In ihrem früheren Leben galt sie als „Königin der Coffeetable-Books“, wegen der oft recht schwergewichtigen Kunst- und Interiorbände, die sie im Taschen-Verlag herausbrachte. Angelika Taschen hat das Haus in Los Angeles lange schon gegen eine Wohnung in Prenzlauer Berg eingetauscht, von Fragen der Ästhetik und des Geschmacks aber lässt sie deswegen noch lange nicht ab, wie ihr neues Buch „Der Berliner Stil“ zeigt.

Für manche mag dieser Titel eher eine These sein, denn verfeinerter Stil wird dieser Stadt nicht unbedingt zugeschrieben. Doch welcher Einheimische möchte sich von einer so begeisterten Zugezogenen nicht vom Gegenteil überzeugen lassen? Angelika Taschen – groß, schlank, kerzengerade aufgerichteter Tänzerinnenrücken – erscheint mit Skinny-Jeans, klassischem dunkelblauen Blazer und rasant hohem Schuhwerk mit Raubkatzenmuster zum Interview im Café Oliv; gemäß ihrer Beobachtung, dass man hier nie aufgedonnert auftreten sollte, das Outfit aber ruhig ein bisschen „Rrrrr“ sein darf.

Frau Taschen, Armeejacke statt Blazer, Seidenabendkleid zur Lederjacke und zu jedem Outfit unbedingt eine schlumpfige Wollmütze, wenn die Haare denn nicht zum „Antennenknödel“ zusammengepfriemelt sind: So beschreiben Sie und Alexa von Heyden im Buch den typischen Stil der Berlinerin – und sind begeistert von einer Lässigkeit, die dieser Stadt oft als Nachlässigkeit zum Vorwurf gemacht wird.

Ich finde es toll, wie die Leute hier viel aus wenig machen. Hier herrscht so ein schöner Anti-Chic. In München hat häufig sogar eine Studentin schon eine Louis-Vuitton-Tasche, ganz selbstverständlich. In Berlin würde sich eine Studentin eher schämen, mit einer solchen Tasche herumzurennen. Es sei denn, sie ist von der Oma geerbt! Aber es gibt keine Diktate, man kann das alles sehr individuell entscheiden. Ein paar Anhaltspunkte finden sich allerdings schon.

Welche sind das denn, einmal abgesehen vom obligatorischen Stoffbeutel?

Es hat wirklich nicht sehr viel mit Geld zu tun, sondern damit, wie man lebt, mit Fantasie und kreativen, individuellen Ideen, mit Hinterfragen und den Geschichten hinter den Dingen. Das finde ich alles wahnsinnig spannend – denn es ist nicht oberflächlich.

Dieses Hinterfragen ist ja auch sehr typisch für die jungen Berliner Modedesigner: Was mache ich mit einem Stück wie dem klassischen Jackett, wie nehme ich es auseinander und füge es so wieder zusammen, dass es in die heutige Zeit passt? So, dass man es morgens fürs Büro anziehen und abends in der Bar tragen kann?

Genauso ist es. Es gibt hier ja auch keine Tradition – nicht in dem Sinne, wie es etwa in Paris mit den Modehäusern ist. Dort bestehen manche schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts wie Vionnet und Chanel – oder Lanvin sogar seit 1889. Auch wenn man sich da immer weiterentwickelt, bleibt man doch sehr verhaftet in der Tradition. In Berlin musste man sich nach dem Mauerfall neu erfinden. Außerdem leben wir heute ja mit dem Internet und der Globalisierung auch ganz anders als früher – und in Berlin konzentriert sich das. Viele Leute arbeiten mit ihrem Computer und sitzen dabei zu Hause oder oft im Café oder vielleicht im Gemeinschaftsbüro. Man tauscht sich viel mehr aus, über das Internet, die Lebensweise ist eine ganz andere geworden.

Und das sieht man in Mitte, wo wir uns gerade aufhalten, am deutlichsten? Sehr viele Adressen aus Ihrem Buch sind ja um die Ecke von der Münzstraße, in der wir uns getroffen haben.

Das ist das neue Berlin, es sind die Orte, an denen sich ein neuer Lebensstil entwickelt hat. Charlottenburg ist ein sehr wichtiger Teil dieser Stadt, aber es ähnelt eher anderen Großstädten. Die Gegend, in der wir uns befinden, war Brachland nach dem Mauerfall, hierher sind die Menschen aus dem In- und Ausland gekommen. Es gab keine Vorgaben, man konnte etwas Eigenes entwickeln. Ich bin immer noch großer New-York-Fan oder auch London-Fan, aber das, was ich an diesen Städten toll finde, gibt es in Berlin inzwischen auch. Man sieht diese tollen Cafés, die kleinen Restaurants, die Leute setzen auf Nachhaltigkeit, Regionalität, Homemade und Handmade, all die Dinge, die ich liebe.

Früher wären sie stolz darauf gewesen, heute sind die Berliner eher ein bisschen beleidigt darüber, wenn es heißt: Endlich ist es hier wie in New York, sogar Pastrami gibt es jetzt bei Mogg & Melzer!

Mogg & Melzer ist nicht Katz’ Deli, sondern eine moderne Berliner Interpretation. Und Berlin eifert New York nicht nach, definitiv nicht, sondern entwickelt etwas Eigenes.

Aber was ist das genau?

Ich lebe hier nonstop seit 2004, das sind fast zehn Jahre. Als ich ankam – ich wohne in Prenzlauer Berg –, habe ich schon noch gedacht: Mein Gott, wo bist du hier gelandet?! Berlin war damals noch nicht definiert, erst seit ein paar Jahren ergeben die vielen Puzzlesteine für mich ein Bild. So, dass ich auch sagen kann: Es ist wirklich ein eigener Lebensstil, ein eigenes Biotop – und eben nicht wie New York oder London. Und in den nächsten zehn Jahren wird sich Berlin auf allen Ebenen weiterentwickeln, hier ist so viel los – da wäre man blöd, wenn man wegzieht.

Die vielen Cafés, in denen die Menschen arbeiten oder so tun, als ob, tragen allerdings bei zum gern bemühten Klischee, in Berlin gebe es nur Projekte, die niemals Realität werden. Sehen Sie das auch so?

Das sehe ich ganz anders. In Berlin gibt es eine große – ich hasse das Wort – Kreativszene, das sind alles Menschen, die sehr individuell leben, die keine Bürojobs haben. Keine Versicherungsmakler, sondern Leute, die im Internet ihre Projekte verfolgen. Da hat sich eine ganz eigene Kultur ausgeprägt. Ich finde, gerade in der Start-up-Szene gibt es in Berlin viele Leute, die fantastische Ideen haben. Da ist es ganz normal, dass nur eins von zehn Start-up-Unternehmen Erfolg hat, auch in Kalifornien ist das so. Bei mir ist es doch nicht anders: Ich habe zwanzig Ideen, und nur eine kann ich realisieren, nur eine davon funktioniert, wenn ich Glück habe. Man muss es eben versuchen. Der Film „The Startup Kids“ zeigt das sehr schön, das Scheitern hat im 21. Jahrhundert eine neue Bedeutung bekommen. Ich weiß genau, welche Attitüde hinter solchen negativen Äußerungen steckt – der kann ich nicht folgen. Ich finde es sehr aufregend, was hier gerade passiert.

Kennen Sie das alte Berlin denn eigentlich auch, den doch etwas schläfrigen Westen der Vorwendezeit zum Beispiel?

Ja! Meine Oma hat hier gelebt, deshalb, war ich mehrmals im Jahr in Berlin. Als ich etwas älter war, bin ich dann hierher getrampt, das war einfach an der Transitstrecke. Wenn man irgendwo bei Hannover ein Auto erwischte, dann war klar, dass man erst in Berlin wieder rausgelassen werden würde. Ich war ja Tänzerin, und deswegen bin ich mit einem Ballettkameraden zu den Aufführungen an der Deutschen Oper gereist, zu Tatjana Gsovsky, das war unsere verehrte Ballettmeisterin. Danach haben wir uns die Nacht um die Ohren gehauen und sind wieder zurückgetrampt.

Wohin sind Sie nachts so gegangen?

Wir waren öfter im Dschungel oder im SO 36. Ich studierte damals in Heidelberg, einer aus meiner WG war Musiker und totaler Martin-Kippenberger-Fan, da kannte den eigentlich noch keiner. Und so fuhr man zusammen hin.

Heute leben Sie mitten in Berlin, an einer der, sagen wir: lebhaftesten Kreuzungen in Prenzlauer Berg.

Dazu bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde! Ich kannte die Gegend gar nicht. Ein sehr guter Freund von mir ist in das Haus gezogen, und ich habe die Wohnung dort genommen, ohne sie überhaupt besichtigt zu haben. Manchmal hat man Glück!

Die Villa in Zehlendorf sollte es nicht sein?

Nee, überhaupt nicht. Ich bin zu urban. Alles muss in fünf Minuten oder mit dem Fahrrad zu erreichen sein. Kino, Kiosk, Yogastudio, Restaurants. Ich hasse Autofahren, zumindest hier in Berlin mit den vielen Baustellen.

Haben Sie denn wenigstens die Berliner Angewohnheit angenommen, am Wochenende raus aufs Land zu fahren, am besten in die Uckermark?

Ich sage immer: Meine Datscha steht in Köln, wo meine Tochter lebt, meine Wohnung in Sülz ist mein Wochenendhaus. Da ist es auch sehr schön ruhig und grün.

Sie haben in Los Angeles in einem der berühmtesten und kompromisslosesten Häuser der Moderne gelebt, in John Lautners ufoähnlichem „Chemosphere House“. Wie fühlt man sich dann zwischen Dielen und Deckenstuck, irgendwie um ein Jahrhundert zurückgeworfen?

Meine Wohnung wurde von David Adjaye umgebaut und hat viele sehr moderne Elemente, nicht nur Stuck. Und in dem Lautner-Haus war es sehr viel gemütlicher, als man denkt. Was ich brauche, sind hohe Räume und viel Licht, dann bin ich happy. Die Flurwände habe ich allerdings mit schwarzem Stuccolustro auskleiden lassen. Der Handwerker sagte mir damals: Sie haben Mut! Sogar im Krematorium haben sie Dunkelblau gewählt. Als er anfing, dachte ich mir: Hoffentlich muss ich nicht heulen, wenn es fertig ist! Das wieder rückgängig zu machen, wäre sehr aufwendig geworden. Aber als ich dann reinkam, dachte ich: Yeah! Ich genieße es jeden Tag, bis heute.

Ihre Eltern waren Buchhändler in Bonn – prägt das nicht zwangsläufig die Haltung zu Büchern? Wie viele Bände packen Sie ein, wenn Sie umziehen?

Ich bin zu oft in meinem Leben umgezogen – und habe jedes Mal meine Bibliothek komplett hinter mir gelassen. Ich habe ja Germanistik studiert und besaß alle kritischen Werkausgaben, Schiller, Goethe, Büchner und so weiter. Das hat dann alles mein Bruder bekommen, als ich aus Heidelberg weggezogen bin. Er lebt inzwischen in Brasilien, ich weiß nicht, ob er die Bücher überhaupt noch alle hat. Bei mir war es aber auch jedes Mal so, dass ich mit einem gewissen Lebensabschnitt abgeschlossen und wieder neu angefangen habe.

Und Sie haben sich dann gesagt: Den Schiller, den lese ich das nächste Jahrzehnt eh erst mal nicht?

Es war sehr schön, die gesamte deutsche Literatur im Regal um sich zu haben. Aber gebraucht habe ich es nicht wieder. Wenn ich ein Stück von Schiller lesen möchte, dann kaufe ich mir das Buch noch mal. Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich auch wieder bei A angefangen. Ich hatte ein paar Bücherkisten in Los Angeles gepackt, aber ich habe sie leider nicht inventarisiert, und sie sind nie hier angekommen.

War in diesen Kisten ein Buch, das Sie so richtig vermissen?

Ja, es waren einige, die aus meinen Anfangszeiten bei Taschen stammen, ein Sigmund-Freud-Buch zum Beispiel. Ich hatte so ein paar Schätzchen, die kriege ich höchstwahrscheinlich irgendwie wieder, antiquarisch oder übers Internet, aber da müsste ich mich erstmal dahinterklemmen.

1987 haben Sie angefangen, im Verlag Ihres späteren Ehemannes Benedikt Taschen zu arbeiten. Was war das allererste Buch, das ganz in Ihrer Hand lag?

Eines der ersten war über den Futurismus, darüber hatte ich ja auch promoviert. Damals war es noch sehr teuer, Farbabbildungen zu drucken, die Bilder in Büchern bestanden aus vier Filmen. Für das Futurismus-Buch haben wir die Filme zu den Abbildungen und den Text von einem italienischen Verlag zugekauft. Dann habe ich Bücher über das Möbeldesign des 20. Jahrhunderts und über das Bauhaus gemacht, das wird bis heute unverändert aufgelegt. Später habe ich das erste Fotobuch mit Karl Lagerfeld und auch das erste Fotobuch mit Juergen Teller gemacht.

Sie haben bei Taschen in den Neunzigerjahren die Interior-Reihe eingeführt, wofür Ihnen das Prädikat „Königin der Coffeetable-Books“ verliehen wurde. Passen solche Bücher mit prächtigen, perfekt inszenierten Wohnungen auch noch in die heutige Zeit, oder sieht man sich eher auf Blogs wie The Selby an, wie sich andere einrichten?

Der Markt ist überflutet davon. Und ich sehe schon noch viele Verlage, die damit weitermachen. Aber seit den Blogs und den daraus resultierenden Büchern von Todd Selby oder „Freunde von Freunden“ aus Berlin kann man in meinen Augen diese Bücher nicht einfach so weiter machen, wir leben einfach in einem anderen Jahrtausend.

Wo kaufen Sie in diesem anderen Jahrtausend Ihre Bücher?

Ich reiße mich schon am Riemen und kaufe so oft wie möglich in einer Buchhandlung. In Berlin oft bei Ocelot in der Brunnenstraße, die haben auch einen sehr guten Kaffee und diesen schönen großen Tisch in der Mitte. Und bei Walther König gibt es eine fantastische Auswahl von Ausstellungskatalogen, nach denen ich sonst lange suchen müsste.

Also wird aus familiärer Tradition nicht bei Amazon geordert?

Wenn ich auf Reisen bin und mir ein Buch einfällt, das ich unbedingt haben möchte, bestelle ich es bei Amazon, und es liegt da, wenn ich wieder zu Hause bin. Da ich meistens ziemlich genau weiß, was ich haben will, wäre es bequemer, nur über Amazon zu bestellen. Aber wenn man in die Buchhandlung geht, entdeckt man eben doch immer zwei, drei Sachen, auf die man sonst nicht gekommen wäre. Ich finde auch nach wie vor, dass Bibliotheken und Buchhandlungen schöne Räume sind. Das atmet etwas, das man im Internet nicht bekommt.

Was suchen Sie, im Gegenzug, im Internet?

Ich lese sehr viele Blogs, aber eigentlich erst seit letztem Jahr, vorher habe ich nur hier und da reingeguckt. Ich bin ein Regular bei gut zehn verschiedenen Blogs und bekomme diverse Newsletter. Mit den Blogs, das war mir immer alles zu individuell und zu kleinteilig, aber wenn man sehr viele verfolgt, dann sieht man, dass es da ein Netz gibt, ein ganz eigenes Universum. Das kapiert man eigentlich erst, wenn man es sehr regelmäßig macht und sehr viele Blogs anguckt. Wer wie mit wem, das ist eine Form der Kommunikation. Und ich lese online sehr viel Zeitung. Wobei, am Flughafen kaufe ich mir immer noch viele internationale Magazine. Die amerikanische Vanity Fair, W Magazine, die englische oder französische Vogue, Fantastic Man, Travel + Leisure – alles, was ich cool finde.

Manche nutzen alle neuen medialen Kanäle und sind begeistert von der Fülle der Möglichkeiten, andere fühlen sich genau dadurch überfordert. Kann daraus nicht folgen, dass die Lücke zwischen Viel- und Wenignutzern immer größer wird?

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, weil ich in einem Kosmos der Vielnutzer lebe. Aber: Es wurden ja jetzt diese Steve-Jobs-Schulen in den Niederlanden eröffnet, in die die Kinder nur noch mit einem iPad gehen und über Apps lernen. Ein tolles System, es gibt keinen Frontalunterricht mehr, und jedes Kind lernt so viel, wie es gerade lernen kann. Dadurch wird es möglich, dass nicht alle den gleichen Stoff im gleichen Tempo lernen müssen. Ich glaube, dass die nächsten Generationen gar nicht mehr vor diesen Fragen stehen werden. Es gibt natürlich Leute, für die diese Umbruchsituation schwieriger ist. Doch das ist ein Übergang. Und so schwierig ist es nun auch wieder nicht, wenn man sich auf die guten Sachen fokussiert. Es macht ja auch einen Riesenspaß! Und das Leben wird in so vielen Punkten auch praktisch einfacher.

Wie adaptionsbereit muss man dafür sein?

Ich komme ja noch aus der alten Welt, der analogen Welt – und jetzt, bei diesem Buchprojekt, habe ich gemerkt: Es war ein einziger Austausch, ein wirkliches Gemeinschaftsprojekt mit Alexa von Heyden, Sandra Semburg und Melanie Petersen. Ich sage über meinen Verlag auch: Das, was ich mache, ist so etwas wie Publishing Sharing. Vergleichbar mit Carsharing, Home Exchange oder dass hier überall Fahrräder herumstehen, die man sich leihen kann. Dieses Verkrustete, dass jeder sich in Konkurrenz zum anderen versteht – das ist hoffentlich bald vorbei. Wir können gar nicht überleben, wenn wir so weitermachen. „Der Berliner Stil“ ist nicht in meinem Verlag, sondern bei Knesebeck herausgekommen, weil das Buch eher ein breiteres Publikum erreichen soll.

Weil es in Ihren eigenen, 2011 gegründeten Verlag Angelika Publishers nicht so recht reinpasst?

Nein, ich grenze mich da gar nicht ab, aber ich habe einfach nicht diese Möglichkeiten für den Vertrieb, ich bediene nicht die ganzen Grossisten, wie etwa Hugendubel. Für diesen Moment habe ich mir Freiheit erkämpft, und diese Flexibilität möchte ich jetzt erst einmal behalten. Alle suchen nach neuen Mitteln und Wegen, aber ich glaube, dass man das alles miteinander kombinieren muss. Dafür bin ich jetzt in einer idealen Situation, weil ich keinen Riesen-Apparat an der Backe habe, den ich erhalten muss. Deswegen mache ich nur Kleinstauflagen. Und den „Berliner Stil“ kann man in etwas größeren Stückzahlen verkaufen. Obwohl es bei Knesebeck erscheint, werbe ich dafür auf meiner eigenen Website und verlinke dazu. Ich kenne gerade keinen Verlag, der das sonst macht, aber ich glaube, dass so etwas in dieser Art die Zukunft ist. Ich habe das jetzt eben einfach mal so gemacht.

Wenn Sie von Freiheit und Flexibilität schwärmen: Ist das auch deshalb so befreiend, weil Sie beim Taschen-Verlag, mit teilweise sehr opulenten Fotobänden, immer in globalen geschäftlichen Dimensionen denken mussten?

Ich denke immer noch international, meine Bücher werden auch im Ausland verkauft. Aber wir leben nun in einem anderen Zeitalter, in dem man die Dinge anders macht. Keiner weiß, wo genau die Reise hingeht. Klar ist: Print ist schwierig. Wie man Inhalte im Internet bezahlt bekommt, weiß noch keiner. Es wird ein Learning-by-Doing sein. Aber ich glaube total an die Sachen, die passieren werden. Ich genieße die Zeit, in der wir leben. Die Veränderungen auf der ganzen Welt sind so groß, so stark, dass vieles Alte zusammenkrachen wird. Wir benötigen auf allen Gebieten neue Modelle, in der Wirtschaft, im Bankenwesen, im Urheberrecht, in den Schulen. Berlin ist in vielem ganz weit vorn. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich im Hier und Jetzt leben darf.

Buchverlage – wie Suhrkamp – gehen in Insolvenz, Medienkonzerne stoßen ihre Zeitungstitel ab: Sind das nicht eher nur negative Signale?

Man kann nicht immer nur sagen: Oh, es ist so traurig, dass es bald keine Bücher und Zeitungen mehr geben wird. Dem ist nicht so. Ich glaube an Inhalte, und mir ist es egal, in welcher Form ich die habe, ob gedruckt, als E-Book oder als Hörspiel vorgelesen. Was spricht dagegen, die App-Ausgabe seiner täglichen Zeitung runterzuladen? Und ab und an ein schönes gedrucktes Magazin zu kaufen? Es ist doch eher gut, dass man nicht mehr so viel Papier verschwendet. Im Verlagsbereich war das immer der entscheidende Posten. Ein Buch, das man nicht auf dem iPad darstellen kann, wegen der Größe, des Designs, weil es ein Pop-up-Buch ist oder eine gewisse Sensualität hat – okay, das lohnt sich, aber man muss nicht alles, was man liest, auf Papier haben.

Sie haben, kurz bevor Sie Los Angeles den Rücken gekehrt haben, bei Taschen noch einen opulenten Band über die Schönheitschirurgie herausgegeben, von der Antike bis zur Gegenwart.

Das Thema fasziniert mich! Aber auch hier und zehn Jahre später hat sich viel geändert, und ich sehe das inzwischen auch noch mal anders. Es wird einfach mehr und mehr und mehr. Heute lassen in den USA schon die jungen Frauen um zwanzig etwas machen. In den Neunzigerjahren gab es viele Eingriffe noch gar nicht, heute gehört diese Möglichkeit für sehr viele dazu in unserer Welt. Die Methoden werden natürlich auch immer besser, früher sah man nach einem Lifting … irgendwie ganz anders aus.

Was meinen Sie: Ist dieser Ehrgeiz, den Körper zu optimieren, typisch für Los Angeles und speziell für Hollywood?

Man tut den Menschen dort Unrecht, wenn man sagt, sie machten nur Body-Optimierung. Gerade in Los Angeles sind viele sehr spirituell ausgerichtet, vor Yogastunden gibt es immer eine Lesung oder einen kleinen Vortrag, wogegen die Deutschen sehr allergisch sind. Aber viele Leute sind dort wirklich körperbetonter. Was es da an Diäten gibt, das ist ein Wahnsinn. Man sollte für Hollywood schon Size Zero haben.

Hat Sie das gestresst? Oder kann man sich einem solchen Perfektionswahn entziehen?

Ich habe schon gemerkt, dass ich irgendwie ein bisschen anders bin, etwas natürlicher und nicht ganz so besessen. Aber auch in Hollywood gibt es ganz unterschiedliche Leute, nicht nur Schauspielerinnen.

Sie machen, haben Sie erzählt, möglichst täglich Ihr Mittagsyoga, ursprünglich aber wurden Sie als Balletttänzerin ausgebildet. Wie kam es zum Wechsel an die Universität?

Ich bin zu groß, um klassisches Ballett zu machen, zehn Zentimeter, das ist einfach so. Auf Modern Dance habe ich nicht früh genug umgesattelt, und für Musicals habe ich nicht die Stimme. Ich kann nicht singen, das ist unterirdisch. Und immer in der letzten Reihe zu tanzen, wäre es auch nicht gewesen. Deswegen habe ich angefangen zu studieren, doch es ist mir sehr schwer gefallen, auf das Tanzen zu verzichten. Aber jetzt habe ich ja Yoga, das liegt sehr nah beieinander. Man ist dabei auch so mit seinem Körper und der Atmung beschäftigt, dass man die Gedanken abstellen kann, und danach ist man wie sauber gewaschen im Kopf.

Interview: Carmen Böker