BERLIN, 17. August. Die CDU ist eine gut organisierte Partei. Lange bevor das neue Kompetenzteam der Kanzlerkandidatin die Bühne im Konrad-Adenauer-Haus betritt, ist schon klar, wer wo zu stehen hat. Kleine weiße Papierschilder mit den Namen der neun Aufrechten kleben auf dem grauen Teppichboden, vier in der ersten Reihe, fünf dahinter. So weit, so gut. Wo und wie aber Angela Merkel und Edmund Stoiber stehen werden, das ist nicht so klar, denn es ist nicht festgelegt. Aber es ist wichtig. Aus solchen Kleinigkeiten lässt sich einiges herauslesen über interne Hierarchien, über das Kräfteverhältnis der beiden Vorsitzenden von CDU und CSU. Man darf gespannt sein.Für 12.30 Uhr ist die lang erwartete Präsentation dieser Mannschaft angekündigt. Um 12.20 Uhr schiebt der CSU-Landesgruppenchef Michael Glos sich durch die versammelten Journalisten in Richtung Ausgang. Er bleibt fast unbemerkt, denn er spielt heute keine Rolle. Er gehört nicht zum Kompetenzteam. Er werde aber nach der Wahl eine "umfassende Aufgabe" wahrnehmen, wird Angela Merkel später über ihn sagen.Um 12.35 Uhr erscheinen sie im Hintergrund des Foyers und streben fast ein wenig zögerlich auf die Bühne: Angela Merkel, Edmund Stoiber und die neun Kompetenten. Die nehmen brav ihre Plätze schräg rechts auf der Plattform ein. Angela Merkel aber geht zu einem der drei Mikrofone vorn an der Bühne, Edmund Stoiber bleibt einen halben Schritt zurück und dort stehen. Aha. Demonstrativer Respekt vor der Kanzlerkandidatin, die hier und heute die Chefin ist. Nicht nur, weil dies die Parteizentrale der CDU ist, sondern weil sie die Herausforderin des Kanzlers ist. Sie allein.Dies soll ihre Stunde sein. Ein neuer Startversuch nach den eher unglücklich verlaufenen letzten Wahlkampfwochen. Aber ist es auch eine große Stunde? Man hätte sich Musik vorstellen können, Fanfaren, Konfetti für das Team, das angetreten ist, Deutschland in eine bessere Zukunft zu führen. Die CDU hat auf jede Inszenierung verzichtet. Es ist eine sehr nüchterne Vorstellung von sechs Männern und drei Frauen, die allesamt wohl bekannt sind. Angela Merkel beschwört den Ernst der Stunde. Sie zeichnet so auch einen deutlichen Kontrast zu den Auftritten Gerhard Schröders in diesen Tagen, die von einem heiteren und gelassenen, ein wenig ironisch gefärbtem Optimismus geprägt sind. Nein, sagt seine Herausforderin, die Lage ist dramatisch. "Dies ist die schwerste Krise Deutschlands seit Gründung der Bundesrepublik."Aber Hilfe naht. Sechs Männer und drei Frauen stehen bereit, ihr Bestes zu geben, die Krise zu überwinden. Weil die CDU eben eine gut organisierte Partei ist, gibt es für jeden von ihnen nicht nur einen Stehzettel auf der Bühne, sondern auch eine Karteikarte in der Hand der Kanzlerkandidatin. Nacheinander präsentiert sie nun ihre Mannschaft, alphabetisch nach ihren Zuständigkeitsbereichen von Aufbau Ost mit Dieter Althaus bis zu Wirtschaft und Arbeit mit Peter Müller. Auch das erledigt Merkel eher geschäftsmäßig, ohne allzu große Worte der Begeisterung und Lobpreisung. Es ist eher so, dass ihre Neigung zu bürokratischen Floskeln durchschimmert, wenn sie etwa erklärt, Althaus solle auch nach der Wahl die Rolle eines Vertreters der neuen Länder "durchführen", und im Kabinett werde es eine "regelmäßige Befassung" mit diesen Themen geben, und zwar genau vier Mal im Jahr.Immerhin, die Kompetenzler lächeln wenigstens, wenn sie von Merkel angesprochen werden. Am strahlendsten kann dies zweifellos Ursula von der Leyen, die ohnehin den fröhlichsten Eindruck dieser ansonsten doch recht mürrisch von der Bühne blickenden Gruppe macht. Liegt das vielleicht am Ernst der Lage und der damit verbundenen Bürde, die die potenziellen Mitglieder eines Krisenbekämpfungskabinetts bereits verspüren?Es ist eben Schluss mit lustig in Deutschland. Der vehementeste Vertreter dieser Sicht der Dinge ist ohne jeden Zweifel Edmund Stoiber, vor allem, wenn es um die Dinge außerhalb Bayerns geht.Was also macht Edmund Stoiber in dieser wichtigen Stunde der Kanzlerkandidatin Angela Merkel?Stoiber steht immer noch einen halben Schritt hinter ihr. Er tritt von einem Bein auf das andere. Er schaut nun wirklich mürrisch - mal hinauf in das sechs Etagen hohe Atrium des Adenauer-Hauses. Mal in die Menge der Journalisten. Mal in sein Redemanuskript. Wird er denn eine Rede halten?Um 12.50 ist Angela Merkel mit ihrer Vorstellung am Ende. Sie betont noch einmal, dass zwar alle bis auf Dieter Althaus für ihr Kabinett zur Verfügung stünden, dies aber mit Rücksicht auf den Koalitionspartner natürlich kein Schattenkabinett sein könne. Und dass ihre Auswahl keine Entscheidung gegen irgendjemanden sei. So viel muss zur Wahrung des innerparteilichen Friedens auch gesagt werden. Klar sei jedenfalls: "Wir sind eine starke Truppe."Aber ist das wirklich so? Ist dies wirklich das Beste, was die Union an Kompetenz, Erfahrung und Brillanz aufzubieten hat? Es mag gute Gründe geben, weshalb Angela Merkel mit Friedrich Merz und Horst Seehofer zwei der profiliertesten Fachpolitiker der Union nicht zur Verfügung stehen. Aber sie fehlen eben. Noch auffälliger ist die Abwesenheit der mächtigsten, profiliertesten und populärsten Ministerpräsidenten der CDU, von Roland Koch und Christian Wulff, Jürgen Rüttgers und Ole von Beust. Da es sich bei dem Team eben nicht um ein Schattenkabinett handelt, könnten sie leicht dort mitarbeiten, ohne ihre Zukunft in ihren Ländern aufzugeben. Stattdessen trifft man in dem Team alte Bekannte aus der Ära Kohl wieder: Wolfgang Schäuble, Günther Beckstein, Gerda Hasselfeld.Aber dann ist da noch der Außenseiter. Paul Kirchhof, der ehemalige Verfassungsrichter, der radikale Steuerreformer. Der einzige, mit dem Merkel wenigstens eine kleine Überraschung gelungen ist. Er wirkt wie der freundliche ältere Herr, der er ja auch ist. Aber auf eine erfrischende Art und Weise. Schon seine erste, recht ausführliche Antwort auf eine Journalistenfrage gerät zu einer kleinen Vorlesung über das deutsche Steuerrecht - die freilich so geschliffen und präzise daherkommt, dass es eine Freude ist, ihm zuzuhören. Ob er auch einmal auf Wahlkampfveranstaltungen der CDU auftreten wird? Das würde er nun eher bezweifeln, antwortet der Professor. Aber als Schütze den Ball vom Elfmeterpunkt ins Tor schießen, das werde ihm Spaß machen.Dies ist nun freilich die Rolle, in der sich gewöhnlich eher Edmund Stoiber sieht. In seiner Sicht hat er ja die ganzen letzten Wochen nichts anderes getan, als ständig aufs Tor zu schießen. Dass in der CDU viele finden, er habe dabei auf das eigene Tor gezielt, hält er für völlig abwegig. Aus einem Nebensatz Merkels ist zu erfahren, dass vor dem wichtigen Kompetenzteam die offenbar noch wichtigere "Entscheiderrunde" getagt hat. Dort sei über Qualität und Planung des Wahlkampfs gesprochen worden, sagt sie, und das muss doch Wirkung bei Stoiber hinterlassen haben.Er hält tatsächlich noch seine Rede. Eine kleine, eine ganz kleine sogar. Zwei Minuten spricht er, und das auf eine Weise, als rede er mit angezogener Handbremse. In einem eigenartig reduzierten Sprechtempo, mit sorgfältig gewählten und zur nochmaligen Sicherheit genauestens vom Zettel abgelesenen Worten beklagt er das Versagen der Regierung Schröder, die leeren Versprechen der "populistischen Schaumschläger" und erklärt: "Die Zeit ist reif für einen Wechsel, für den Wechsel zur Union." Da klatschen die Mitarbeiter der CDU. Und schon steht Edmund Stoiber wieder direkt neben Angela Merkel.------------------------------"Über seine Rolle haben wir gemeinsam - und jeder für sich alleine - oft gesprochen ..."Angela Merkel über Edmund Stoiber------------------------------Foto: Die Lage im Land ist dramatisch, sagt Angela Merkel bei der Vorstellung ihres Kompetenzteams in Berlin. Die Wahlmannschaft der CDU-Chefin und Kanzlerkandidatin soll bei der Bevölkerung Hoffnung für eine bessere Zukunft wecken.