Die Jugend der DDR schickte ihr Hunderttausende Postkarten ins Gefängnis. John Lennon und die Rolling Stones schrieben Songs auf sie. Ihr schmales Gesicht, umrahmt von der Afro-Frisur, zierte Plakate und Sticker. Als sie endlich aus der Haft entlassen wurde und 1973 auch in die DDR kam, wirkte es seltsam, sie zu sehen. Die Ikone war plötzlich real: eine große, schlanke Frau mit lässig-anmutigen Bewegungen und einer Stimme voll leidenschaftlicher Melodik.Am Montag wird Angela Yvonne Davis 65 Jahre alt. Sie lebt in einem Haus in Oakland/Kalifornien mit ihrer Partnerin, einer Dozentin der University of Santa Cruz. Hier unterrichtet auch Davis als Professorin, mittlerweile emeritiert. "Sie ist sehr zugänglich", sagt eine Berliner Studentin, die 2007 bei ihr ein Seminar über Theorien der Sklaverei belegte. Sie erzählt, wie sich Angela Davis bei einem Studentenprotest für eine Studentin einsetzte, die wegen politischen Protests exmatrikuliert werden sollte. Ähnlich war es ihr selbst 1969 ergangen. Der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan hatte die junge Professorin gefeuert, weil sie bei den Black Panthers und Mitglied der Kommunistischen Partei war.Anders als Condoleezza Rice, die aus demselben schwarzen Viertel in Birmingham, Alabama, stammt wie sie, fordert Davis eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Nachdem sie 1991 aus der reformresistenten KP der USA austrat, engagierte sie sich bei den amerikanischen Grünen und bei einer Organisation für Demokratie und Sozialismus. Bis heute sieht sie sich als Marxistin und greift in Reden, Aufsätzen, Büchern immer wieder den "gefängnis-industriellen Komplex der USA" an. Er produziere "einen Zustand, der der Sklaverei sehr ähnlich ist", sagte sie Ende 2008. Vor allem "Afro- und Latinoamerikaner" würden weggesperrt, um "die Illusion zu vermitteln, soziale Probleme könnten gelöst werden". Die Industrie profitiere von billigen Arbeitskräften. Das belegte sie 1998 an Firmen wie IBM, Microsoft oder Boeing. Angela Davis ist auch Sprecherin der Kampagne gegen die Todesstrafe. Ihre Erfahrung von 1970 bis 1972, als sie wegen "Unterstützung des Terrorismus" angeklagt war, motiviert sie noch immer.In den letzten Jahren kehrte sie mehrfach nach Berlin zurück. 2005 sprach sie auf einem Rosa-Luxemburg-Kongress. Und schon 2003 war sie gekommen, um ihren Lehrer Herbert Marcuse neben Fichte und Hegel zu Grabe zu tragen. Bei dem Philosophen hatte sie 1967 an der Uni in San Diego ihren Abschluss gemacht. An den neuen US-Präsidenten Barack Obama knüpft sie keine Heilserwartung. "Er steht für die Verkörperung der Farbenblindheit", meint sie. "Es ist die Vorstellung, dass wir den Rassismus überwunden haben, indem wir die Rasse nicht mehr berücksichtigen". Sie wird Obama daran messen, was er für die Gerechtigkeit tut, vor allem gegen den "gefängnis-industriellen Komplex". ------------------------------Foto: Angela Davis, Professorin und unermüdliche Aktivistin