Berlin - Am Ende geht alles ganz schnell. Routiniert spricht die Frau im schwarzen Hosenanzug die Eidesformel, steigt die Stufen hinunter vom Bundestagspräsidium zur Regierungsbank, schiebt den blauen Stuhl etwas nach hinten und nimmt Platz. Es ist 12.05 Uhr, Deutschland hat wieder eine Kanzlerin. Die lächelt und nickt zufrieden, als wolle sie sagen: „Da bin ich also wieder.“ Es ist zum dritten Mal Angela Merkel.

Vorausgegangen ist eine längere Zeremonie: Die Regierungschefin muss erst vom Parlament gewählt werden. Dann wird sie vom Bundespräsidenten ernannt. Erst dann kann sie den Schwur auf die Verfassung leisten. Viel Zeit also, in der wenig passiert und eine gute Gelegenheit, das Geschehen im Plenarsaal genauer zu beobachten.

Daran, dass die Linkspartei ziemlich an den Rand gedrückt wirkt, die Grünen zwischen den großen Blöcken von Union und SPD regelrecht eingeklemmt sind und die FDP-Bank komplett verschwunden ist, hat man sich fast schon gewöhnt. Ungewohnt wirkt das fröhliche Miteinander der schwarzen und roten Abgeordneten beim Wahlgang. Während die Namen einzeln aufgerufen werden, gratuliert Merkel herzlich der neuen SPD-Fraktionsgeschäftsführerin Christine Lambrecht. Unions-Fraktionschef Volker Kauder gesellt sich dazu, und SPD-Chef Sigmar Gabriel plaudert an der Bundesratsbank mit CSU-Chef Horst Seehofer.

Merkels Mutter auf der Ehrentribüne

Von der Ehrentribüne verfolgt Merkels 85-jährige Mutter Herlind Kasner das Geschehen. Ihr Ehemann Joachim Sauer bleibt dem Amtsantritt wie schon bei den beiden Malen zuvor fern. Dafür ist Ex-Vizekanzler Guido Westerwelle gekommen. Der FDP-Mann wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Auch unten im Parkett hat gnadenlos der politische Selektionsprozess eingesetzt: Mit Peter Ramsauer, dem aus dem Kabinett katapultierten CSU-Verkehrsminister, mag niemand reden. Der glücklose Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, sitzt ebenfalls ziemlich lange allein herum, bis ihn endlich der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in ein Gespräch verwickelt. Ex-Familienministerin Kristina Schröder schießt Erinnerungsfotos von der Kanzlerin.

Derweil ist Merkel schon mit dem Regieren beschäftigt. Einmal steht sie mit Gabriel und Seehofer zusammen, was ein Online-Dienst gleich zum ersten Treffen des Koalitionsausschusses hochstilisiert. Interessanter ist eine längere Unterhaltung mit den Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Horst Seehofer (CSU), Torsten Albig (SPD) und Erwin Sellering (SPD). Ihre wichtigsten Vorhaben kann die Kanzlerin nicht ohne den Bundesrat durchsetzen. Manch einer in den Fraktionen von Union und SPD fürchtet daher, dass die eigentliche große Koalition zwischen Merkel und den Ländern geschlossen wird.

Nach einer guten Stunde ist das Ergebnis da: Von 631 Abgeordneten haben 462 für Merkel gestimmt. Zieht man krankheitsbedingte Abwesenheiten und Enthaltungen ab, dann haben mindestens 23 schwarz-rote Parlamentarier mit Nein votiert. 2005 waren es noch mehr gewesen.

„Kommen Sie her, Frau Nahles“

Trotzdem ist das ein kleiner Schönheitsfehler. Bei den Genossen beteuert man, dass die Abweichler keinesfalls alleine aus den eigenen Reihen kämen. Schließlich habe Merkel am Vortag mit einem trocken-humorvollen Auftritt in der SPD-Fraktion mächtig Sympathien gewonnen. Auch ihr Angebot, man könne sich mit Problemen an sie direkt wenden, beeindruckte viele Abgeordnete.

Ohnehin zeigt sich die Kanzlerin von ihrer unprätentiösen Seite. Die SPD hatte ihr im Wahlkampf vorgeworfen, keine Richtung zu haben. Doch beim Gruppenfoto in Schloss Bellevue irrt zunächst die neue Sozialministerin Andrea Nahles etwas orientierungslos durch den Saal. „Kommen Sie her, Frau Nahles“, ruft ihr Merkel jovial zu.

Am Nachmittag nehmen Nahles, Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier erstmals auf der Regierungsbank des Bundestags neben Merkel Platz. Es ist ein ungewohntes Bild. Die Stimmung wirkt bestens. „Es ist ein toller Tag“, sagt Nahles. „Ich bin 43 Jahre alt und Arbeitsministerin. Warum sollte ich nicht fröhlich sein?“