Skandal am Strand von Warnemünde: Zwei Männer posieren für ein Foto, vor dem Hintergrund der stürmischen, gischtenden Ostsee und -sind vollkommen nackt. Wir schreiben das Jahr 1907 und verantwortlich für die ganze Aufregung ist ein norwegischer Künstler, der das Foto als Vorlage für eines seiner Gemälde nutzt. Sein Name: Edvard Munch.Hundert Jahre später schockiert Freikörperkultur an der Ostseeküste schon lange keinen mehr -und die Anekdote rund um Munchs einstiges Skandalgemälde "Badende Männer" sorgt bei den Zuhörern von Antonia Napp im Staatlichen Museum Schwerin eher für Belustigung. Napp ist Kuratorin der Ausstellung "Sommergäste", die eindrucksvoll beweist, wie viele bedeutende Künstler der Klassischen Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts die Ostseeküste besuchten.Vertreter des Expressionismus wie Karl-Schmidt-Rottluff oder Max Pechstein, Impressionisten wie Lovis Corinth oder Max Liebermann -und auch die bürgerschreckenden Dadaisten um Kurt Schwitters und George Grosz kamen auf die Inseln und Halbinseln des heutigen Mecklenburg-Vorpommern, um zu entspannen, aber auch um Inspiration zu finden. Die prominenten Sommergäste selbst sind längst verblichen, doch in ihren einstigen Urlaubsorten hält man die Erinnerung an sie nach wie vor wach -genauso wie die an einheimische Malergrößen.Rund 60 Kilometer von Schwerin entfernt, zwischen Güstrow und Rostock, liegt das beschauliche Schwaan mit seinen gut 5000 Einwohnern. "Nach mecklenburgischen Maßstäben ist das eine Kleinstadt, nach bundesdeutschen ein Dorf", erklärt Heiko Brunner mit einem Augenzwinkern. Brunner ist Leiter der "Kunstmühle", einem Museum mit Werken einstmals im Ort ansässiger Maler. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Munch am Strand von Warnemünde für Aufruhr sorgte, wurde auch in Schwaan der Pinsel geschwungen -wenn auch weniger avantgardistisch und skandalumwittert.In der Künstlerkolonie ließen sich Franz Bunke und Peter Paul Draewing, beide Kinder Schwaans, von der idyllischen Natur der Region inspirieren und schufen hier nach einer Ausbildung an der Malschule in Weimar ihre stillen, impressionistisch anmutenden Landschaftsgemälde. Freilichtmalerei lag damals im Trend und Schwaan bot mit seiner Umgebung, den Waldlandschaften, weiten Feldern und malerischen Ufern der Warnow genau die richtigen Voraussetzungen dafür.Außerdem lag der Ort schon damals verkehrstechnisch günstig, war seit 1850 mit dem Zug von Berlin und Hamburg aus gut zu erreichen und wuchs daher rasch. Im Zweiten Weltkrieg, so erzählt Heiko Brunner, wurde Schwaan, im Gegensatz etwa zu Rostock, kaum zerstört. Das lag wohl zuvorderst an der geringen strategischen Bedeutung des Ortes. "Aber auch daran, dass Schwaan im Dunstnebel der Warnow für die Bomber schwer zu finden war", sagt Brunner. Und den Dunstnebel kann man auch heute noch sehen -wenn nicht rund um den Fluss selbst, dann im Museum, auf den "Nebelbildern" Franz Bunkes.Licht, das zum Malen zwang"Bei denen legte Bunke auf das eigentlich fertige Bild noch eine zusätzliche, milchig-weiße Farbschicht auf -und erzielte so den charakteristischen Dunsteffekt", erklärt Lisa Jürß dem Betrachter. Jürß ist eine ältere Dame von leicht gedrungener Gestalt und mit hartem Mecklenburger Zungenschlag. Als gebürtige Schwaanerin kehrte sie im Jahr 2000 nach dreieinhalb Jahrzehnten am Staatlichen Museum in Schwerin in ihr Heimatdorf zurück und war mit dafür verantwortlich, dass in einer ehemaligen Wassermühle 2002 das örtliche Kunstmuseum eröffnet wurde."Eine schöne Gegend haben hier alle Dörfer", sagt Jürß, "aber nicht solche Maler wie wir. Mit dem Pfund können wir wuchern." Und tatsächlich ist eindrucksvoll, wie im eher unscheinbaren Schwaan in den vergangenen knapp neun Jahren ein Museum entstand, das zu DDR-Zeiten so niemals möglich gewesen wäre, wie Jürß versichert."Künstlerkolonie" -so nennt sich auch Ahrenshoop. Der Ort auf der schmalen, oft nur wenige hundert Meter breiten Landbrücke Fischland, zwischen den manchmal stürmischen Wassern von Ostsee und Bodden gelegen, ist geprägt von den regionaltypischen Fachwerkkaten mit den tief heruntergezogenen Schilfrohrdächern -und feiert in diesem Jahr sein 700-jähriges Bestehen. Neben dem feinen Sandstrand ist es vor allem die Kunst, die jährlich die Ostsee-Besucher hierher lockt.Etwa in den Kunstkaten, eine 1909 errichtete und erst vor zehn Jahren in den Originalzustand wiederhergestellte Galerie -in strahlendem Königsblau und standesgemäß mit Rohrdach. Hier werden sowohl die Werke zeitgenössischer Künstler als auch "Klassiker" gezeigt, wie beispielsweise Elisabeth von Eicken, die Ahrenshoop ab 1894 häufig von Berlin aus besuchte und in ihren Ölgemälden festhielt. Fischerkaten im Schnee, romantische Waldwege an der Boddenküste, nur vereinzelt sind Menschen auf ihren Bildern zu sehen. Und genau das war es, was die Künstler einst an Ahrenshoop faszinierte: ländliches Idyll, die Kargheit und Unversehrtheit der Natur und Menschenleere. Und das Licht -so hört man hier immer wieder -, das durch die Reflexion der beiden Gewässer so besondere Licht, das gleichsam zum Malen zwang. Die Künstler schätzten die Abgeschiedenheit und waren es doch schließlich selbst, die die Touristen anzogen. Um 1900 etablierte sich in Ahrenshoop der Badebetrieb -und es begann das erfolgreiche Nebeneinander von Sandstrand und Leinwand.Zaubereinsam schillernSo oft die ehemalige Künstlerkolonie in Ahrenshoop zum Thema wird -so verhältnismäßig selten begegnet man tatsächlich den Werken von Paul Müller-Kaempff und seinen einstigen Mitstreitern. Im Hotel Fischerwiege, abseits der Hauptstraße, finden sich im Halbdunkel des Erdgeschosses einige Gemälde, zudem bietet der Kunstkaten wechselnde Sonderausstellungen. "Was fehlt, ist ein eigenes Museum", sagt Bürgermeister Hans Götze. Nun soll genau das entstehen -und der Grundstein noch in diesem September gelegt werden. Rund 4,5 Millionen Euro stemmt eine Stiftung, unterstützt von Bund und Land.Zur abgeschiedensten der drei mecklenburg-vorpommerischen Künstlerkolonien geht es nur auf dem Wasserweg. In Zingst, Stralsund und Rügen legt die Fähre nach Hiddensee ab -ein Eiland ohne Autoverkehr und ohne das künstlich Mondäne manch anderen Seebads. Kutschen und Fahrräder sind die einzigen Fortbewegungsmittel. "Hiddensee war im Gegensatz zu den anderen Kolonien mehr ein Regenerationsraum für die Künstler", sagt Kurdirektor Alfred Langemeyer und fügt ein wenig verschwörerisch hinzu: "Die waren hier eher zum Partymachen als zum Malen." Und auch die Schriftsteller genossen das leichte Leben: So gehörte zum Sommerhaus des Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann ein stets gut gefüllter Weinkeller. Hauptmann war der treueste der vielen prominenten Inselgäste, zu denen auch Hans Fallada, Käthe Kollwitz, Joachim Ringelnatz und die Tänzerin Gret Palucca gehörten. Palucca und Hauptmann haben sogar ihre letzte Ruhe auf Hiddensee gefunden.Am späten Abend mag der Fußweg dann noch vom Ort Kloster nach Vitte führen, auf einen letzten Sanddornlikör in der Bar des Hotels Godewind. Den sternenbedeckten Himmel über einem, den frischen Ostseewind im Haar und die ganze Vielfalt der hiesigen Vogelstimmen um einen herum: Es zwitschert, schnattert, gluckst und röhrt -als müssten die gefiederten Bewohner der Insel wettmachen, was das Fehlen von Autos und sonstigen Lärmquellen an Ruhe fabriziert. Und in einem solchen Moment mögen einem Gerhart Hauptmanns 1885 auf Hiddensee verfasste Zeilen in den Sinn kommen: "Wiesenfläche, Feld und Hain / zaubereinsam schillern; / badend hoch im Mondenschein / Mondscheinlerchen trillern." Wer weiß, vielleicht zwingt mancher Ort seinen Gast ja tatsächlich zur Poesie. Mit zarter Gewalt und dem Zauber seiner Natur.------------------------------ServiceSommergäste: Die Ausstellung "Sommergäste -Von Arp bis Werefkin. Klassische Moderne in Mecklenburg und Pommern" ist im Staatlichen Museum Schwerin noch bis zum 23. Oktober zu sehen.www.museum-schwerin.deLange Nacht der Kunst: Ahrenshoop feiert am 20. August die "12. Lange Nacht der Kunst" mit Tanzperformances, Lesungen, Konzerten und Filmvorführungen von 18 bis 24 Uhr. Informationen unter Tel. 038220/666610.www.ahrenshoop.deGerhart-Hauptmann-Haus: Bis Oktober montags bis samstags von 10-17 Uhr geöffnet, sonntags von 13-17 Uhr. Regelmäßig lesen Autoren im ehemaligen Arbeitszimmer des Schriftstellers.www.hiddensee.de/kultur/hauptmann.html------------------------------Karte: Mecklenburg-Vorpommern.Foto (3): Kunst und Natur im harmonischen Duett: Im Ahrenshooper Kunstkaten (links) und in der Kunstmühle in Schwaan (rechts) hängen die Werke regionaler Maler, nach Hiddensee (Mitte) kamen die Künstler vor allem, um zu entspannen.