Hautarzt Stefan S. hat gestanden. Nach viermonatigem Prozeß räumte er am Freitag vor dem Berliner Landgericht ein, daß eine 18jährige Prostituierte in seiner Wohnung ums Leben gekommen ist und er deren Leiche zersägt hat. Auch die Übergriffe auf drei weitere Frauen gab der 37jährige zu."Ich möchte über vieles sprechen. Über Sachen, die ich noch nicht gesagt habe", beginnt Stefan S. tonlos sein beklemmendes Geständnis, in dem er Ängste preisgibt, intime Geheimnisse und die Gewalt, die von ihm ausging. Es wird eine fast dreistündige Aussage, die zwischen Selbsterkenntnis und Selbstmitleid schwankt, die in ihrer Wortwahl und ihren Details eine erschreckende Gleichgültigkeit offenbart.Mit tonloser Stimme schildert der Angeklagte den Tod der Prostituierten Zsanett S. als Unfall. Im März vergangenen Jahres hatte er die 18jährige vom Strich an der Kurfürstenstraße mit in seine Wohnung genommen. Rollenspiele, die ins Sadistisch-Masochistische abgeglitten, seien "auf ihrem Mist gewachsen", sagt er. "Sie wollte sich auch durchaus drosseln lassen." Sie habe sich wie ein Hund durch die Wohnung führen lassen, mit einem Gürtel als Leine um den Hals. Nasenbluten bekam sie dabei und erbrach.Wie die junge Frau starb, läßt der Angeklagte offen. Er sei für längere Zeit ins Bad gegangen. Als er es verlassen habe, "sah ich sie mit einer Tragetüte in der Hand dasitzen", in einer Babybadewanne. "Sie war ganz offensichtlich tot." Später sei er auf den Gedanken gekommen, von der Toten Fotos zu machen. "Es so zu stellen, daß sie nicht durch das Drosseln umgekommen ist." So, als ob sie leben würde. "Irgendwann habe ich sie aus der Badewanne gekippt", ins Bad. Am nächsten Tag kaufte S. eine Sporttasche, in der er die Tote wegschaffen wollte. "Ich mußte sie zerteilen, halb durchsägen, ihr die Beine und Arme abnehmen." In Richtung Spandau sei er gefahren und habe die "Tasche in einem Müllcontainer ausgeleert". Später habe er das Geschehen verdrängt. "Es existierte nicht mehr."Von Mord und Mordversuchen will S. nicht reden. "Ich habe niemanden umgebracht und es auch nie versucht." Für ihn sind die eingestandenen Angriffe gegen drei weitere Prostituierte, die er drosselte, "purer Affekt". Ausgelöst durch sein Versagen, seine Impotenz und den Spott der Frauen, den er zu erkennen glaubte. "Ich rächte mich." Schilddrüsenmedikamente, die er wegen einer Abmagerungskur "in bis zu zwölffacher Dosierung" genommen habe, hätten ihn zudem in einen Rausch versetzt.Ist es ein ehrliches oder ein taktisches Geständnis, eine Flucht nach vorn, um in eine Klinik eingewiesen zu werden? Eine Frage, mit der sich der psychiatrische Gutachter vermutlich am kommenden Prozeßtag am 1. April auseinandersetzen muß. Für Staatsanwalt Hartmut Schneider ist die Aussage schon jetzt "eine Geschichte mit Versatzstücken von Wahrheit und Unwahrheit". Der Angeklagte nennt ein anderes Motiv. "Ich erzähle es, weil meine Angehörigen ein Recht haben zu wissen, was passiert ist", sagt er. Zum ersten Mal versagt seine Stimme. Stefan S. weint. +++

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