Angélica Liddell hält inne. Jetzt kann sie wirklich nicht mehr, denkt man. Aber es war, wieder, nur ein Atemholen. Zur Eröffnung des Festivals In Transit im Haus der Kulturen der Welt gibt die spanische Performerin "El Ano de Ricardo", den Shakespeareschen "Richard III" als zweistündige, furiose One-Woman-Show. Nicht, dass sie sich an den Text halten würde, aber sie lässt nichts aus von dem Bösen, Wahnhaften und moralisch Verfaultem, das der machtgierigste aller Shakespeare-Könige zu bieten hat.Als billiges Kasperletheater fängt es an. Liddell tobt als angesoffenes Punkerwrack über die Bühne und attackiert ihr stummes Gegenüber auf der Bühne (Gumersindo Puche als ihr Diener Catesby). Im Hintergrund stapeln sich Strohballen, zwei mit Blumen bestreute Erdhaufen sind auf dem Boden aufgeschüttet, Bier- und Mineralwasserflaschen stehen herum, unter einem Tuch verbirgt sich ein ausgestopftes Wildschwein. Angélica Liddell lässt die Hosen herunter, wäscht sich die Scham und riecht am Lappen.Beim Festival in Avignon wurde Liddell im vergangenen Sommer für ihren "Ricardo" als die "Schock-Performerin" des Festivals gefeiert. Das soll schockierend sein?, fragt man sich hier verwundert. Da ist man ganz anderes gewohnt. Nicht zuletzt durch die Amerikanerin Ann Liv Young, die an diesem Abend mit einer "Mermaid Show" auch noch auf dem Programm steht.Dem "Spectator", dem Zuschauer ist das diesjährige In Transit Festival gewidmet, das von dem früheren Schaubühnen-Dramaturgen Jens Hillje geleitet wird. Gemeinsam mit der Dramaturgin Irina Szodruch und dem Ko-Kurator Tang Fu Kuen fragt Hillje nach der Politik des Sprechens und der Blicke. Wer darf sprechen? Wie darf man sprechen? Und wie darf man sehen? Um das aufzumischen gibt sich bei dem Festival alles, was gerade Rang und Namen in der Rubrik "Schock-Performance" hat, die Klinke in die Hand. Neben Liddell und Ann Liv Young werden auch Ivo Dimchev und Dave St. Pierre erwartet. Aber der Schock auf der Bühne ist ein probates Mittel, um die Zuschauer darauf aufmerksam zu machen, dass es um etwas Wichtiges, Ernsthaftes gehen könnte bei dem Theater.Auch bei Angélica Liddell sind die albernen Mätzchen zu Beginn nur der Prolog. Liddell lässt sich Zeit, um warm zu laufen, für ihre gewaltigen, nicht endenden Wortströme, ihre wahnhaften, zynischen Fantasien über Macht und Politik, Demokratie und Krieg. Über Präsidenten, Nixon, Busch, Blair, Zapatero, Franco, Hitler. "Oh, habe ich da Diktatoren mit demokratisch gewählten Präsidenten verglichen", fragt sie höhnisch ins Publikum, das sie mit ihrer manischen Performance wie ein Diktator in Besitz nimmt. Und es nicht entlässt. Weil das Böse eine gewaltige Energie ist und die Lust an der Manipulation auch noch aus Liddells Lippen kriecht als sie sich schon wie ein zertretener Wurm am Boden windet.Das berühmteste Foto des Vietnamkriegs, in dem das Mädchen Kim Phuc nackt und von Napalm verbrannt auf den Betrachter zuläuft, steht in drei Teile zerschnippelt auf den Strohballen und Liddell, der gekrümmte Punk lässt mit päderastischer Gier die gelbe Flüssigkeit aus ihrer Bierflasche an den Beinen des Mädchens entlang rinnen. Weint doch! - scheint sie gackernd ihrem Publikum zuzurufen. Vorn sitzt mit einem schwarzen Lappen über den Kopf Gumersindo Puche. Von fern erinnert das an ein anderes Bild, Abu Ghraib. Liddells "Ricardo" ist als Reaktion auf den Irakkrieg entstanden, daraus speist sich die nicht enden wollende Wut. Klar wirft Liddell reichlich mit Plattitüden um sich, doch geht es am Ende um etwas sehr Wahres: Um den Zynismus unseres Mitgefühls.Noch ganz benebelt geht es weiter zu Ann Liv Young, die im Foyer als Mermaid in einer Plastikwanne sitzt, mit dem Mund einen Fisch zerfetzt bis die blutigen Eingeweide auf dem Boden liegen. Sie terrorisiert ihre Assistenten, weil nichts klappt: Die Musikeinsätze sind falsch, der riesige Fischschwanz, in dem ihre untere Körperhälfte steckt, hält nicht richtig. Das Publikum wartet, hofft, giert. Schließlich ist Ann Liv Young das Bühnenmonster schlechthin. Aber verrechnet - das war es für dieses Mal.-----------------------In Transit: 17. 6.: Branch Nebula, "Sweat" um 19.30 Uhr, Ivo Dimchev "I-On" um 21 Uhr, Dave St. Pierre "Libido" um 22.30 Uhr. 18. 6.: Panels und Performances von 12 Uhr bis 4.47 Uhr, Karten: 39 78 71 75------------------------------Foto: Die Amerikanerin Ann Liv Young mit ihrer Meerjungfrauenshow