LIEBENBERG. Vor den Fenstern des kleinen Schlosses Liebenberg in Brandenburg ist es dunkel. Eine alte Laterne streut mildes Licht über den Hof. Doch die vier Studenten, die im Raum NH 3 unter grellen runden Neonlampen sitzen, haben keinen Blick dafür. Ihre Kugelschreiber flitzen übers Papier. Ihr Gesichter sind hoch konzentriert. Denn in wenigen Minuten müssen sie eine Hauptschule retten. Diese liegt, wie ihre Aufgabe beschreibt, in einer Großstadt und wird von vielen Migrantenkindern besucht. Der Unterricht ist oft nicht möglich. Viele Lehrer sind krank oder lassen sich versetzen. Nur ein neues Profil, das sie für größere Schülerkreise interessant macht, kann diese Schule vor dem Kollaps bewahren.Sebastian Schmal* aus Darmstadt beginnt. "Unsere Schüler brauchen eine Perspektive und anwendbares Wissen", erklärt der große zurückhaltende Pädagogik- und Physikstudent noch etwas beklommen, "die Naturwissenschaften müssen unser Profil bestimmen." Erregt schaltet sich Sandra Friedrich ein: "Nein, die Bildende Kunst muss in den Mittelpunkt!" Die werdende Kunsterzieherin aus Karlsruhe trägt kurze blonde Haare. Ihre Augen sind ein wenig zu schwarz geschminkt. Kunst fördere das vernetzte Denken und die Kreativität in allen Fächern, sagt sie und erntet sofort Widerspruch von Sebastian Schmal, diesmal schon etwas lauter: "Die Schüler brauchen erstmal Wissen für den Beruf, also vor allem Physik, Mathe, Chemie", sagt er. "Und Sprachen!" wirft die blonde Bremerin Anna Groß ein. An der Schule gebe es viele Migrantenkinder, und man könnte das nutzen, um die Mehrsprachigkeit zu fördern. Man sollte auch Schülerpatenschaften bilden.Die Debatte geht hin und her. Bis Jana Stolz sagt: "Kinder, uns läuft die Zeit weg. Ich schlag mal vor, dass wir uns auf eine Sache einigen. Am besten, wir nehmen die berufliche Ausbildung als Kern und holen dann alle anderen Vorschläge mit ins Boot." Die Studentin aus Trier mit kurzen schwarzen Haaren und markanter Brille wird sich in den nächsten 24 Stunden noch so manches Mal als Klarsichtigste und Besonnenste von allen zeigen.Beobachtet werden die vier Studenten von zwei Juroren. Jürgen Plenefisch ist ein väterlicher Berliner Schulleiter mit weißem Vollbart, Cordula Miosga ein ganz anderer Typ. Die mitunter etwas streng wirkende Geschäftsführerin eines örtlichen Arbeitgeberverbandes hat schon viel Erfahrung mit Auswahlverfahren. Meist geht es dabei um Führungskräfte für Unternehmen. Hier in Liebenberg aber werden zum ersten Mal im großen Stil junge Lehrerstudenten getestet.Aufgeregt kamen 29 Studenten aus ganz Deutschland mit ihren Taschen und Rucksäcken angereist, alle Anfang zwanzig, zwei Drittel davon Frauen. Gespannt und nervös stehen sie in den Pausen auf den Fluren. Man hört aber auch oft ein Lachen. Die Aufregung schweißt schnell zusammen. Obwohl sie alle Konkurrenten sind, wird man in den nächsten Stunden keinen Anflug von Aggression erleben.Die Zwanzigjährigen schlafen im Schloss. Aber das Gebäude und den schönen Park bekommen sie kaum zu Gesicht. Wie in einem Assessment Center für Manager müssen sie unter Zeitdruck Aufsätze schreiben, Präsentationen halten, sich Gesprächen mit den insgesamt 16 Juroren stellen. Am nächsten Tag reisen sie ab, und die Neuen kommen. In einer Woche sind es fast 180 Studenten. 90 von ihnen werden in ein Studienkolleg aufgenommen.Dieses Kolleg ist etwas ganz Neues in Deutschland. Es soll studienbegleitend helfen, Führungskräfte für Schulen zu gewinnen und zu fördern. Gegründet wurde es 2007 von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Die Stipendiengelder kommen vom Bundesbildungsministerium. Ein weiterer Finanzier ist die Robert-Bosch-Stiftung. "Wir maßen uns nicht an, Schulleiter auszubilden", sagt Heike Ekea Gleibs, die Sprecherin des Studienkollegs. Sie sitzt in einem kleinen Büro des zum Schulungszentrum umgebauten Schlosses. "Wir wollen Schulgestalter von morgen fördern", sagt sie. Es gehe um die Lust, "Schule als Gestaltungsraum zu erkennen und dort zu wirken".Die Suche nach Talenten ist dringend nötig. Denn es fehlt an Nachwuchs, und die Schulreformen erfordern einen neuen Typ an Führungskräften. Eine "kopernikanische Wende in der Bildungspolitik" fordert der ehemalige Leiter des Elite-Internats Salem, Bernhard Bueb. In seinem neuen Buch "Von der Pflicht zu führen" beklagt er die mangelnde Führungskultur in der Bildung. Viele Schulleiter herrschten gedankenlos, sagt Bueb. Sie vertrauten ihren Mitarbeitern nicht, setzten keine Ziele, seien nicht in der Lage, Lehrer und Schüler zu motivieren.Im Raum NH 3 des Schlosses Liebenberg geht die Debatte derweil zu Ende. Die Trierer Studentin Jana Stolz hat die Gruppe zu einem Kompromiss geführt. Diese einigt sich auf das Konzept des Physikstudenten Sebastian Schmal. Die Schule soll ein klares naturwissenschaftliches Profil erhalten, mit starkem Förderunterricht und beruflicher Vorbereitung im Kontakt zu Firmen. Jana Stolz zeichnet mehrere Säulen auf ein Blatt, um das neue Profil darzustellen. "Soll ich noch ein großes Dach draufmalen, damit es ein bisschen römisch aussieht?" fragt sie. Die Beobachter lächeln."Gut", sagt der weißbärtige Berliner Schulleiter Jürgen Plenefisch, "ich bin einverstanden. Aber haben Sie auch Lösungen für die Lehrer?" Die Lehrer? Die Studenten blicken ratlos. Darauf erregt sich der Juror: "Als Schulleiter bin ich sauer", sagt er. Und zwar, weil die Gruppe nichts zu den Menschen gesagt habe, die das neue Profil umsetzen sollen. Als Leiter einer Gesamtschule vertritt Jürgen Plenefisch die Praxis. "Viele meiner Lehrer sind bis zum Limit ausgelastet", sagt er, "manche sind völlig fertig oder dauerkrank. Sie können keine zusätzlichen Aufgaben mehr übernehmen." Plenefisch versucht, seine Lehrer zu entlasten. "Man muss mit allem, was einem zur Verfügung steht, die Kollegen immer wieder aufbauen." Er weiß auch, wie dringend neue Schulleiter gebraucht werden. Seit einiger Zeit müssen die Schulen in Berlin eigenverantwortlich arbeiten. "Früher war ich Kommandoempfänger und gab Weisungen weiter. Heute bin ich so was wie der Chef eines Unternehmens." Es liegt in Reinickendorf, heißt Max-Beckmann-Oberschule, hat 100 Mitarbeiter und ist für 1 100 Schüler verantwortlich. Vor zwei Jahren, erzählt Plenefisch, hätten Schulleiter vom Berliner Senat ein professionelles Coaching gefordert. "Wir erkannten, dass wir zwar mittlerweile Schulmanager waren, aber unsere Aufgaben nicht beherrschten." Das Coaching kam zustande. Und auch Partner aus der Wirtschaft wurden gefunden. Die Firmen unterstützen inzwischen die Schule mit Praktikumsplätzen und Bewerbungstraining.Von seinen Partnern hat Plenefisch gelernt, wie ein Unternehmer zu handeln: Projektmanagement, Feedback-Gespräche, Umgang mit Eltern, Bürokratie und Personalrat. Er versucht, alle Entscheidungen transparent zu machen. "Keine Willkürakte!" Mit jedem Schüler führt er ein Aufnahmegespräch. Mit den Eltern schließt er eine "Vereinbarung über Bildung und Erziehung". Er wünscht sich mehr Freiheiten. "Trotz meiner Verantwortung darf ich nicht einstellen, wen ich will. Ich darf niemanden rausschmeißen und keine Gehälter erhöhen", bedauert er.Das Studienkolleg sucht nach dem jungen, "idealen Kollegiaten". Dieser, so liest man, ist engagiert, übernimmt Verantwortung, tritt sicher auf, zeigt Begeisterung und kann andere motivieren. Er vertritt seine Ziele, ohne andere zu überfahren. Bei den folgenden Einzelgesprächen im Raum NH 3 sieht man, wie schwer sich solch ein idealer Kandidat finden lässt. Cordula Miosga, die Jurorin aus der Wirtschaft, ist geübt im Aufspüren von Potenzialen. Viele ihrer Fragen sind strenger als die ihres Nachbarn Jürgen Plenefisch. Immer wieder stört sie der Hang zur Harmonie, den sie bei den Studenten beobachtet. "Den anderen nicht weh tun zu wollen, kann auch negativ sein", sagt sie.An der 21-jährigen Studentin Sandra Friedrich ist zum Beispiel kaum etwas auszusetzen. Sie ist eine leidenschaftliche Künstlerin, die andere mit ihrer Begeisterung ansteckt. So will sie es auch als Kunsterzieherin tun. Sie spielt in einer Big Band, fährt als Betreuerin von Blinden auf Studienreisen, arbeitet im Jugendgemeinderat und im Altenheim. Sie ist Tutor für ihre Kunstklasse. "In fünf bis sechs Jahren sehe ich mich als Fachbereichsleiterin in einem Gymnasium", sagt sie den Juroren."Ich würde sie sofort als Lehrerin in meiner Schule einstellen", sagt Schulleiter Plenefisch. "Sie sind ein Schatz für jedes Kollegium." Aber könnte sie eine erstklassige Leiterin werden? Daran zweifeln beide - Plenefisch und Cordula Miosga. Warum? Weil die Kunststudentin zu viele Dinge zugleich macht? Weil sie es nicht übers Herz bringen würde, im Streit auch mal hart zu bleiben? Oder weil sie sich bei ihrer Präsentation zum Thema Nationaler Sicherheitsrat unsicher an ihren Karteikarten festhielt und nicht den Flipchart, den Projektor oder andere Mittel nutzte? Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem.Jana Stolz macht es anders. Kurz zuvor hat man die Trierer Studentin noch zwischen den anderen sitzen gesehen, die überall im Schloss verteilt Folien oder große Bögen für ihre Präsentation bemalten. Kaum in den Raum NH 3 geschritten, pinnt Jana Stolz ihr Blatt ans Gestell und hält einen gut strukturierten Vortrag - kurz, klar, mit Biss - so wie man es in Managerkreisen gern hat.Am Ende gehört sie zu jenen, die in das Studienkolleg aufgenommen werden. Sie wird ein Stipendium erhalten und über ungefähr drei Jahre an vielen Veranstaltungen teilnehmen, darunter jährliche einwöchige Akademien und mehrere Seminare. Die Referenten kommen aus Schule und Wirtschaft. Obwohl das Schulmanagement noch nicht zu den Themen der Lehrerbildung gehört, arbeitet das Studienkolleg eng mit den Hochschulen zusammen.Am Abend, bevor es wieder nach Hause geht, stehen dann noch einige der Studenten an einem der großen Fenster des Schlosses. Jana Stolz erzählt den anderen lachend, die Juroren hätten ihr nahe gelegt, beim Reden nicht andauernd mit den Augen zu rollen. "Davon habe ich gar nichts gewusst." Und Cordula Miosga habe ihr noch gesagt: "Die, mit denen Sie es später zu tun haben, werden nicht so brav sein, wie ihre Kommilitonen".Jana Stolz freut sich schon darauf, einmal eine Schule zu leiten. Sie will Strukturen ändern. Vor allem würde sie offenere, freie Unterrichtsformen einführen, den elenden 45-Minuten-Rhythmus abschaffen. Lachend sagt sie, dass das gar nicht so schwer sei. "Meine erste Aktion wird sein, dass ich ein Tempotaschentuch nehme und in die Klingel stecke!"------------------------------* Namen der Studenten geändert.------------------------------"Ich würde gerne den elenden 45-Minuten-Rhythmus beenden."Eine Lehrerstudentin------------------------------Foto : Pausengespräch: Zwei Lehrerstudentinnen an einer Tür des Schlosses Liebenberg.