Die polnischen Offiziere sterben mit einem Gebet auf den Lippen. "Vater unser im Himmel ... geheiligt werde dein Name ... unser täglich Brot gib uns ... " murmeln sie, angsterfüllt, während sie von Sowjetarmisten gefesselt werden: Erst zieht man den Polen eine Schlinge über den Kopf, dann zurrt man ihre Hände auf dem Rücken zusammen; man stößt sie die wenigen Schritte an den Rand der Grube im Wald von Katyn, wo ein Armist die Pistole hebt. Kopfschuss, es geht schnell. Wieder fällt ein lebloser Körper auf andere ebenso leblose Körper.Andere Polen, hochrangigere wie der namenlos bleibende General, werden in den Keller einer Villa im Wald geführt. Während sie noch die frischen Blutspuren an den Wänden wahrnehmen, ist es auch schon vorbei mit ihnen. Revolver, Kopfschuss. Immer wieder mutet uns der Regisseur Andrzej Wajda diese Bilder seriellen Tötens zu in seinem Film "Katyn". 1940 wurden in der Nähe dieses Ortes 22 000 polnische Offiziere, Polizisten und Intellektuelle von den Sowjets massakriert. Die politische Grundlage dieses Massakers war der Hitler-Stalin-Pakt von 1939: Während die Deutschen an der Westgrenze Polens einmarschierten, besetzte die Sowjetunion die östlichen Provinzen Polens. Sie nahm polnische Offiziere und Akademiker kriegsgefangen, obwohl kein Krieg erklärt worden war zwischen Polen und der Sowjetunion; die Sowjets hatten im übrigen die Genfer Konvention nicht unterzeichnet. In Katyn wurden Unbewaffnete ermordet. Andrzej Wajdas Vater war unter den Opfern.Wie Polen von Deutschland und der Sowjetunion in die Zange genommen wurde, macht gleich die erste Szene von "Katyn" überdeutlich: Polnische Männer, Frauen, Kinder flüchten über eine Brücke, sie haben die deutschen Truppen im Rücken und russische vor sich. Anna Jan (Maja Ostaszewska) sucht mit ihrer kleinen Tochter Nika nach ihrem Ehemann Andrzej (Artur Zmijewski), der bereits von den Russen festgesetzt wurde und die Flucht seiner Offiziersehre wegen ablehnt. Er nimmt Abschied.Dies kann nur der Beginn einer Leidensgeschichte sein; historische Verbürgtheit macht sie zu nationalen Tragödie. Nach der Deportation der Männer werden auch deren Frauen und Kinder von den Sowjets abgeholt. Einer von ihnen ermöglicht Anna und Nika die Flucht; statt des guten Deutschen gibt es hier den einen guten Russen - überhaupt wird in diesem Film von Beginn an eine offensichtliche Parallele zwischen den beiden Nationen etabliert: Während die Sowjetarmisten also auch die Angehörigen der polnischen Offiziere schikanieren, deportieren - und vermutlich ermorden -, schicken die Deutschen das gesamte Professorenkollegium der Krakauer Universität nach Sachsenhausen. Die Familie Jan verliert nicht nur den Offizier Andrzej, sondern auch dessen gelehrten Vater.In den Bildern des seriellen Mordens bei Katyn, am Ende des Films, wird diese Parallele nur konsequent durchgeführt. Und doch muss man dieses Ende falsch finden, weil es den Mördern noch einmal Macht verleiht. Das Massaker von Katyn wurde mehrfach instrumentalisiert: Goebbels Propagandaministerium benutzte die Bilder der 1943 bei Katyn exhumierten Leichen, um damit die Gräueltaten (und das waren sie ja auch) der Russen anzuprangern. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die bei Katyn verübten Verbrechen von sowjetischer Seite wiederum den Deutschen angelastet. Im kommunistischen Polen war Katyn zwangsläufig ein Tabu, dessen Einhaltung staatlicherseits mit allen Mitteln sicher gestellt wurde. In Katyn gestorben - das durfte auf keinem Grabstein stehen.Das alles zeigt Wajdas Film - man kann ihm durchaus vorwerfen, dass er zu viel zeigt und sich dabei verliert. Aber "Katyn" ist eben nicht einfach ein Film oder ein Requiem für die Opfer, das danach fragt, welche Seite man wählt durch das eigene Verhalten: die der Mörder oder Ermordeten. "Katyn" ist mehr - ein multinationales Politikum. Dass Angela Merkel gestern die Berlinale-Premiere von "Katyn" besuchte, sollte ein Zeichen setzen, deutsche Mitschuld bekennen und dabei nach vorn weisen. Denn dieser Film ist auch die Apotheose des Jahrhunderte alten Traums von einem freien Polen; letztlich ist es eine des Glaubens. Krzysztof Pendereckis "Polnisches Requiem" spielt eine wesentliche Rolle (auch der Komponist verlor Angehörige bei Katyn). Als Vermächtnis seines 81-jährigen Regisseurs muss man "Katyn" respektieren. Nach der Filmvorführung am Freitagmorgen wurden Beifall und Rufe laut: "Schande über Russland! Schande über den Kommunismus!"Katyn 16. 2.: 9.30 + 22.30 Uhr, Urania; 20 Uhr, International------------------------------Foto: 1943 fand man die Massengräber von Katyn. Anna (Maja Ostaszewska) sucht in den Opferlisten den Namen ihres Mannes.