Urlaub klaut er mal ein Auto, "das hat so was Triumphales gehabt", wie ein Freund heute sagt. Als stiller Sympathisant begleitet Thilo die RAF-Prozesse in Stammheim. Als Medizinstudent malt er sich bunte Blumen auf den weißen Arztkittel, was für einigen Aufruhr sorgt. Seinem Vater unterstellt er, NS-Richter gewesen zu sein. Er haßt ihn - und will ihm doch beweisen, daß er es zu etwas bringen kann.Rudi. Ein Schwächling, "keinen Arsch in der Hose", wie ein Klassenkamerad sagt. Aber gute Noten, weshalb der Vater von einer Anwaltskarriere träumt. Doch Rudi nimmt nach zwei Semestern Jura Reißaus und geht als Assistent an ein schottisches College. Ein Jahr später kehrt er zurück, kränklich. Er wettert gegen Autoverkehr und Naturzerstörung und lebt nicht mehr lange.Tilman. Entkommt der Bundeswehr durch den Umzug nach Berlin. "Er wollte nicht so werden wie seine Eltern", sagt der Bruder. Er wird Mechaniker, frisiert Autos, macht Waffen scharf. Freunde findet er kaum. Er bleibt der Außenseiter, als der er sich immer sehen wollte.Drei vergebliche Versuche, ein etwas anderes und dennoch beglücktes Leben zu führen - trotz verständnisloser Eltern und gegen die Schwerkraft der Verhältnisse. Drei Einzelkämpfer, die ein Stück weit rebellieren und dann doch bloß ihren Frieden wollen mit der Welt. Am Ende erdrückt sie die Wirklichkeit, der Alltag; die Träume sind verkümmert, und das tut weh.So oder ähnlich läßt es sich verallgemeinern. Dann kann man von den 79ern sprechen, der "Generation zwischen den Stühlen": ohne die massenhafte utopische Zuversicht der 68, ohne den unbekümmerten Pragmatismus der 89, zermürbt nicht nur durch fremde Ansprüche, sondern auch durch die Halbherzigkeit des eigenen Ausbruchsgeistes. "Die Überlebenden" ist ein Generationen-Porträt. Aber weil der Film das eigentlich gar nicht sein wollte, ist er nun viel mehr als das. Er fragt nicht nur, was es zum Sterben braucht. Er zeigt auch, was es zum Überleben braucht: weniger Träume, mehr Einverständnis. Doch bevor die Lebenden zu Buhmännern und die Toten vollends zu Opfern werden können, ist Veiel schon wieder weiter, stößt zum nächsten Zweifel vor. Vom Vagen ist er ins Konkrete und schließlich ins Offene gelangt. Alle entscheidenden Fragen sind gestellt; entschieden wird keine. Aus diesen zerbrechlichsten aller Filmvorhaben ist eine der aufrichtigsten, aufregendsten und tiefgründigsten Dokumentationen des deutschen Kinos geworden.Premiere mit anschließender Diskussion heute um 20.30 Uhr im Zeughaus-Kino. +++