WEIMAR/DRESDEN. Es wirkt fast wie ein Kniefall. Als Barack Obama sich niederbeugt, um eine weiße Rose auf die schlichte Metallplatte zu legen, sieht es so aus, als wolle sich der US-Präsident vor den Opfern verbeugen. Dann steht er auf, faltet seine Hände vor dem Körper und harrt einige Minuten lang aus.Es ist der bewegendste Moment von Obamas Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Knapp eine Stunde lang besichtigt der US-Präsident an diesem Freitag gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel das Konzentrationslager. Zusammen legen sie Blumen nieder, besuchen das Krematorium und laufen über den steinigen Weg zu einem der schlimmsten Orte des KZ, dem "Kleinen Lager". Als Obama am Ende der Tour an das Mikrofon vor dem Tor tritt, wirkt er bewegt: Selbst ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust habe der Ort nichts von seinem Grauen eingebüßt, sagt Obama und verspricht: "Ich werde niemals vergessen, was ich hier gesehen habe."Dass es Obama bei seiner zweiten Reise als Präsident nach Deutschland ausgerechnet nach Buchenwald zieht, hat familiäre Gründe. Sein Großonkel Charles Payne hat mit einer Einheit am 5. April 1945 Ohrdruf, ein Außenlager von Buchenwald, befreit. Wie für viele GIs war es auch für ihn ein einschneidendes Erlebnis. "Das, was dieser junge Mann gesehen hat, er war nicht älter als neunzehn, hat ihn so erschüttert, dass er Schwierigkeiten hatte, sich nach dem Ende des Krieges wieder an das zivile Leben in den USA zu gewöhnen", sagt Obama in Buchenwald.Bis auf die Knochen abgemagerte Menschen, Leichenberge - diese Schrecken, die seinen Großonkel so erschütterten, kann Barack Obama bei seinem ersten Besuch in einem KZ nur erahnen. Das Mahnmal des "Kleinen Lagers" wirkt fast idyllisch. Die sattgrünen Blätter der Baumwipfel rauschen im Wind. Vögel zwitschern, und es herrscht eine merkwürdige Stille. Der samtweiche beige Sandstein des Mahnmals, das von einem ehemaligen Häftling entworfen wurde, fügt sich harmonisch in die Umgebung ein.Das "Kleine Lager" war der grausamste Ort. In zwölf fensterlosen Ställen, jeweils für fünfzig Pferde vorgesehen, vegetierten Tausende Häftlinge. Vor den Holzbaracken türmten sich die Toten. "Durst", "Verhungern", "Seuchen" und "Leichenberge", diese in schwarze Marmortafeln gemeißelten Worte liest Obama wie jeder Besucher.Dennoch wirkt es seltsam, Obama in einem KZ zu sehen. Der Zweite Weltkrieg, Nationalsozialismus oder der Kalte Krieg, diese Vergangenheit will irgendwie nicht zu dem Mann passen, der mit so großen Schritten in die Zukunft eilt.Als Obama erstmals von den Erlebnissen seines Großonkels im Zweiten Weltkrieg sprach, behauptete er, dieser habe Auschwitz und Treblinka befreit. Seine Gegner warfen ihm damals mangelndes Geschichtswissen vor. Heute weiß Obama, dass er dieses Geschichtsbewusstsein braucht.George W. Bush besuchte 2003 wenige Wochen nach dem Beginn des Irak-Kriegs das frühere Vernichtungslager Auschwitz, um dann später im jordanischen Akaba seinen neuen Friedensplan vorzustellen. Nun ehrt Obama nach seiner Rede in Kairo, in der er einen Neuanfang der Beziehungen zwischen den USA und der muslimischen Welt forderte, die Holocaust-Opfer in Buchenwald.Dort steht Obama stumm neben Elie Wiesel und hört ihm konzentriert zu. Er hat die Hände auf dem Rücken verschränkt und legt die Stirn in Falten. Angela Merkel steht daneben und hört ebenfalls zu. Hin und wieder beteiligt sie sich an dem Gespräch. Doch meist sind Obama und Merkel in Buchenwald die Zuhörer. Der Amerikaner und die Deutsche scheinen von diesem Ort des Schreckens gleichermaßen überwältigt zu sein.Als die beiden später vor dem Tor des Konzentrationslagers vor die Kameras treten, versprechen sie einstimmig, den Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz fortzusetzen. Merkel bedankt sich bei Obama und den Amerikanern für deren "Blutzoll", den sie erbracht hätten, um die Welt vom Nationalsozialismus zu befreien. Buchenwald, so erklärt Obama, sei die Widerlegung all jener, die den Holocaust leugnen wollten. Und Merkel sagt, sie verneige sich vor den Opfern und werde dafür sorgen, dass in Deutschland niemand vergisst.Doch die Worte der beiden Regierungschefs wirken schwach gegenüber denen des Überlebenden. Mit Tränen in den Augen erinnert sich Elie Wiesel an die "dunkelste Stunde" seines Lebens in Buchenwald - den Tod seines Vaters. Er habe miterlebt, wie sein Vater starb, und ihm nicht helfen können, obwohl er im Bett über ihm lag. "Ich habe zu viel Angst gehabt, mich zu bewegen", sagt Wiesel. Die Welt habe nichts gelernt aus den Schrecken in Buchenwald. "Wie kann es sonst ein Darfur, ein Ruanda und ein Bosnien geben?" Doch Wiesel lobt Merkel als "kluge Führerin" und versichert dem amerikanischen Präsidenten, dass seine Hoffnung auf ihm liege.Es sind die letzten emotionalen Momente eines Besuchsprogramms, das am Morgen in Sachsens Landeshauptstadt mit nüchterner Politik begonnen hat. Es ist 8.43 Uhr, als Angela Merkel in einer Limousine vor Obamas Hotel im Taschenbergpalais in Dresden vorfährt. Mitbekommen sollen das offenbar so wenige wie möglich. Außer sehr vielen Sicherheitsbeamten und sehr wenigen Journalisten ist niemand in das Dreieck zwischen Hotel, Zwinger und Grünem Gewölbe vorgelassen worden.Merkel, gekleidet in dunkler Hose und grellgrünem Jackett, verschwindet flugs im Hotel. Sie wird Obama an diesem Tag nicht etwa vor laufenden Kameras begrüßen. Nein, Merkel macht das unbeobachtet von der Öffentlichkeit. Es war wohl Obama, der das so wollte.Kurz darauf wird die Begegnung des mächtigsten Mannes der Welt mit der mächtigsten Frau Deutschlands dann doch für gefühlte zwanzig Sekunden öffentlich. Merkel und Obama kommen aus dem Hotel und laufen nebeneinander einige Dutzend Meter zum Eingang des Grünen Gewölbes. Beide haben ernste Gesichter. Die ganz große Freude über das immerhin dritte Treffen seit Obamas Amtsantritt Ende Januar wissen sie mimisch gut zu verbergen. Nicht einmal ein kurzes Winken für die Fotografen haben sie übrig.Die beiden Politiker verschwinden in der Schatzkammer des Sachsen-Königs August des Starken, wo sich der US-Präsident in die Goldenen Bücher von Stadt und Land einträgt. Das gehört zwar zum Standardprogramm so eines Besuchs. Doch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz geben sich hellauf begeistert. Ihnen ist es egal, ob das ein Privatbesuch Obamas ist, ein Staatsbesuch oder nur ein kleiner Zwischenstopp des Präsidenten zwischen seiner epochalen Rede in Kairo und seinem Auftritt in der Normandie, wo vor 65 Jahren die Landung der West-Alliierten das Ende des Zweiten Weltkriegs einläutete. Gute Werbung für Stadt und Freistaat ist der 16-stündige Obama-Aufenthalt allemal.Eine Stunde lang sprechen Merkel und Obama im Grünen Gewölbe - erst unter vier Augen, dann im Kreise von Beratern. Wie das Gespräch gelaufen ist, bleibt ein Geheimnis. Doch wenn es so war wie anschließend die Pressekonferenz im Schlosshof, dann verlief es recht nüchtern.Obama steht am Rednerpult an Merkels Seite. Er wirkt müde. Angela Merkel sagt, sie begrüße es, dass Barack Obama in Dresden sei, dieser Stadt, die zu einem Juwel für ganz Deutschland geworden sei. Im Übrigen habe man "die Zeit genutzt, um über die politische Agenda zu sprechen". Der Satz klingt wie aus einer Regierungserklärung.Auf der abstrakten Ebene sind sich Kanzlerin und US-Präsident einig. Der Verhandlungsprozess im Nahen Osten muss vorankommen. Das Atomprogramm des Irans ist ein Problem, das gemeinsam angegangen werden muss. Der Klimawandel muss international bekämpft werden. Ein Ende der Wirtschaftskrise wird es auch nur geben, wenn alle zusammenarbeiten.Auf der konkreten Ebene ist von Merkel und Obama an diesem Tag aber wenig Neues zu hören. Die Kanzlerin sagt dem US-Präsidenten die Unterstützung Deutschlands im nahöstlichen Krisengebiet zu: "Deutschland wird tun, was es kann." Einen Stopp des israelischen Siedlungsbaus, wie ihn Obama während seiner Rede in Kairo gefordert hat, verlangt sie nicht. Auch zur umstrittenen Frage der Aufnahme von Guantanamo-Häftlingen trägt die Kanzlerin nichts entscheidend Neues bei. Sie sagt: "Wer ein gemeinsames Ziel hat, der findet eine gemeinsame Lösung." Obama sagt dazu noch, seine Regierung habe von den Deutschen keine festen Zusagen verlangt, aber auch keine festen Zusagen bekommen.Die Pressekonferenz plätschert dahin - bis zu dem Moment, als Obamas Charisma aufblitzt und deutlich wird, wie sehr sich sein Stil von dem der Kanzlerin unterscheidet. Obama wird gefragt, ob es wilde Spekulationen seien, wonach die einigermaßen turbulente Planung seines Kurzbesuches in Deutschland als Zerwürfnis zwischen der amerikanischen und der deutschen Regierung gewertet werden könne. Ein Lächeln blitzt in Obamas Gesicht auf, er sagt: "Wilde Spekulationen? Die sind in der Tat sehr wild und beruhen nicht auf Fakten."Die Beziehungen zwischen beiden Ländern und den Regierungen seien hervorragend. Dass er nur so kurz in Deutschland sei, sagt Obama, hänge damit zusammen, dass der Tag eben nur 24 Stunden habe. Und das mit dem Spekulieren - "Lassen Sie das, Sie alle! Ich weiß, dass Sie etwas zum Berichten finden müssen, aber wir haben da draußen genügend Probleme", schimpft Obama mit einem breiten Lächeln im Gesicht, er hebt dabei einen Finger und empfängt herzliche Lacher von den Journalisten.Nun muss auch die Kanzlerin etwas dazu sagen: "Es macht wirklich Spaß, mit dem Präsidenten zusammenzuarbeiten." Sie trägt das mit ernstem Gesichtsausdruck vor, dafür gibt es keine Lacher. Gegen den Popstar der internationalen Politik wirkt die Frau aus dem Berliner Kanzleramt spröde. Das sagt nichts über die Inhalte ihrer Politik, aber viel über deren Außenwirkung.Die Pressekonferenz geht zu Ende. Merkel und Obama schütteln sich zum ersten Mal an diesem Tag in aller Öffentlichkeit die Hände. Er fasst ihr an die Schulter, sie berührt seinen Oberarm. Weg sind sie.Kurz darauf sieht man sie zusammen in der Frauenkirche. Sie ist ein Symbol für Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau nach der deutschen Einheit. Kurzzeitig war nicht klar, ob Obama dieses Gebäude besuchen würde. Nun ist er doch gekommen - für einige Minuten nur, aber immerhin. Der Bischof der evangelischen Landeskirche von Sachsen, Jochen Bohl, empfängt die Gäste. Obama und die Kanzlerin haben die Hände wie zum Gebet verschränkt.Richtig gute Freunde werden sie wohl nicht werden. Sie sind sich zwar nicht so fremd, wie Gerhard Schröder und George W. Bush sich waren, aber sie sind sich auch nicht so nah, wie Merkel und Bush es waren. Es ist eine Beziehung, in der die Vernunft das Emotionale schlägt.------------------------------"Wir haben die Zeit genutzt, um über die politische Agenda zu sprechen." Angela Merkel in Dresden"Was ich hier gesehen habe, werde ich nicht vergessen." Barack Obama in Buchenwald------------------------------Foto: US-Präsident Obama und Kanzlerin Merkel im Gespräch mit den Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel (r.) und Bertrand Herz in Buchenwald