Vor dreizehn Jahren trat Klaus Wowereit sein Amt an, dreizehn Jahre, in denen sich sein Ruf verschlissen hat. Ganz im Gegensatz zu der Stadt, die er regiert. Die kommt aus dem Hoch der internationalen Beliebtheit und damit des wirtschaftlichen Erfolgs noch lange nicht heraus. Die Frage ist: Wie viel hat Klaus Wowereit damit zu tun? Wer jetzt schon eine Bilanz seiner Amtszeit ziehen will, muss mehr in den Blick nehmen als das Flughafendebakel, das Glatteis von 2010, als der Senatschef die vielen Knochenbrüche auf nicht geräumten Gehwegen zu verantworten hatte, und die miese Lage der Berliner SPD.

Es wäre eine Untertreibung zu behaupten, seit 2001, seit Klaus Wowereit Eberhard Diepgen ablöste, habe sich Berlin zum Vorteil entwickelt. In Wahrheit hat die Stadt ein Wunder erlebt, einen Wechsel der öffentlichen Laune ins Heitere, den niemand ihr zugetraut hätte. Eine fast südländische Entspanntheit, aber auch große Neugier bestimmt inzwischen den öffentlichen Raum; selbst an so ungemütlichen Orten wie dem Potsdamer Platz bewegt sich inzwischen viele Menschen in so interessanter Mischung, dass man unwillkürlich langsamer geht, um die Stadt ein paar Augenblicke länger zu genießen. Man lebt hier, wo andere Urlaub machen.

Gute Laune, eine Lust am engen Beieinandersein, nicht nur der unausbleibliche Groll darüber – davon lebt der Ruf einer Stadt: San Francisco, Amsterdam, Rom, Paris zehren auf jeweils ganz verschiedene Weise davon und inzwischen auch Berlin.

Gute Laune lässt sich nicht administrativ anordnen. Insofern scheint es lächerlich zu sein, dem Regierenden Bürgermeister den mentalen Aufschwung der Stadt auf die Habenseite zu schreiben. Es sind der Mauerfall und damit einhergehend ein ungewöhnliches Plus an Lebenserfahrung, der Zuzug an neugierigen Menschen, die von außen neu belebte Kulturszene, die soziale Durchlässigkeit, ein neues Bürgertum, kurz: der alles in allem geglückte Wandel zur tatsächlichen Hauptstadt, der Berlin so gut bekommen ist. Was soll Wowereit damit zu tun haben?

Arm: Zustandsbeschreibung, sexy: Arbeitsauftrag

2003 hatte er erstmals eine Selbstdefinition der Stadt formuliert, die ihren Bürgern wirklich behagte: arm, aber sexy. Ersteres war eine Zustandsbeschreibung, letzteres ein Arbeitsauftrag. Sexy ist man nicht nur, man muss es auch bleiben. Und was heißt überhaupt sexy?

„Arm, aber sexy“ wurde zu Recht legendär, weil der Spruch die Lebensqualität anders definiert, als man dies von einem Bürgermeister erwartet. Gemeint war ja nicht nur die Attraktivität für Besucher von außen, sondern die Lebenslust, die sich die Bewohner untereinander bereiten. Und um die Art, wie sie ihre Probleme lösen. Hier gab es eine Menge zu tun. Verbiesterung, diese traditionelle Bürde der Berliner Lebensart, ist der Feind jeder Sexyness, jeder sozialen Erotik. Wowereit, dessen Durchhaltevermögen beim Aktenstudium jahrelang immer wieder gerühmt wurde, wollte dabei wenigstens Spaß haben. „Sparen, bis es quietscht“, lautete seine Parole für den Öffentlichen Dienst, und auf so komische Weise sinnlich kam ihm das Gemeinwesen offenbar auch vor.

Nicht Bürger-, sondern Partymeister hieß es oft hämisch. Wowereit lebte die Erotik vor, die er der Stadt zuschrieb. Und die wollte sexy sein, war stolz auf sein Outing als Homosexueller, erkannte in ihm ein Wahrzeichen der Stadt. In seinen großen Zeiten fanden seine Bürger ihn zum knuddeln, er schien das Wappentier der Stadt auf moderne Weise zu verkörpern. In der Oper sah man ihn, am häufigsten aber in der Bar jeder Vernunft, im Tipi, bei der Verleihung des Teddy Award, des schwul-lesbischen Filmpreises. Er wertete allein dadurch die melancholisch-leichte Muse auf, die das Markenzeichen der 20er-Jahre war und die heute in der Clubszene Berlins ihre zeitgenössische Transformation durchmacht. Auch hier verkörpert Wowereit durchaus Berliner Tradition und Volksseele. Was die Repräsentanz der Stadt nach innen und außen angeht, war Klaus Wowereit ein Segen wie nur Willy Brandt in der Reihe seiner Vorgänger.

„Arm, aber sexy“. Wowereits bekanntestes Zitat markiert irgendwo zwischen Zustandsbeschreibung und Wunschvorstellung, dass in Berlin nicht die Herkunft, nicht der soziale Status entscheidet, sondern der Esprit, die Ideen, die Kreativität, die man mitbringt. Es legt die Betonung auf das Überraschende der Stadt und ihrer einzelnen Bewohner, auf die Vielfalt, die es in den Straßen knistern lässt, und auf die Chancen, die sie jedem gibt. Noch ist die soziale Durchlässigkeit in Berlin relativ hoch, höher jedenfalls als in München oder Hamburg. Reich werden und sexy bleiben, das ist der Arbeitsauftrag, den sich seine Nachfolger schon mal in ihr Pflichtenheft schreiben können.